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Konzert mit Beth Ditto: Die Kraft des unbändigen "Yeah"

Beth Ditto beschäftigt Musikkritiker genauso wie Karl Lagerfeld. Auf der Bühne ist die Sängerin der Band Gossip ein Erlebnis, das man nie mehr missen möchte. So geht wahrer Rock'n'Roll. Wir hatten es nur fast schon vergessen.

Von Sophie Albers

Stellen Sie sich vor, Madonna brüllt "Yeah" ins Mikrofon. Jetzt stellen Sie sich vor, Lady Gaga brüllt "Yeah" ins Mikrofon. Und dann auch noch Beyoncé. Hm, ja hübsch sehen sie alle dabei aus. Lady Gaga vielleicht auch ein bisschen irre, weil die Augen auf doppelte Größe geschminkt sind und sie so komisch mit der Hüfte zuckt. Bei Madonna kommt es kraftvoll, mit optimal angespanntem Oberarm. Bei Beyoncé dagegen cool und elegant. Nein, dass sie dabei Strapse trägt, interessiert gerade nicht.

Wenn Beth Ditto von der Band Gossip "Yeah" schreit, dann sieht das ein bisschen anders aus. Beth Ditto reißt den Mund so weit auf, wie es eben geht. Das schwarze Make-up, das mal über den Augen war, hängt jetzt auch drunter. Ihr ganzer gewaltiger Körper schreit mit. Das "Yeah" kommt aus einer Tiefe, die kaum einer mehr erwartet hätte. Es ist ein "Yeah", das den Palast des Pop zum Einstürzen bringt, um ihn gleich wieder aufzubauen. Das ist Freude, Freiheit, Energie. Das ist Rock'n'Roll.

Außerdem ist dieses "Yeah" aus der bebenden Brust einer schwitzenden, hüpfenden, lachenden Diskokugel ein gestreckter Mittelfinger gegen all das, was am Popbusiness keinen Spaß mehr macht: Zielgruppen, Castingshows und Popstardiäten, Paparazzi auf Zellulitis-Jagd und Selbstdarstellungswahn. Dabei funktioniert es auch gegen nervende Lehrer und Controller, die Menschen entlassen, um eine Firma an den Markt "anzupassen". Wenn Beth Ditto "Yeah" brüllt, dann brüllen 2000 Konzertbesucher in Berlin mit. Und wenn Sie jetzt sagen, das hat was von Bäume umarmen, vielleicht stimmt das sogar ein bisschen. Denn der Gossip-Auftritt im Columbia Club am Donnerstagabend hatte etwas Befreiendes, Erfrischendes, Beflügelndes. Weil man so etwas viel zu selten sieht.

Naturgewalt mit glockenheller Stimme

Vielleicht hat die "Yeah"-Pause aber auch Sinn gemacht. Vielleicht waren Madonnas Trizepstraining und Pete Dohertys Drogenpartys nötig, damit so etwas wie Beth Ditto überhaupt die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr zusteht. Vor ein paar Jahren hätte ihr Oberschenkelumfang schließlich noch erfolgreich und umfassend jedes Interesse an ihrer glockenhellen, glasklaren Stimme zunichte gemacht, mit der sie Songs von Tina Turner genauso umarmt wie die der Talking Heads. Die Disco und Techno vereint - und das aus einem runden Bauch heraus, nicht als verfrickelte Kopfgeburt.

Die einzige Verpackung, die Beth Ditto für ihre Musik mitgebracht hat, ist ein silbern glitzerndes Hemd, das sie nach fünf Songs von sich wirft. Dann steht sie da, mit in die Seiten gestemmten Armen und lacht. Eine fette Frau in einem schwarzen Body, der die Naturgewalten kaum halten kann. Wer hätte gedacht, dass wir solch eine Schönheit noch begreifen können. Beth Ditto ist sogar wunderschön, und das nicht nur wegen des "Yeah", das den Rock'n'Roll zurückholt. Wunderschön ist es, einen Körper zu sehen, der lebt und vor Freude darüber tobt, anstatt sich dafür zu schämen. Und damit das auch jeder mitkriegt, rülpst Beth Ditto vor der Zugabe noch mal kräftig ins Mikrofon. Noch so ein "Yeah".