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ESC 2018: Israel vorne und Deutschland wieder Letzter? Die Prognose für Lissabon

Der deutsche ESC-Teilnehmer Michael Schulte könnte in Lissabon für eine Überraschung sorgen. Als Favorit gilt Israel - doch mehrere Länder wollen Sängerin Netta den Sieg streitig machen.

ESC 2018

43 Teilnehmer treten am Samstagabend beim Eurovision Song Contest in Lissabon gegeneinander an. Einen haushohen Favoriten gibt es nicht, doch fünf Länder werden bei Buchmachern, Fans und Journalisten die größten Siegchancen ausgerechnet. Und Deutschland? Darf endlich wieder hoffen. Das ist die Prognose für den Sieg und das deutsche Abschneiden:

Israel - Netta mit "Toy"

Der Eurovision Song Contest hat ein Herz für Exoten – das ist spätestens seit Lordi und Conchita Wurst klar. In diesem Jahr sorgt Netta Barzilai aus Israel für Aufsehen. Die hebräische Beth Ditto gibt mit "Toy" einen Song zum Besten, in dem gegackert wird. Ja, Sie haben richtig gehört: Netta gibt Laute wie ein Huhn von sich. Das hat einen ernsten Hintergrund. In ihrem Lied geht es um die #metoo-Debatte. Das Gegacker soll symbolisieren, dass Frauen von Männern oft als hysterische Hühner abgetan werden. Eine witzige Idee und eine wichtige Botschaft, kombiniert mit einem modernen Popsong und einer Interpretin, die mit guter Stimme und Charisma glänzt. Kein Wunder liegt Netta in den Wettquoten ganz vorne. Das verrückte Huhn könnte nach Dana International 1998 endlich wieder einen Sieg nach Israel holen.


Zypern - Eleni Foureira mit "Fuego"

Vor dem ersten Semifinale rechnete ihr kaum jemand große Chancen aus: Eleni Foureira führt mittlerweile die Wettquoten an, könnte mit ihrem Titel "Fuego" den ESC zum ersten Mal nach Zypern holen. Die 31-Jährige ist der Gegenentwurf zu Netta aus Israel. Statt politischer Botschaft setzt sie auf pure Unterhaltung: Feuerwerk, Windmaschine und viel nackte Haut, dazu ein klassischer Europop-Song mit eingängigem Refrain. Nach zwei melancholischen Siegern in Folge (Ukraine und Portugal) darf der ESC wieder Spaß machen. Ganz schön seicht? Vielleicht. Aber mit Eleni würde eine gebürtige Albanerin, die jetzt in Griechenland lebt und mit einem spanischen Fußballer liiert ist, den ESC für Zypern gewinnen. Mehr Europa geht nicht.


Norwegen - Alexander Rybak mit "That's How You Write A Song"

Er ist ein alter Bekannter: 2009 feierte Alexander Rybak mit "Fairytale" in Moskau einen grandiosen ESC-Sieg und deklassierte die Konkurrenz. Neun Jahre später tritt er erneut an – und wie es scheint hat er nichts verlernt. "That's How You Write A Song" heißt sein Lied, das er selbst geschrieben hat. Darin erklärt er mit Augenzwinkern, was die Zutaten für einen guten Pop-Song sind. Offenbar hat er dabei bei Pharrell Williams abgeschaut, denn der Titel könnte genauso gut aus dessen Feder stammen: Gitarrenintro, Synthesizer und ein Gute-Laune-Refrain sorgen für "Happy"-Feeling. Wenig originell, aber solide – am Ende könnte Rybak der kleinste gemeinsame Nenner sein.


Tschechien - Mikolas Josef mit "Lie To Me"

Tschechien gehört beim ESC zu den ewigen Verlierern. Bei sieben Teilnahmen schaffte es das Land nur einmal bis ins Finale und erreichte 2016 den vorletzten Platz – einen Rang besser als Jamie-Lee Kriewitz aus Deutschland. In Lissabon soll alles besser werden. Dafür will der erst 22-jährige Sänger Mikolas Josef mit seinem selbstkomponierten Song  "Lie To Me" sorgen. Der hört sich an wie eine Symbiose aus Pop-, Rap und Funksong. Vor allem das Trompetensolo im Refrain bleibt im Gedächtnis. Ungewöhnlich und gut. Josefs Songtext, in dem es um die Liebe zu einer älteren Frau geht, war so versaut, dass er ihn für den ESC entschärfen musste. Der Junge mit dem Lausbubencharme und dem Schulrucksack hat es faustdick hinter den Ohren.


Schweden - Benjamin Ingrosso mit "Dance You Off"

Mit Schweden ist beim ESC immer zu rechnen. Auch wenn der diesjährige Song "Dance You Off" eher als Massenpopware bezeichnet werden darf, könnte er am Ende in Lissabon reüssieren. Der Grund heißt Benjamin Ingrosso. Der sympathische Schwede mit der schlumpfigen Stimme erobert die Herzen im Sturm. Dazu kommt die Präsentation des Songs: Ingrosso tanzt in einer vierten Dimension zwischen leuchtenden Neonröhren – eine perfekte Inszenierung. Und wer kann zu Ingrossos keckem Augenaufschlag schon nein sagen.


Frankreich – Madame Monsieur mit "Mercy"

Schwere Kost aus Frankreich: Émilie Satt und Jean-Karl Lucas sind das Duo Madame Monsieur und greifen ein Thema auf, das Europa umtreibt: die Flüchtlingskrise. In "Mercy" geht es um ein Flüchtlingskind, das an Bord eines Flüchtlingsbootes auf dem Mittelmeer geboren wird. Verschreckt das die ESC-Zuschauer? Dass auch Songs mit politischer Botschaft beim ESC ankommen können, hat die Ukraine 2016 bewiesen. Trotz der inhaltlichen Schwere klingt "Mercy" leicht und animiert sogar zum Mitsummen. Das Duo verzichtet auf jede Betroffenheitsgestik – das verhindert das Abgleiten zum Kitsch. "Mercy" besticht durch seine Schlichtheit – und könnte so zum ersten Französisch gesungenen ESC-Sieger seit Céline Dions "Ne partez pas sans moi" (1988 für die Schweiz) werden.


Und wie schneidet Deutschland beim ESC ab?

Michael wer? Michael Schulte fährt für Deutschland zum Eurovision Song Contest. Der rote Lockenkopf gewann im Februar den deutschen Vorentscheid und sicherte sich damit das Ticket für Lissabon. Seitdem ist es um den 28-Jährigen und seinen Song "You Let Me Walk Alone" hierzulande allerdings sehr still geworden. Trotzdem hat er gute Chancen, besser als seine Vorgängerinnen in den vergangenen Jahren abzuschneiden. Schulte gilt neben Moldau und Litauen als Dark Horse - und könnte es als Außenseiter auf die vorderen Plätze schaffen.

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