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Eurovision Song Contest 2018: Israel gewinnt den ESC: Gut gegackert

Die Israelin Netta fiel aus dem Rahmen – und gewann vermutlich deshalb den Eurovision Song Contest 2018. Und Michael Schulte hat Deutschland bewiesen, dass es nicht auf letzte Plätze gebucht ist.

Von Lars Peters

Geschichte wiederholt sich also doch nicht. Auch nicht beim Eurovision Song Contest (ESC). Dabei hatte es in den letzten Tagen vor dem Finale am Samstagabend so ausgesehen, als könnte die Israelin Netta Barzilai das gleiche Schicksal ereilen wie im Vorjahr den Italiener Francesco Gabbani: Der stand wochenlang eigentlich schon als ESC-Sieger fest, am Ende wurde er überrundet vom Portugiesen Salvador Sobral. Auch in den Wochen vor dem ESC in Lissabon schien sonnenklar, dass Netta den ESC nach Israel holen würde. Dann aber übernahm am vergangenen Dienstag plötzlich die zyprische Vertreterin Eleni Foureira die Führung bei den Wettquoten. Es schien wie im Zweikampf Gabbani/Sobral zu laufen.

Am Ende, weit nach Mitternacht deutscher Zeit, war jedoch die 25-jährige Israelin in der vollen Altice Arena vor 11.000 Fans und Millionen von TV-Zuschauern die strahlende Siegerin des Abends. Netta – optisch eine Kreuzung aus der wohlbeleibten Sängerin Beth Ditto und der für schrille Outfits bekannten Björk – zog die Massen mit ihrem außergewöhnlichen Popsong "Toy", mit schrägem Gegacker und Flügelschlag-Bewegungen in den Bann. Viele Beobachter deuten das Lied als musikalischen Ausdruck der Metoo-Debatte.

Eleni Foureira, in ihrem engen Catsuit an Beyoncé erinnernd, hatte das Nachsehen. Die für Zypern startende Griechin spielte bei ihrem Ethno-Popsong "Fuego" vor allem mit ihren optischen Reizen und ihrer wilden Mähne, sie wurde Zweite. Immerhin das beste ESC-Ergebnis für Zypern, seitdem die Mittelmeerinsel 1981 zum Wettbewerb gestoßen ist. Für Israel war es der vierte Sieg in der ESC-Geschichte, nach 1978, 1979 und 1998.

Netta freut sich über den Gewinn des ESC 2018. Für Israel ist es bereits der vierte Sieg bei dem Musikwettbewerb.

Netta freut sich über den Gewinn des ESC 2018. Für Israel ist es bereits der vierte Sieg bei dem Musikwettbewerb.

DPA


In der Jury-Wertung siegte Österreich

Die Jurys fanden Österreichs Lied am besten. Dabei hatte es in der Votingphase zunächst so ausgesehen, als könnten sich beide Frauen den Sieg abschminken. Seit 2016 werden die Abstimmungsergebnisse der Länderjurys und der TV-Zuschauer, die je 50 Prozent des Gesamtrankings ausmachen, getrennt vorgetragen. Erst wurden die Punkte der 43 Jurys bekannt gemacht, und da lag die Gospelhymne "Nobody But You" des Österreichers Cesár Sampson mit Abstand vorn, für fast jeden Beobachter völlig überraschend.

Als Barbara Schöneberger die deutsche Jurywertung verlas, hatte Deutschlands Beitrag, das anrührende "You Let Me Walk Alone", schon 167 Punkte eingesammelt, mehr als in den letzten fünf Jahren zusammen. Es lief also richtig gut für Michael Schulte, der seine Ballade über seinen früh verstorbenen Vater überzeugend präsentiert hatte. Die Länderjurys setzten Deutschland insgesamt auf Rang 4. Auch der schwedische Beitrag "Dance You Off" traf bei den Juroren auf Wohlgefallen (Platz 2).

Ganz anders jedoch bei den Zuschauern. Selten lagen Publikums- und Jurymeinung so weit auseinander wie in diesem Jahr. Der allzu glatt als Videoclip inszenierte Retro-Dancepop des Schweden Benjamin Ingrosso fiel beim Publikum durch, und auch Sampson erhielt nur vergleichsweise wenige Punkte. Am Ende reichte es Österreich noch zu einem dritten Platz.

Zwischen Poparie und Countryrock

Deutschland schaffte im Televoting Platz 6, so dass Michael Schulte sich zum Schluss über Gesamtrang 4 freuen konnte. Es ist das beste deutsche Ergebnis seit dem Sieg von Lena im Jahr 2010. "Mein Traum war es, in die Top 10 zu kommen", sagte der 28-Jährige nach der Show. "Das haben wir mehr als geschafft. Und mein anderer Traum war, von irgendeinem Land 12 Punkte zu bekommen. Jetzt waren es viermal 12 Punkte und mehrere Male 10 Punkte, und das ist für mich als deutscher Eurovision-Fan einfach schön."

Der Norweger Alexander Rybak, Sieger des ESC 2009, musste indes seine Ambitionen, ein zweites Mal den Wettbewerb zu gewinnen, frühzeitig begraben – dabei galt er in den Wettbüros in der vergangenen Woche zwischenzeitlich als möglicher Siegkandidat. Sein Lausbubencharme konnte jedoch nicht die Schwäche seines Funkpopsongs wettmachen: "That's How You Write a Song" - mag sein, aber eben keinen guten.

Wenig Zuspruch von den Jurys, dafür umso mehr vom TV-Publikum, erhielt das heftige Metal-Stück "Viszlát nyár" der ungarischen Rockband AWS. Ohnehin fiel der ESC in diesem Jahr durch eine ungewohnt große musikalische Vielfalt auf, unter anderem mit serbischer Folklore, Stakkato-Dance auf Slowenisch, der Poparie einer estnischen Sopranistin, Countryrock aus den Niederlanden und einer getragene Liebesballade aus Litauen. Der textlastige Beitrag Italiens über die Terroranschläge in Europa in den vergangenen Jahren erzielte das drittbeste Televote-Ergebnis und kam letztlich auf Platz 5.

Flitzer bringt britische Sängerin nicht aus der Fassung

Für ruhige Töne bei all der aufmerksamkeitsheischenden Wettbewerbskost sorgten zum einen zwei portugiesische Fadosängerinnen sowie Vorjahressieger Salvador Sobral, der am Ende auch Netta die Siegestrophäe überreichte. Vermutlich wenig angetan – in einem Interview hatte Sobral vor ein paar Tagen erklärt, dass es das israelische Lied schrecklich finde.

Allerdings: Geschichte wiederholt sich eben doch beim Eurovision Song Contest. 2010 in Oslo sprang der bekannte Flitzer Jimmy Jump kurzzeitig während des spanischen Auftritts auf die Bühne; nun rannte ein Unbekannter im Auftritt von SuRie auf die Bühne und entriss der Britin das Mikrofon. Die Sicherheitskräfte fingen den Mann schnell, und SuRie sang ihr "Storm", unter dem Jubel der Zuschauer in der Halle, mit umso mehr Energie zu Ende. Die britische Delegation lehnte das Angebot der Veranstalter, den Popsong nochmal vorzutragen, ab. Wohl kein Wunder – schließlich hatte die 29-Jährige mit der wasserstoffblonden Kurzhaarfrisur doch gesungen: "Kopf hoch, gib nicht auf … wir können uns an den Händen halten durch diesen Sturm." Geholfen hat es dennoch nichts: SuRie wurde Drittletzte.

Netta: