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Lambchop: Jenseits von Nashville

Ihre Musik ist komplett entschleunigt - und Lambchops eigenwillige Melange aus Country und Soul daher gut für die Seele.

Kurt Wagners Stimme klingt wie ein Kaminfeuer. Die Vokale brummeln tief in seinem warmen Tennessee-Akzent. Konsonanten knacken wie trockene Äste. Wenn Wagner spricht, erfüllt Glut den Raum. Und wenn er sein heiseres Lachen lacht, scheint es, als flögen kleine Funken. Woher kommt diese Stimme?

Kurt Wagner, 45, grinst und zieht als Antwort eine angeknüllte Zigarettenschachtel aus der Hemdtasche. "Vantage", eine obskure amerikanische Marke mit Pappfilter. Aber die Erklärung stimmt natürlich nicht. Was Wagners Stimme ausmacht, hat weniger mit den Abgasen seines Rauchkrauts zu tun als mit Lebenserfahrung, mit seinem subtilen Humor - und mit Bodenhaftung.

14 Jahre arbeitete der Mann mit den schlechten Zähnen und dem schütteren Haar als Fußbodenverleger. Walnuss, sagt er, sei sein Lieblingsholz: schwer, dunkel und ölig. Fünf Alben nahm er nebenher mit seiner Band Lambchop auf. Bei den Kritikern hatte er für seine fein geschliffene Zeitlupenmusik immer einen Stein im Brett. Mit seinem sechsten Album "Is A Woman" kam Lambchop sogar in die deutschen Charts. Und Wagner hängte seine Säge an den Nagel.

Lambchop, 1986 als Trio gegründet, ist heute ein bis zu 20-köpfiges Sammelbecken von Musikern. Die meisten gehen weiterhin ihren erlernten Berufen nach. Gärtner, Elektriker, Bauarbeiter. Ihre Bläser- und Streichersätze brauchen keine elektronischen Mätzchen. Aufgenommen wird nach alter Väter Sitte auf Tonband - was den warmen Lambchop-Sound erklärt. Heraus kommt ein sehr eigenwilliger Sound aus Jazz, Soul Country und kunstvollem Krach.

Lambchop sind das Gegenteil von dem, was man hierzulande mit Nashville verbindet. Als Kind spielte Wagner Cello. Seine ersten Konzerte gab er im Punk-Plattenladen seiner Frau. Wenn Wagner im Garten sitzt und Liedertexte auf dem Laptop schreibt, lässt er sich gern inspirieren von Ameisen zwischen den Tasten oder Hunden, die über den Rasen tollen. Gerade hat er Musik für den Stummfilm "Sonnenaufgang" von F.W. Murnau geschrieben.

Aber was bitte soll der Name - Lammkotelett? "Der kam einfach so, vor langer Zeit schon", sagt Wagner, "und dann ist es dabei geblieben. Es gibt nichts Langweiligeres als den Krampf um originelle Bandnamen. Bei mir sind es eher einfache Dinge, die meine Hirntätigkeit anregen." Er greift nach einem Kugelschreiber auf dem Tisch. "Ich könnte mir überlegen, wer ihn vor mir in der Hand hielt. Hat jemand damit ein wichtiges Dokument unterschrieben? Gehörte er vielleicht einer Geliebten? Oder jemandem, der kürzlich starb?"

Bei solch Fantasie ist es kein Wunder, dass Kurt Wagner nun, bei seinem siebten Werk, vor einem Dilemma stand. Wo sollte er all die Songs unterbringen, die aus ihm heraussprudeln? Aber schließlich gelang es ihm, 24 verschwenderisch schöne Stücke für eine Doppel-CD auszuwählen. Der Titel "Awcmon/Noyoucmon" gibt vermutlich den Dialog zwischen Wagner und seiner Plattenfirma wieder. Auf Deutsch bedeutet das etwa: "Hör schon auf!" - "Nein, hör du doch auf!" Kurt Wagner, das weiß auch seine Plattenfirma, ist damit bestimmt nicht auf dem Holzweg.

Ralph Geisenhanslüke / print
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