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Haldern Pop Festival 2006: Eigentlich wollten wir nicht übers Wetter reden

Ein kräftiges Unwetter sorgte zu Beginn des diesjährigen Haldern Pop Festivals dafür, dass alle Gäste einmal so richtig nass wurden. Wer sich davon nicht abschrecken ließ, wurde für das Ausharren reich belohnt.

Von Carsten Heidböhmer

Auch 2006 trotzden mehr als 4000 Fans beim Haldern Pop den widrigen äußeren Bedingungen

Auch 2006 trotzden mehr als 4000 Fans beim Haldern Pop den widrigen äußeren Bedingungen

Das komplett verregnete Festival 2005 hatte Pressesprecher Wolfgang Linneweber damals mit dem Ausspruch kommentiert, auf Humus gedeihe bekanntlich die Kreativität. Welche Früchte dieser Humus abwarf, ließ sich beim diesjährigen Haldern Pop bewundern. Seit mehr als 20 Jahren schon ist dieses Festival Garant für Popmusik jenseits des Mainstreams. Über die Jahre hat sich eine derart treue Fangemeinde etabliert, dass sich Linneweber angesichts eines aufziehenden Unwetters keine Sorgen um die Stimmung auf dem Festival zu machen brauchte, sondern Gedanken an die Tomaten in seinem Garten verschwendete. In Haldern ist eben etwas herangewachsen, das sich nicht so leicht zerstören lässt.

Dies drückt sich auch im diesjährigen Motto aus: "Guten Tag, heute schon Kartoffeln geschält". Wie kein zweites Festival in Deutschland lebt Haldern von der regionalen Verwurzelung und der Bodenständigkeit. Die großen Namen, die perfekte Show mag anderswo abgehen: Hier am Niederrhein setzt man einzig und allein auf qualitativ hochwertige Musik. Und die gab es auch in diesem Jahr wieder in Hülle und Fülle. Das Vorspiel erklang bereits am Donnerstagabend im Spiegelzelt direkt neben dem Festivalgelände, wo unter anderem Martha Wainwright und die amerikanische Band Lambchop auftraten.

Dem Regen getrotzt

Richtig los ging's am Freitagnachmittag mit den Veils, Morning Runner und den Zutons aus Liverpool. Das Gelände war gut gefüllt, und alle waren bereit für einen schönen Konzertabend. Doch kurz darauf ergoss sich ein gewaltiger Wasserschwall auf das Publikum hernieder, gegen den weder Schirm noch Baum hinreichend Schutz gewährten. Wer nicht ins Auto geflüchtet war, wurde bis auf die Haut durchnässt. Das Gelände hatte sich durch das zweistündige Unwetter zudem in einen einzigen schlammigen Acker verwandelt. In kürzester Zeit erfuhren Gummistiefel eine Wandlung vom modischen Accessoire zur lebensnotwendigen Schutzkleidung. Angesichts dieser widrigen Umstände ging der hervorragende Auftritt von We are Scientists leider etwas unter, genau wie die anschließend aufspielenden Cooper Temple Clause.

Als Motorpsycho schließlich um 21:40 Uhr die Bühne betraten, hatten sich die Regenwolken wieder verzogen. Die Fans - vom vergangenen Jahr Regenkummer gewohnt - hatten größtenteils ausgeharrt und waren bereit für die Rockshow der Norweger, die tief in die 70er Jahre zurückführte. Danach lieferten Element of Crime einen Querschnitt durch ihr rund 20-jähriges Schaffen. Die Band um Sven Regener gastierte bereits zum viertel Mal am Niederrhein. "Haldern ist im Wesentlichen ein Festival für die Leute hier in dieser Gegend. Das ist wie eine Fahrt aufs Land", begründete Regener im Gespräch mit stern.de seine Vorliebe für dieses Festival. Gerade diese lokale Verwurzelung macht den Charme aus und führt dazu, dass Menschen aus allen Teilen Deutschlands und sogar aus dem Ausland anreisten.

Mogwai verabschiedeten dann das Publikum mit ihren Gitarrengewittern in die Nacht. Wer dann noch nicht genug hatte, konnte im Spiegelzelt mit The Revs und Final Fantasy weiterrocken. Für alle anderen ging es am nächsten Tag weiter, mit strahlendem Sonnenschein und den Nachmittagsbands Gem, The Rifles, Islands und den Guillemots.

Männer in den besten Jahren

Wie peinlich sich Herren in der Midlife-Crisis im Rampenlicht aufführen, konnte man beim Auftritt der Wrens beobachten, Die vier Musiker aus New Jersey wurden im Programmheft als "Männer in den besten Jahren" angekündigt, und zumindest Sänger Kevin Whelan führte sich auf, als müsse er genau das aller Welt beweisen: Wiederholt warf er seine Gitarre in die Luft, hüpfte wie ein junger Adonis auf der Bühne herum und kletterte auf einen riesigen Verstärker, um von dort herunter zu springen. Bei all dem Schmierentheater trat der wundervoll melodische Gitarrenpop der Wrens leider ein wenig in den Hintergrund.

Keinen Zweifel an der Qualität ihrer Musik ließen die in Großbritannien derzeit hoch gehandelten Kooks. Mit ihrem energetischen Konzert und vor allem der Fülle großartiger Songs machten sie klar, dass sie alles andere als eine Eintagsfliege sind. Dagegen konnte der anschließend aufspielende Paolo Nutini Zweifel an der Nachhaltigkeit seines Erfolgs nicht ganz ausräumen. Über derartige Gedankenspiele ist James Dean Bradfield längst erhaben. Der Frontmann der Manic Streeet Preachers wandelt derzeit auf Solopfaden, ließ es sich aber nicht nehmen, in Haldern einige Songs der Manics zum Besten zu geben.

Neil Hannon kommt ohne Orchester

Mit Divine Comedy betraten anschließend alte Bekannte die Bühne: Die Band um Sänger und Komponist Neil Hannon war zuletzt vor zwei Jahren mit einem riesigen Orchester am Niederrhein aufgetreten. In diesem Jahr geriet sein Line-up ein wenig kleiner. "Die neue Platte hat mehr von einem Band-Gefühl", begründete Hannon gegenüber stern.de diesen Schritt. Auch ohne große Besetzung sorgten Divine Comedy für Gänsehaut-Momente.

Zum Schluss ließen es die Twilight Singers um Greg Dulli, den ehemaligen Frontman der Afghan Whigs, noch einmal richtig krachen und entließen die Zuschauer mit einer amtlichen Rockshow in die Nacht respektive ins Spiegelzelt, wo Ed Harcourt und die Hamburger Band Kante noch bis in den frühen Morgen spielten.

So wurde Haldern 2006 trotz anfänglicher Regengüsse ein schönes, entspanntes Festival. Die großen Höhepunkte fehlten in diesem Jahr, dafür gab es keinen Ausfall - und viel Musik auf hohem Niveau. So kann man sicher sein, dass die vielen treuen Haldern-Fans auch im nächsten Jahr wiederkommen werden. Ob gleiches auch für Linnes Tomaten gilt?