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OPEN AIR: Für Rock-Festivals beginnt die heiße Phase

Über 80 Rockmusik-Festivals warten im August noch auf die boomende Fangemeinde. Und es gibt für jeden was: von Alternativgeschrammel bis zu härtestem Heavy Metal.

Das verrockte Deutschland hat die Festivalitis. Überall, wo sich ein Gelände anbietet und zahlungswillige Fans bereitstehen, wird in diesen Tagen unter freiem Himmel gerockt. Allein 84 Festivals verzeichnet der vom Musiksender Viva und der Musikzeitschrift »Intro« unterhaltene »Festivalguide« im Internet für den August, 22 davon ballen sich bereits am ersten August-Wochenende. Damit geht die Festival-Saison, die traditionell mit den Großereignissen »Rock am Ring« und »Rock im Park« zu Pfingsten eröffnet wird, in ihre finale Phase.

Heavy Metal über alles

Gleich am ersten August-Wochenende darf sich das ansonsten idyllische Wacken im tiefsten Schlesweig-Holsteins, als Nabel der Metal-Welt fühlen. Für drei Tage werden auf dem Acker die wichtigsten Bands der Szene aufspielen. Letztes Jahr vor immerhin 25.000 Besuchern. Und da das andere Großereigenis der Branche, das niederländische Dynamo zu Pfingsten wegen der dort grassierenden Maul- und Klauenseuche abgesagt wurde, rechnetn die Veranstalter mit noch mehr Langhaarschwingern auf dem Festival-Acker.

Camping am Bizarre

Das größte Ereignis der Endrunde wird sicherlich das Bizarre-Festival sein, das vom 17. bis 19. August im niederrheinischen Weeze über diverse Bühnen geht. Bis zu 40.000 Besucher erwartet Holger Jan Schmidt von der veranstaltenden Concert Cooperation Bonn zur 15. Ausgabe des ursprünglich als Independent- und Alternative-Festival gestarteten Events. Rund 80 Bands werden den Fans in drei Tagen geboten, und ganz oben auf den Plakaten stehen Prodigy, die Stone Temple Pilots, die Foo Fighters und Die Ärzte. »Das ist eine eingeschworene Gemeinde«, berichtet Schmidt über die Fans, die zu 90 Prozent mit dem Zelt anrücken. »Zum Festivalfeeling gehört einfach das Zelt«, sagt Schmidt. Und so wird der größte Campingplatz der Republik wohl am dritten Augustwochenende am Niederrhein entstehen.

Fliegender Rock-Zirkus

Viele der Bizarre-Bands nutzen die Chance und treten auch beim parallel laufenden thüringischen Highfield-Festival nahe Erfurt auf. Dort erwartet man über 10.000 Fans, denen man 28 Bands bieten will. »Es war in diesem Jahr schwer, Bands zu bekommen, weil im August kaum noch jemand tourt«, berichtet Katja Stondzik vom örtlichen Veranstalter Semmel Concerts. Sie preist ihr Programm aber trotzdem als hochattraktiv an, zumal in diesem Jahr der Campingplatz erstmals direkt neben dem Festivalgelände liegt: »Das ist ein Stück Komfort.«

Gemeinsames Booking

Der durch die Kooperation von Bizarre und Highfield angedeutete Trend zur Verschwisterung von Festivals zeigt sich auch bei der guten Zusammenarbeit zwischen dem Festival im niederrheinischen Haldern (10.-11.) und dem Taubertal-Festival in Rothenburg op der Tauber (10.-12.). Beide Musik-Events locken die Fans mit Travis als Headliner, haben aber auch Slut und die Josh Joplin Group gemeinsam im Programm. Zudem möchten sich beide von streng kommerziell orientierten Festivals abgrenzen.

Klein aber fein

»Es hat sich herumgesprochen, dass man sich hier überraschen lassen kann«, berichtet Haldern-Organisator Stefan Reichmann, der einer aus 130 Anteilseignern bestehenden Arbeitsgemeinschaft vorsteht, die das Festival, das in diesem Jahr zum 18. Mal veranstaltet wird, aus einem Mangel erfunden hat. »Wir haben da eine Party gemacht, weil die Diskotheken unsere Musik nicht gespielt haben«, erzählt Reichmann von den Anfängen und fasst den Drang zur musikalischen Konzentration auf das Wesentliche in einem Satz zusammen: »Bungee Jumping wollen wir nicht bieten.« Bewusst hält man das Haldern-Festival klein und rechnet mit 5.000 Besuchern. »Die Leute mögen, dass es nicht so groß ist«, berichtet Reichmann und freut sich über frühen Zulauf: »Die Nachfrage war noch nie so groß.«

Einzelhandel freuen sich auf die Fans

Ähnlich rechnet man im Taubertal. Dort setzt man auf den Zauber der Tauber, auf die malerische Silhouette von Rothenburg op der Tauber, die sich hinter der Bühne erhebt. »Wir haben uns nicht das praktischste Gelände ausgesucht, aber bei uns geht es um die Atmosphäre«, schwärmt Volker Hirsch vom Veranstalter Karo. Das zeige sich auch in der Reaktion der Künstler. »Man spürt die Zufriedenheit hinter der Bühne«, skizziert Hirsch, der betont, seit 1998 immer ausverkauft melden zu können. Bei je 9.000 Besuchern eine ordentliche Leistung. Dazu trägt auch die Einstellung bei, die Karo-Mitarbeiter Florian Zoll beschreibt: »Bei uns gibt es keine versteckten Kosten, in den 99,90 Mark für die drei Tage ist alles drin.« Trotzdem kommt genügend Geld in die Kasse. Auch die Gemeinde hat etwas davon. »Der Einzelhandel profitiert sehr stark von den Besuchern des Festivals«, sagt Johann Kempter, Chef des Rothenburg Tourismus Service.

Festivals als Singletreff

Davon, dass ein Festival neben der finanziellen Zufriedenheit auch emotionelle Defizite auffüllt, kann Holger Jan Schmidt vom Bizarre-Festival berichten. »Wir bekommen Briefe, in denen sich Leute bedanken, weil sie bei uns ihre Frau kennen gelernt haben.« Und dafür, dass die Festivals auch in Zukunft ihr Publikum haben, sorgen die Fans offensichtlich in den Zelten selbst. Darauf deutet zumindest ein Brief an die Bizarre-Organisatoren hin, in dem stand: »Ihr ahnt ja gar nicht, wo wir unseren Sohn gezeugt haben.