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Haldern Pop Festival 2005: Musikgott schlägt Wettergott

Zwei Tage Dauerregen konnten die Stimmung auf dem Haldern Pop Festival nicht trüben: Denn die Zuschauer ignorierten das Wetter und lenkten ihre Aufmerksamkeit stattdessen auf die Musik - und die war in diesem Jahr reich an Höhepunkten.

Von Carsten Heidböhmer

"Sehr nass, aber auf diesem Humus gedeiht ja bekanntlich auch die Kreativität": Mit diesem Satz resümierte Pressesprecher Wolfgang Linneweber das zweitägige Haldern Pop Festival. Nass war es am Niederrhein in der Tat, und kreative Höhepunkte gab es zuhauf, zum Beispiel den nicht angekündigten Auftritt der Sportfreunde Stiller, der das Publikum derart überraschte, dass ein Zuschauer ausrief: "Geil, 'ne Sportfreunde-Coverband". Oder die explosive Show von British Sea Power, die in eine ausgelassene Tulpenzwiebel-Schlacht zwischen Band und Publikum ausartete. Vor allem war es aber die Musik, die über das miese Wetter hinwegtröstete.

Für den ersten Höhepunkt sorgten am Freitagnachmittag Art Brut. Die Briten sind derzeit die Band der Stunde; ihr Album "Bang Bang Rock & Roll" erntete hymnisches Lob von der Musikpresse - in Haldern eroberten sie die Herzen der Fans. Dass gute Musik nicht immer aus dem Ausland kommen muss, stellte im Anschluss The Robocop Kraus unter Beweis: Ohne Rücksicht auf den dauerdepressiven Zustand in diesem Land versetzten die Nürnberger mit ihrem energetischen Sound das Publikum in Tanzlaune.

Melancholischer Gitarrenpop

Die amerikanische Band Nada Surf gönnte dem Publikum dann eine Verschnaufpause: Der melancholische Gitarrenpop brachte nach der rockigen Show von Vorgängerband Kaiser Chiefs eine neue, eher romantische Intensität in den Abend, ehe das Kaizers Orchestra mit ihrer Mischung aus Balkanklängen, russischer Musik und Tom-Waits-Einflüssen den Show-Faktor wieder höher drehte.

Gegen 23.20 Uhr betrat dann die Band die Bühne, wegen der die meisten Zuschauer gekommen waren: Franz Ferdinand haben das Kunststück fertig gebracht, sich mit nur einem Album einen riesige Fangemeinde zu erspielen. In Haldern präsentierten sich die Schotten als früh gereifte und extrem routinierte Band. Auf ihren derzeitigen Kultstatus nahmen sie ironisch Bezug: So kündigten sie Songs ihres Debütalbums als "Golden Oldies" an, Musik aus einer großen vergangenen Ära. Dass diese Ära durchaus andauern kann, bewiesen die neuen Songs von dem in Kürze erscheinenden zweiten Album. Zumindest live waren die Stücke dem älteren Material durchaus ebenbürtig.

Sofia Coppola in Haldern?

Durch den anhaltenden Regen bedingt hatte sich das Festivalgelände am Samstag in ein einziges Schlammfeld verwandelt. Mit Regenmantel und Gummistiefel ausgerüstet, trotzten die meisten Zuschauer den widrigen Umständen und konzentrierten sich auf die Musik, beispielsweise auf das britische Hippie-Kollektiv The Coral, das von 60er-Jahre-Pop ausgehend neue Wege in die Gegenwart beschreitet. Der schwedische Sänger Anders Wendin, besser bekannt als Moneybrother, brachte das Publikum dann zum Tanzen: Die Stilmischung aus Soul, Rock und Pop gab dem Festival den richtigen Drive für den finalen Abend, der mit dem Auftritt von Phoenix einen frühen Höhepunkt erreichte. Die Franzosen verschmelzen Rockmusik mit Elementen elektronischer Tanzmusik zu wundervollen Pop-Perlen, die in Kopf und Beine gehen, ohne sich zu sehr aufzudrängen. Gerüchteweise war auch die amerikanische Regisseurin Sofia Coppola zugegen, der eine Liaison mit dem Frontmann der Band nachgesagt wird.

Leider konnten Tocotronic, die nach Phoenix die Bühne betraten, die Stimmung nicht halten. Ihre schleppenden Midtempo-Songs zu verschwurbelten Texten ließen den Funken zum Publikum nicht überspringen; die Hamburger Band hat wahrlich bessere Tage gesehen. Dank treuer Fanbasis reichte es immerhin zu zwei Zugaben, aber ob mit zu "Manifesten" erhöhten Songs ("Pure Vernunft darf niemals siegen") neue Fans hinzugewonnen werden konnten, scheint eher zweifelhaft. Der Auftritt hinterließ eher den Eindruck von in einem Labyrinth verirrten jungen Männern.

Sekte oder Selters?

Mit einer amtlichen Rock-Show machte die schwedische Combo Mando Diao diesen Hänger schnell vergessen und bereitete den Boden für The Polyphonic Spree, einen wirklich erinnerungswürdigen Festivalabschluss: Um kurz nach Mitternacht betraten 23 in helle Gewänder gekleidete Menschen die Bühne. Was auf den ersten Blick wie eine fernöstliche Religionsgemeinschaft aussah, entpuppte sich als großartige, symphonische Gospel-Pop-Band. Ein zehnköpfiger Chor, um mehrere Keyboarder, zwei Drummer, Bassisten, Gitarren, Flöten, Trompeten, Streicher und sogar eine Harfe erweitert, lieferte eingängige Popsongs mit einem opulenten Breitband-Sound. Wer den Kalauer "Sekte oder Selters?" hier mit "Champagner" beantwortet, liegt nicht falsch: The Polyphonic Spree sind tatsächlich die Band für besondere Tage. Damit setzten damit einen passenden Schlusspunkt unter ein außergewöhnliches Festival.

Wieder einmal ist es den Veranstaltern der Spagat gelungen, großartige Bands in kleinem und intimen Rahmen zu präsentieren. Die 5.000 Zuschauer verließen das Gelände am Niederrhein nach zwei Tagen durchnässt, durchfroren - und reich beschenkt. Den Humus überließen sie derweil sich selbst. Man darf schon jetzt gespannt sein, welche kreativen Blüten 2006 an dieser Stelle entstehen.