BMW Sauber F1.06 Rollout fürs schnellste Bayern-Baby


Top-Models, Partytime und morgens auf die Rennstrecke: In Valencia präsentierte das BMW Sauber F1 Team standesgemäß den neuen F1.06. Mit ihm sollen Nick Heidfeld und Jacques Villeneuve den Anschluss an die Spitze schaffen.
Von Klaus Bellstedt, Valencia

Der Wettergott in Valencia meint es nicht gut mit der frisch gegründeten BMW-Sauber-Familie. Am Vorabend der Präsentation des neuen BMW Sauber F1.06 schüttet es in der spanischen Hafenstadt wie aus Kübeln. Für Mario Theissen, Motorsport-Direktor der bayerischen Motorenschmiede, ist das kein Grund, unruhig zu werden. Im Gegenteil: Der Mann mit dem Schnauzbart strahlt gut zwölf Stunden vor der ersten Boxen-Ausfahrt Gelassenheit aus: "Morgen wird hier die Sonne scheinen, jede Wette." Zweckoptimismus - könnte man meinen. Wer will schließlich bei trübem Winterwetter und nasser Rennstrecke seinen neuen Formel-1-Boliden der Weltöffentlichkeit präsentieren?

Wie denn sein sonstiger Gemütszustand sei, erhörter Pulsschlag, Herzrasen? "Alles easy, das Auto ist pünktlich fertig geworden, die letzten Tests im Windkanal haben uns positiv gestimmt. Ich freu mich auf morgen, dann wollen wir die Früchte von acht Monaten harter Arbeit präsentieren", so Mario Theissen im Gespräch mit stern.de.

Motoren und brasilianische Catsuit-Models

Vor dem Zubettgehen steht für den dreifachen Familienvater, der in seiner Funktion als BMW-Motorsport-Direktor auch das neue BMW Sauber F1 Team leitet, noch echte "Arbeit" auf dem Programm. Anlässlich einer großen Merchandising-Modenschau mit dem brasilianischen Topmodel Alessandra Ambrosio und anschließender Party im "CAC", einer Art futuristischer Technologie-Park im Herzen Valencias, wird noch kurz der neue Look des Teams vorgestellt. Da darf der deutsche Flavio Briatore auf keinen Fall fehlen. Ein bisschen Lifestyle muss sein - schon aus Ablenkungsgründen.

Lifestyle ist eine Sache, aber was wäre die Formel 1 ohne ihre Protagonisten, die Fahrer. Nick Heidfeld (28, Deutschland) und Jacques Villeneuve (34, Kanada) heißen die vom neuen BMW Sauber F1 Team, dazu wurde als Test- und Reservefahrer der junge Pole Robert Kubica (21) engagiert. Kennen tun sich die drei erst seit wenigen Stunden, jetzt sitzen sie einträchtig Seite an Seite und lassen die Modeschau mit mehr oder weniger großem Enthusiasmus über sich ergehen. Anders Mario Theissen, der sich für das Abschlussphoto den fast schon umkämpften Platz an der Seite des brasilianischen Catsuit-Models (!!!) sichert.

Gleißendes Scheinwerferlicht: A star is born

Und draußen? Da schüttet es weiter, die ganze Nacht durch. Als am nächsten Morgen die spanische Hafenstadt aus dem Schlaf erwacht, mag man seinen Augen nicht trauen: keine Wolke am Himmel, strahlender Sonnenschein. Wieder geht es ins "CAC", wo die Vorab-Präsentation, also der offizielle und eher theoretische Teil, vollzogen wird. Und dann ist es endlich soweit: Der eigentliche Star steht plötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht. Ein jungfräulicher Traum in weiß, blau und rot, dezent designed und formvollendet. Während Heidfeld und Villeneuve mit sichtbarer Vorfreude ihr neues Arbeitsgerät betrachten, formuliert Mario Theissen vor der versammelten Journalistenschar bereits die Ziele für die anstehende Saison: "Ich kann in der ersten Saison keine Podiumsplätze oder Siege versprechen, aber wir wollen mit dem neuen Auto und einem neuen Team die Lücke zu den Topteams schließen."

Rückblick: Der 22. Juni 2005 war gerade angebrochen, als fest stand: BMW startet 2006 erstmals in Eigenregie in der Formel 1. Am 16. September wurde ein Dreijahresvertrag mit Nick Heidfeld bekannt gegeben, am 14. November der Teamname, am 1. Dezember wurde Jacques Villeneuve bestätigt, am 20. Dezember stand Robert Kubica als Testpilot fest. Parallel liefen ab dem 28. November die ersten Testfahrten mit einem Sauber-Interims-Chassis und dem BMW P86 Motor. Seit dem 1. Januar 2006 besitzt BMW die Mehrheitsanteile an der Schweizer "Sauber Holding AG".

Das Herz schlägt höher: die erste Ausfahrt

Genug der grauen Fakten und zurück zum eigentlichen Höhepunkt: dem so genannten Rollout des neuen Boliden auf dem "Circuit de la Comunitat Ricardo Tormo" vor den Toren Valencias. "Die erste Ausfahrt mit einem neuen Auto ist für die Ingenieure der spannendste Moment des Jahres", erklärt BMW-Motorsport-Direktor Mario Theissen gegenüber stern.de. Nick Heidfeld ist das Recht vorbehalten, das Fahrzeug aus der scharf bewachten Box zu steuern. Und spätestens jetzt schlägt das Herz eines jeden Motorsport-Freundes höher: Der junge Deutsche prügelt sein neues Arbeitsgerät über die Piste, ohne dabei voll ans Limit zu gehen. Unbeschreiblicher Lärm kitzelt den Gehörgang, der Geruch von abgeriebenem Gummi liegt in der Luft.

Nach der Installationsrunde kommt "Quick Nick" zum planmäßigen Check an die Box zurück. Heidfeld über seine erste Ausfahrt: "Ich war nervöser als vor allen anderen Rollouts, die ich mitgemacht habe, denn dieses ist für mich ein größeres und langfristigeres Projekt. Von daher bin ich mit mehr Herzblut dabei." Sein erster Eindruck nach insgesamt 29 absolvierten Testrunden ist positiv. Auch BMW-Motorsport-Direktor Mario Theissen zeigt sich "ziemlich zufrieden" über den ersten Tag, weil der Bolide ohne technische Probleme unterwegs war: "Nick wurde schneller und schneller, Runde für Runde, es sieht also gut aus. Ich denke, das war ein sehr guter Start."

Nur einmal bekommt der Chef im Ring feuchte Hände: Als Jacques Villeneuve mit dem Interimsauto (Sauber C24B/BMW P86-Motor) auf die Piste fährt, bleibt das Getriebe im ersten Gang hängen. Der Elektronikfehler, der für eine mächtige Rauchentwicklung am Heck sorgt, wird von den Renningenieuren sofort korrigiert, Villeneuve kann weiterfahren. So bleibt es bei einer kurzen Schrecksekunde an einem ansonsten gelungenen Premierentag, an dem - noch dazu - bis zum Sonnenuntergang kein einziger Regentropfen fällt. Ganz so, wie es Mario Theissen prophezeit hatte.


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