Wahlkreis Dresden I "Wir sind wichtig"


Bringt der Wahlausgang am Sonntagabend kein eindeutiges Ergebnis, fällt den Dresdnern im Wahlkreis I eine ganz besondere Bedeutung zu: Dann müssen sie in zwei Wochen vielleicht über den Kanzler entscheiden.

Der Wettergott meinte es gut mit den Menschen in Dresden, denn am Wahlsonntag schien die Sonne, als sie ihre Stimme abgaben. 219.000 Dresdner konnten sich allerdings ganz auf das gute Wetter konzentrieren, ohne im Wahllokal Zwischenstation zu machen: Sie wohnen im Wahlkreis Dresden I und durften wegen des Todes der NPD-Direktkandidatin Kerstin Lorenz nicht zur Wahlurne. Für sie ist der 2. Oktober wichtig, denn dann erst können sie wählen. Gerade deshalb sind sich viele Wahlberechtigte in den Stadtteilen Altstadt, Blasewitz, Plauen, Prohlis und Leuben ihrer Bedeutung bei der Nachwahl bewusst. Bei einem knappen Wahlausgang am Sonntag in Berlin kommt es auf ihre Stimme an - die Spannung ist dementsprechend groß.

Einig waren sich fast alle: Am Sonntagabend wollten sie ab 18.00 Uhr vor dem Fernseher sitzen, um die Auszählung zu verfolgen. Genauso sieht das auch der 46 Jahre alte Vieira Laisse, der in einer Plattenbauwohnung in Prohlis lebt: "Wir sind wichtig". Auch die 47-jährige Martina Höhne fiebert dem Sonntagabend entgegen: "Man ist schon gespannt." Bei einem knappen Wahlausgang "sind wir das Zünglein an der Waage." Norbert Judisch sieht sogar die Gefahr, dass die Wähler im Wahlkreis Dresden I insgesamt für die Bundestagswahl verantwortlich gemacht werden und je nach Sichtweise auch als Sündenböcke herhalten müssen. Das Ergebnis sei jedoch egal, "denn es sind doch immer die gleichen Leute".

Gesprächsstoff über die Landesgrenzen hinaus

Doch nicht nur die Betroffenen im Dresdner Wahlkreis I machen sich so ihre Gedanken. Das Thema sorge auch im Freundes- und Bekanntenkreis für reichlich Gesprächsstoff, sagt Gerhard Strauß. Das sieht auch die 57 Jahre alte Karin Hultzsch ähnlich und fügte dann mit Blick auf die Sonderstellung der Wahlberechtigten hinzu: "Wir sind uns dessen schon bewusst." In den Diskussionen mit Freunden komme immer wieder der Stellenwert der Nachwahl zur Sprache, sagte Hultzsch.

Für einen 45 Jahre alten Polizisten spielt die rechtsextremistische NPD bei der Wahl keine Rolle, auch wenn der Tod der NPD-Direktkandidatin im Dresdner Wahlkreis Dresden I zu bedauern sei. Die Nachwahl und die bundesweite Diskussion darüber hätten bei vielen Menschen Diskussionen über die allgemeine politische Lage ausgelöst, meinte der Beamte. Das Fazit sei immer das gleiche: So wie es jetzt sei, könne es nicht weiter gehen.

Ungewöhnliche Situation auch für Direktkandidaten

Nicht nur für die betroffenen Wahlberechtigten im Wahlkreis Dresden I war die Situation am Wahlsonntag ungewöhnlich. Auch die Direktkandidaten, die um das Vertrauen werben, hatten ein komisches Gefühl, wobei es die SPD-Kandidatin Marlies Volkmer besonders traf. Sie wohnt im Wahlkreis "Dresden II - Meißen I", also dem Nachbarkreis, und konnte somit selbst wählen. Das sei schon ungewöhnlich, meinte die Politikerin. CDU-Direktkandidat Andreas Lämmel fühlte sich hingegen als "Müßiggänger". Er wohnt im Wahlkreis Dresden I und nutzte den Sonntag für einen Ausflug mit dem Fahrrad, statt zur Wahlurne zu gehen.

Der Direktkandidat von Bündnis 90/Grüne, Stephan Kühn, konnte der Situation immerhin noch Ironie abgewinnen: Was im Wahlkreis Dresden I passiert sei, könne eben nur in Dresden passieren, sagte er. Die ganze Welt werde wie bei der Jahrhundertflut im Jahre 2002 wieder auf die Stadt schauen. Einig waren sich alle drei Politiker in der Beurteilung des Direktkandidaten der rechtsextremistischen NPD im Wahlkreis Dresden I, Franz Schönhuber, der für Lorenz nachnominiert wurde. "Das ist ein PR-Gag der NPD, aber der Mann kommt bei den Dresdnern nicht an", sagte Lämmel. Auch Volkmer räumte Schönhuber keine Chancen ein. Das sei nur ein Verlegenheitskandidat, sagte die Ärztin. Auch Kühn glaubte nicht, dass Schönhuber eine Rolle spielen werde.

Frank Ellmers, AP AP

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