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Vergabe der Spiele 2018 nach Pyeongchang: Das Münchner Olympia-Stöhnen

München hat sich auf eine rauschende Olympia-Party vorbereitet. Doch der weiß-blaue Traum ist geplatzt. Normalbürger und Weltklasse-Athleten gehen unterschiedlich mit der Niederlage um.

Von Malte Arnsperger, München

Der Wettergott schickt sein Zeichen um 17.12 Uhr nach München. Wolken tauchen plötzlich am Himmel auf, nachdem der Marienplatz im Herzen der bayerischen Hauptstadt stundenlang in der prallen Sonne gelegen hatte. Wenige Minuten später verkündet IOC-Chef Jacques Rogge: Das südkoreanische Pyeongchang, nicht München, wird Gastgeberstadt der Olympischen Spiele 2018. Das bittere Ende eines weiß-blauen Traumes.

Dabei war alles gerichtet für eine große Jubelparty. Seit morgens früh fieberten die Menschen in Münchens Innenstadt der Entscheidung im fernen Südafrika entgegen. Der Marienplatz und die umliegenden Straßen boten eine Mischung zwischen Stadtfest, Wiesn und Sponsorenmesse. Popbands wie "Madcon" heizten der stetig wachsenden Menge auf einer Bühne ein, an den Buden gab es Brezn und Weißbier und an einem von einem bayerischen Autohersteller gesponserten Biathlon-Stand konnte sich jeder unter der Aufsicht von Ex-Olympiasieger Sven Fischer mit dem Gewehr probieren oder sich auf einer kleinen Bobbahn in einen Schlitten setzen. Asiatische Touristen schlängelten sich zusammen mit Lederhosen-Trägern durch die Straßen und durften zuhören, wie Politiker und Sportler bis zuletzt Durchhalteparolen ausgaben. Wie etwa Verkehrsminister Peter Ramsauer, der rund eine Stunde vor der Entscheidung mit fester Stimme ins Mikrofon spricht: "Ich bin so überzeugt, dass wir als Sieger aus der Abstimmung hervorgehen." Jubel auf dem Marienplatz, hunderte schwenken ihre Deutschland-Fahnen.

"Bleibt da" – München feiert unbeirrt

Es sollte anders kommen. Ein lautes Stöhnen ertönt auf dem überfüllten Platz vor dem historischen Rathaus, als Rogge die Münchner Niederlage um 17.16 Uhr verkündet. "Das war sooo klar", seufzt ein junges Mädchen direkt danach und lässt wie viele andere Umstehende ihren weißen Luftballon mit dem Aufdruck "München2018" in den Himmel steigen. Der Moderator auf der Bühne will fair sein und gratuliert Pyeongchang. Er erntet wenig Gegenliebe. "Buuuh", rufen ihm die Menschen entgegen. Viele von ihnen verlassen bereits den Marienplatz, eine Frau steckt frustriert ihre Deutschland-Fahne in einen Mülleimer, während der bemitleidenswerte Ansager auf der Bühne beschwörend betont: "Bleibt da, wir machen trotzdem Party bis in die Nacht."

"Dann fahren wir halt nach Südkorea"

Martina Ertl, frühere Spitzenskifahrerin, hat bereits am Mittag angekündigt, dass sie kurz nach der Entscheidung zu ihrer Familie zurückfahren will. Nun steht sie im Prachthof des Münchner Rathauses, wo sich die Promis versammelt haben, und analysiert das IOC-Votum: "Ich bin schon sehr traurig. Aber im Sport muss man mit Rückschlägen umgehen. München sollte daraus lernen und es nochmal probieren. Und Pyeongchang hat es verdient." Ähnlich sieht es die Weltklasse-Rodlerin Natalie Geisenberger, die daneben steht: "Ich wäre gerne bei Spielen in meiner Geburtsstadt dabei gewesen. Aber jetzt fahren wir halt nach Südkorea. Das ist schon ok."

Keine gute Generalprobe

Sven Fischer steht immer noch an der improvisierten Biathlon-Anlage und zeigt Möchtegern-Schützen den richtigen Umgang mit der Waffe. Er kommt zwar aus Thüringen, trotzdem hätte er sich über Olympia in Bayern gefreut. "Ich finde es sehr schade, denn in meiner Rangfolge lag München vor Annecy und Pyeongchang." Der ehemalige Top-Biathlet blickt wenig optimistisch auf die Spiele in Südkorea. "Ich war bei der Biathlon-WM 2009 dort. Da hat vieles nicht geklappt. Das war keine gute Olympia-Generalprobe. Die haben noch viele Hausaufgaben."

Wenige Meter von ihm entfernt steigt der kleine Luka aus dem Bob. Stolz grinst der Vierjährige seine Mutter Inga an. Die hat die IOC-Entscheidung zunächst gar nicht mitbekommen, der Jux mit dem Sohn war ihr wichtiger. Trotzdem sagt sie: "Schade, dass München nicht gewonnen hat. Aber dann probieren wir es halt nochmal." Als der Reporter ihren Sohn fragt, wie er es findet, dass München verloren hat, sagt der Knirps: "Super. Das in dem Schlitten war cool." Dann zieht er seine Mutter zum Biathlon-Stand. Olympia oder nicht. Manchen Menschen ist das eben ziemlich egal. Auch in München.

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