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#myESCmoment: Beklaut und pleite in Florenz, doch Lenas "Satellite" macht alles wieder gut

Nach Jahren des Fremdschämens hatte ich 2010 eine Art Awakening: Der ESC-Vorentscheid "Unser Star für Oslo" hat mich zum Meyer-Landrut-Fan gemacht. Das half mir über eine bittere Urlaubslektion hinweg.

Lena Meyer-Landrut mit Deutschlandflagge

Lena Meyer-Landrut singt am 29. Mai 2010 in Oslo, Norwegen, nach dem Sieg in der Telenor Arena mit einer deutschen Flagge noch einmal ihr Lied. Sie hat für Deutschland den 55. Eurovision Song Contest gewonnen, ihr Titel "Satellite" erhielt 246 Punkte.

DDP

Der ESC hat mir viele Jahre lang mehr Angst gemacht als Spaß. Die stampfenden Rhythmen der Bands aus dem Osten Europas mit ihren angsteinjagenden, martialischen Bühnenkostümen, die süßlichen Gesänge aus mal diesem, mal jenem Land und die zuverlässig peinlichen Schlager aus Deutschland – alles nicht mein Ding. Warum musste ständig irgendwo ein Feuer aufbrennen, ein Herz brechen oder schlechter Humor unter Beweis gestellt werden? Und dann diese vorhersehbare Punkte-Vergabe: Nachbarstaaten aller Breiten- und Längengrade vereinigt euch! Wen sollte das bitte unterhalten?

Aber dann kam das Jahr 2009. Stefan Raab brachte mit dem Vorentscheid "Unser Star für Oslo" das Thema ESC in mein Wohnzimmer. Woche für Woche klebten mein Sohn, damals zehn, und ich vor der Glotze und waren von ihrem ersten Auftritt an beeindruckt von der damals 18-jährigen Lena Meyer-Landrut. Ja, bitte! Lasst sie weiterkommen!

Blick auf die Stadt Florenz

2010 in Florenz: Ein Urlaub, der den Elfjährigen und seine Mutter zu ESC-Fans machte

Dann kamen die Märzferien

Hamburg hat andere Frühjahrsferien als andere Bundesländer. Die offizielle Begründung, die ich dafür kenne, lautet: "Wegen der andersgläubigen Mitbürger gibt es keine christlichen Oster- und Pfingstferien." Stattdessen macht der Stadtstaat die Schulen im März und im Mai jeweils zwei Wochen dicht. Ein Grund dafür könnte aber auch sein, dass ausgerechnet die von allen Bergen weit entfernt wohnenden Hamburger sehr gern Ski fahren. Ich hatte für März 2010 Florenz gebucht, einen Billigflug nach Pisa, ein paar Tage in dem so kleinen wie günstigen Hotel Privilège direkt am Arno. (Inzwischen hat das Haus offenbar entweder einen neuen Namen oder neue Betreiber, aber bei Tripadvisor noch stolze 4,5 Sterne!) 

Der nun Elfjährige und ich waren aus dem nasskalten Hamburg ins sonnige Florenz gekommen und wir hatten den weltbesten Reiseführer in der Tasche: "Ein perfektes Wochenende in ... Florenz" von der "Süddeutschen Zeitung". Dank dieses Buches saßen wir in der Stadt, in der man stets das Gefühl hat, auf Touristennepp hereinzufallen, zur richtigen Zeit im richtigen Restaurant, um Bistecca alla fiorentina zu essen, fanden fürs Frühstück den perfekten Markt um die Ecke und probierten das köstliche Gelato einer unscheinbaren Eisdiele. Zum Glück, denn dann wurde mir auf dem überfüllten Ponte Vecchio mein Portemonnaie geklaut – aus der fest verschlossenen Handtasche, die ich unter(!) meiner Jacke trug. Zu Hause hatte ich zwar Plastikkarten aussortiert, aber nur Blödsinn. Alles, was wichtig war, hatte ich leider bei mir: EC- und Kreditkarte, Personalausweis etc. Lediglich die Flugtickets hatte ich in einem lichten Moment im Koffer im Hotel gelassen.

Kein Geld, kein Abendbrot

Wir saßen auf der Polizeiwache. Zuvor hatten wir den Fluss entlang sämtliche Papierkörbe nach meinem Portemonnaie durchsucht, es heißt ja immer, dass Diebe nur Bargeld und Karten wollen. Pustekuchen. Sie hatten das Ding wohl einfach über die Mauer in den Arno geschmissen. Die Polizisten konnten nicht fassen, dass wir uns für einen kleinen Geldbörsenraub extra auf den Weg in die Wache gemacht hatten. Was für ein sinnloses Unterfangen! Wir trotteten betrübt zurück ins Hotel. Es war Samstagabend. Kein Abendbrot, kein Glas Wein in Sicht. Nur eins versprach Ablenkung: das Finale des Vorentscheids für den ESC.

Wir schmissen die kleine Glotze in unserem Hotelzimmer an und fanden "Unser Star für Oslo", es war die achte und letzte Folge der Live-Shows. Nur noch zwei 18-jährige Mädchen würden gegeneinander antreten: Jennifer Braun aus Eltville und Lena Meyer-Landrut aus Hannover. In der Jury saßen neben Stefan Raab noch Xavier Naidoo und Silbermond-Frontfrau Stefanie Kloß. Wir legten uns auf unsere Betten. 

Es wurde ... emotional!

Keine Ahnung, ob unsere etwas desolate Gefühlslage der Auslöser war, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals so mitgefiebert zu haben. Beide Finalistinnen mussten in der Show je drei Lieder singen, zweimal denselben Song sowie einen Titel, der eigens für die jeweilige Kandidatin geschrieben worden war. Sowohl die Lieder als auch die Komponisten waren bis zur Ausstrahlung streng geheim. Einer der Songs, den beide bringen mussten, war "Satellite": Jennifer Braun interpretierte das Stück als rockige Ballade, Lena Meyer-Landrut hingegen machte daraus intelligenten Britpop in einem ganz eigenen Kunstenglisch, das uns unmittelbar an Kate Nash erinnerte. Wir waren hingerissen – und nahmen tatsächlich am Televoting teil 🙈... Lena musste gewinnen! Zum Ende der Show lagen wir uns hüpfend in den Armen, während Lena unter Tränen noch einmal ihren Siegersong sang. Ja! Geschafft! Und wir hatten dazu beigetragen!

Der Rest ist Geschichte. Kurz nach dem Finale rauschte Lena mit "Satellite" auf Platz eins der deutschen Charts, die beiden anderen Titel aus der Finalshow, "Bee" und "Love Me", landeten auf Platz drei und vier. Sie war die erste Künstlerin, die es je auf Anhieb mit drei Titeln unter die besten fünf der deutschen Charts geschafft hat. Deutschland war kollektiv im Meyer-Landrut-Fieber. 

Und dann auch noch der ESC-Sieg

Natürlich klebten wir auch am 29. Mai vor dem Fernseher, diesmal in Hamburg. Es war der erste ESC, den ich sah, ohne mich für den deutschen Beitrag fremdzuschämen. Im Gegenteil, ich konnte es kaum abwarten, bis Lena auf die Bühne kam. Startnummer 22, herrje!

Und dann ging's los! Lena, im schlichten schwarzen Kleidchen, schwarzer Strumpfhose, schwarzem Nagellack. Sie trug ein Taizé-Kreuz an einem schwarzen Lederband um den Hals. Keine Ablenkung durch eine irre Choreo um sie herum, kein Feuer, kein Getöse. Ganz pur. Wer weiß, was sonst so auf der ESC-Bühne abgeht, traute seinen Augen kaum. Ihre Interpretation von "Satellite" war an jenem Abend, man kann es kaum anders nennen, ein bisschen irre. Ihr Englisch war kaum noch zu verstehen, die Aufregung zeigte sich in völliger Überdrehtheit. Wir waren kurz besorgt, was die anderen Länder davon halten würden.

Nicht nur die Deutschen liebten sie

Doch zu dem Zeitpunkt hatte die frischgebackene Abiturientin bereits 500.000 Singles von "Satellite" verkauft, von denen manche auch ihren Weg ins Ausland gefunden haben dürften. Die Jury liebte sie ebenso, wie das Osloer Publikum sie bereits feierte. Nach 28 Jahren irgendwo zwischen Mittelfeld und hintersten Rängen katapultierte Lena Meyer-Landrut Deutschland auf Platz 1 des Eurovision Song Contest. Unglaublich!

Wer sich die fast dreieinhalbstündige Show vom ESC-Finale 2010 noch einmal ansehen möchte, kann es unter diesem Link tun. Wir haben ja gerade eh nichts Besseres vor.

Sie denken auch gerne an besondere ESC-Momente? Dann teilen Sie diese gerne auf Twitter – unter #myESCmoment erinnern sich aktuell viele Menschen an ihre persönlichen Highlights.