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M.I.A.: Terror auf dem Tanzflur

Mit brachialen Beats und Texten über Handgranaten will Maya Arulpragasam alias M.I.A. die Musikszene wachrütteln - und endlich über Panzer reden.

Maya Arulpragasams Mutter kennt nicht viele englische Wörter, aber sie weiß, was ein "Freak" ist. So nennen die anderen aus der tamilischen Gemeinde ihre Tochter, wenn sie nach dem Gottesdienst zusammen Tee trinken und tratschen. Diese ungekämmten Haare! Diese schlampigen Kleider!

Maya Arulpragasams Mutter kann die anderen verstehen. Sie findet ihre Tochter ja selbst merkwürdig. Und seit sie Mayas Musik gehört hat, macht sie sich ernsthaft Sorgen: "Kind, was kommt da nur aus dir heraus?"

Panzer, Bomben, Terror - Maya Arulpragasam singt nicht, sie knallt Textzeilen ins Mikrofon, in denen es nur so wimmelt von Krieg, Maschinengewehren und Dynamit. Dazu krachen Beats, als hätten zwei durchgedrehte Videospieler ihre Konsole mit einem Presslufthammer gekreuzt. Wahrlich keine Musik für Teestunden, aber so wild und euphorisch, dass sie Maya zur neuen Ikone der britischen Musikszene machte.

Seit Montag ist ihr Album

"Arular", das sie unter dem Pseudonym M.I.A. veröffentlicht, auch in Deutschland erhältlich. Der Künstlername steht für "Missing in Action" - im Kampf vermisst. Die 27-Jährige ist im Norden Sri Lankas aufgewachsen und erlebte mit, wie aus dem beschaulichen Bauernhof der Großeltern ein Aufnahmelager für verstümmelte Flüchtlinge wurde. Das war Anfang der 80er Jahre, als sich der Konflikt zwischen der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit und der tamilischen Minderheit zum Bürgerkrieg entwickelte.

"Mein Onkel wurde auf der Straße verhaftet. Wenig später war er tot - die Regierungssoldaten behaupteten, es sei ein Unfall gewesen", erinnert sich Maya. "So etwas geschah täglich, und es geschieht immer noch." Ihr Vater ging für eine tamilische Befreiungsorganisation in den Untergrund. Als Maya ihn das letzte Mal sah, sagte er seiner Frau, dass sie Sri Lanka verlassen solle. Sie floh mit ihren zwei Töchtern nach England.

"Ich war zehn und London nass und kalt. Alle redeten nur über Turnschuhe", sagt Maya. Darauf hatte sie genauso wenig Lust wie auf die indische Community. Sie fing an zu malen, bekam einen Platz an der renommierten Londoner Kunsthochschule "Central Saint Martin's". Ihre grellen, Graffiti-artigen Bilder voller Palmen und Handgranaten wurden für den Turner Prize nominiert - und von Hollywood-Schauspieler Jude Law gekauft. Etwa zur gleichen Zeit sprengte sich in Sri Lanka ihr Cousin als Selbstmordattentäter in die Luft.

"Ich war zehn und London nass und kalt. Alle redeten nur über Turnschuhe", sagt Maya. Darauf hatte sie genauso wenig Lust wie auf die indische Community. Sie fing an zu malen, bekam einen Platz an der renommierten Londoner Kunsthochschule "Central Saint Martin's". Ihre grellen, Graffiti-artigen Bilder voller Palmen und Handgranaten wurden für den Turner Prize nominiert - und von Hollywood-Schauspieler Jude Law gekauft. Etwa zur gleichen Zeit sprengte sich in Sri Lanka ihr Cousin als Selbstmordattentäter in die Luft.

Das alles erzählt Maya

schnell und atemlos. Sie will sich nicht auf die Seite der Tamilen stellen, sondern auf den Konflikt aufmerksam machen. "Wir dürfen den ‚Kampf gegen Terror’ nicht den Politikern überlassen. Wenn mein Präsident neue Panzer kauft - dann lasst uns über den Panzer reden! Die Guten gegen die Bösen - so einfach ist das nicht. Wir sind doch nicht bei ,Star Wars’!" Vielleicht ist M.I.A. so etwas wie die moderne Fortsetzung von Public Enemy und Eminem. Sie provoziert mit Granaten und krachigen Beats, um die Politik auf den Tanzflur zu bringen. Und auch wenn ihre Mutter sie immer noch für einen Freak hält - die anderen lieben sie dafür.

Andrea Ritter / print