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MAGDALENA KOSZENÁ: Diva muss gelernt sein

Jung, schön und umjubelt: Die Sängerin Magdalena Kozená entwickelt sich gerade zum Star - und ist eigentlich viel zu nett für ihre Welt. Deshalb arbeitet sie daran »schwierig« zu werden.

Manchmal wünschte sich Magdalena Kozená, dass sie härter wäre, selbstbewusster, weniger nett. Sich besser zur Wehr setzen könnte gegen die Nadelstiche und Giftpfeile, das Zerren an ihr. Denn die Branche ist mörderisch. Wer freundlich ist und normal, der gilt als gefundenes Fressen. »Dann meinen sie«, sagt Magdalena Kozená, »alles mit dir machen zu können. Und zweitens glauben sie, du bist ein schlechter Künstler, weil die Stars, mit denen sie sonst umgehen, launisch sind und laufend Szenen machen.«

Sie kommt gerade von der Schubertiade im österreichischen Schwarzenberg, davor hat sie in Dänemark gesungen. Nach dem Liederabend in Hamburg wird sie nach Paris weiterreisen, nach München, Helsinki, Salzburg. Ende Mai hat sie mit 34 Kilo Gepäck ihre Heimatstadt Prag verlassen, im September erst kehrt sie wieder dorthin zurück.

Der schönen jungen Frau im Hamburger Hotel sieht man solche Reisestrapazen, den Stress, von dem sie erzählt, nicht an. Ein Undinen-Wesen, hoch gewachsen, schlank, ungeschminkt, die Augen groß und grün, alle Empfindsamkeit in der Oberlippe, blonde Haare, die über den Rücken fallen. Sehr feminin und fragil, cool und gelassen.

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Gott sei Dank. Vier Wochen zuvor hatte sie im Prager Rudolfinum ein fulminantes Konzert gegeben, mit Liedern von Alban Berg und Claude Debussy. Das Haus war ausverkauft, das Publikum jubelte, es regnete Rosen. Doch als wir sie am nächsten Morgen trafen, konnte man den gefeierten Star kaum wiedererkennen: So unendlich bleich und müde war die Sängerin, den Tränen und dem Umfallen nah.

War hier eine im Begriff, am eigenen Erfolg zu verglühen? Ausgerechnet sie, die silberklare junge Mezzosopranistin aus Brünn, die Senkrechtstarterin im Geschäft der schönen Stimmen? Fast über Nacht legte die 28-Jährige eine so steile Karriere vor, dass sie nicht einmal Zeit findet, sich darüber zu wundern. »Der unaufhaltsame Aufstieg der Magdalena Kozená«, titeln die Feuilletons und schwärmen: »Der strahlendste Mezzo ihrer Generation!« Manche wollen schon den Thron von Cecilia Bartoli wanken sehen, der Mezzo-Queen.

Gerade stößt Magdalena Kozená zur Stratosphäre durch: eine neue CD, ihre achte, mit Arien von Mozart, Gluck und ihrem Landsmann, dem Mozart-Freund Josef Mysliveek. Salzburg-Debüt am 27. Juli als Zerlina in »Don Giovanni« unter Nikolaus Harnoncourt. Im Sommer des kommenden Jahres das Glyndebourne-Debüt mit Sir Simon Rattle. Danach, mit James Levine, an der Met.

»Prag«, erklärt die ausgeruhte Hamburger Magdalena, »ist für mich oft Stress, weil es meine Stadt ist und alle etwas von mir wollen. Sie beklagen sich, dass ich zu wenig zu Hause auftrete, kaum Interviews gebe und und und. Aber ich habe wie immer wenig Zeit.« Es sei eben ein etwas unordentliches, mitunter schwieriges Leben, sagt sie und lächelt: »Aber ich glaube, jeder, der begabt ist und weiß, was er will, hat eine große Chance in seinem Leben. Die muss er ergreifen.«

Wenn Magdalena doch einmal dazu kommt, über ihren Steilflug nachzudenken, dann findet sie vieles daran unerwartet, eine Verkettung glücklicher Umstände. Zum Beispiel, dass sie 1995, mit 21 Jahren, überraschend den begehrten Mozart-Preis in Salzburg gewann und für ein Jahr an der Wiener Volksoper engagiert wurde.

Etwa zur gleichen Zeit nahm sie mit Brünner Freunden eine CD mit Bach-Arien auf, »einfach so. Weil ich Bach so liebe und weil ich ihn so oft gesungen hatte«. Durch einen Zufall gelangte die CD an den Prager Ableger der Deutschen Grammophon und von dort an die Zentrale nach Hamburg. Und hier geschah das Wunder: Peter Czorny, seinerzeit der mächtige Direktor, zeigte sich entzückt von Magdalenas Gesängen. »Ihm habe ich zu verdanken«, sagt sie, »dass die CD international vertrieben wurde, dass die DG mich unter Vertrag nahm und ich Dirigenten wie John Eliot Gardiner, Marc Minkowski und Nikolaus Harnoncourt kennen lernte.« Das sei das Wichtigste - dass sie die richtigen Leute zur richtigen Zeit getroffen habe: »Dann ging alles überraschend einfach«, sagt sie. »Aber geplant, nein, geplant war das alles nicht.«

Welche großen Pläne hätte sie schon haben können, damals in Brünn, zur Zeit des Eisernen Vorhangs? Sicher, die kleine Magdalena, Tochter eines Naturwissenschaftlers und einer Mathematikerin, war ein seltsames Kind. Sang, bevor sienoch sprechen konnte. Verliebte sich schon mit vier Jahren so unsterblich ins Klavierspielen, dass die Eltern statt eines Autos ein Piano anschafften. »Ich machte sogar meine Hausaufgaben schon in den Pausen, um zu Hause in Ruhe spielen zu können.«

Sie sang damals im Kinderchor und wollte Pianistin werden. Bis sie sich kurz vor der Aufnahmeprüfung ins Konservatorium bei einem Sturz auf dem Schulhof die Hände brach. Sie war 14 und sattelte kurz entschlossen um auf Gesang; ihre kühnsten Wünsche richteten sich auf das Nationaltheater in Prag.

Und wenn man dann an die New Yorker Met kommt oder nach Salzburg ins Große Festspielhaus? »Man muss sich verändern«, sagt Magdalena, »anders kann man in dem Business gar nicht bestehen.« Längst hat sie schmerzlich erfahren, dass wunderbare Musik, Ruhm und Glamour bloß die eine Seite sind. Dass einem in dem Maße, wie man Bewunderer gewinnt (»Manche verehren dich wie eine Göttin«), auch die Feinde zuwachsen.

Besonders wenn man schön ist, keine dieser luftverdrängenden Sänger-Walküren, sondern jung und ohne Allüren, das kann sich fürchterlich rächen: So eine kann doch gar nichts können, hieß es anfangs oft. Wie das kränkt: »Soll ich etwa in der Küche singen, nur weil ich gut aussehe?«

Sich nicht unterbuttern zu lassen - das ist das Schwierigste. »Besonders für Leute wie mich, die in einem sozialistischen System aufwuchsen. Wir hatten eine sehr gute Ausbildung, aber es war oft demütigend. Uns wurde ständig gesagt: Du bist schlecht, du hast nicht genug gearbeitet, es zerreißt mir die Ohren, wie du singst.« Sie habe schon viele begabte Kollegen gesehen, die aufhörten, weil sie den Stress nicht aushielten. »Manchmal glaube ich schon, dass Nerven in diesem Business wichtiger sind als Talent.«

Darum macht Magdalena jetzt Ernst mit ihrem Programm. Arbeitet daran, »schwierig« zu werden. Lernt zu streiten (was sie hasst). Sich Härte anzutrainieren, »sonst saugen sie dich aus«.

Es gibt noch einen Weg, die Meute zum Schweigen zu bringen: ein Star werden wie die Bartoli. Bei der traut sich keiner mehr. Möglich, dass Magdalena Kozená auf dem besten Weg dorthin ist.

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Christine Claussen