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Martin Gallop: Der Mann, der aus dem Web kam

Eigentlich hatte Martin Gallop den Erfolg schon abgehakt. Doch dann stellte er seine Musik ins Netz und startete durch die Decke: Plattenvertrag, Auftritte, Debütalbum. Nun begleitet der 45-jährige Kanadier Annett Louisan auf ihrer Deutschland-Tournee.

Von Sophie Schneider

Schüchtern ist eindeutig das falsche Wort, um Martin Gallop zu beschreiben - auch wenn er sich anfangs auf der Bühne so gibt: Er ist groß, schlank, graumeliert, trägt Dreitagebart zu schwarzem Hemd, schwarzen Jeans und schwarzen Chucks. Etwas unsicher bewegt er sich da vorn in der Hamburger Prinzenbar, blinzelt ins Scheinwerferlicht, räuspert sich und beginnt schließlich, mit charmantem englischen Akzent eine Anekdote zu erzählen: "Was mich am meisten irritiert hat, als ich vor 25 Jahren nach Deutschland kam, waren eure Schaufensterpuppen. Mein Gott, dachte ich, die sehen verdammt echt aus - die haben sogar... ihr habt ein merkwürdiges Wort für diesen schönen part of the female body... eure Schaufensterpuppen haben nicht nur Wimpern, sie haben sogar Brustwarzen!"

Das war gekonnt platziert, das Publikum - etwa 70, 80 Leute - lacht, einige klatschen. Dann zählt er leise "one, two, three four" und beginnt, auf einem Banjo den fröhlichen Country-Viervierteltakt von "Mannequin" zu spielen. Das Lied handelt davon, wie ein angetrunkener Typ an einem Schaufenster vorbeigeht, glaubt, von einer der Puppen angeflirtet zu werden und überlegt, wie diese Liaison wohl weitergehen könnte. So wie in "Mannequin" handeln alle Stücke auf dem pünktlich eine Woche vor Tourstart am 1. Dezember erschienen Album "Strange Place Called Home" von den essentiellen Themen des Lebens: Liebe, Entscheidungen, Sinnsuche - und zwar auf äußerst angenehme Weise: nicht hadernd, schwermütig und belehrend, sondern entspannt, locker und mit einem Augenzwinkern.

Dank eines Gurus in Deutschland gestrandet

Die Stimmung in der Prinzenbar ist gut, die Ansagen geistreich und witzig, jedes Stück kommt an. Die Musik ist eine coole, ungekünstelte Mischung aus Folk und Country - mit der unverwechselbaren Portion Gallop: die rauchig-kehlige Stimme. Sie nimmt sofort gefangen, egal um was es geht: hirnamputiertes Chart-Gedudel in "All the Pop-Songs in the World", verführerische Abgründe in "Poison of Choice" oder Sinn- und Heimatsuche in "Strange Place Called Home". Man spürt, dass diese Musik von jemandem ist, der genügend erlebt hat, um den Mund aufzumachen - und der das Leben liebt.

Und genau jenes hat Martin Gallop 1983 nach Oldenburg gespült. Da war er 19 und in der Entourage eines ortsansässigen Gurus. Den hatte er im Jahr davor an der kanadischen Westküste kennen gelernt, als er mit einer Akustikgitarre durch die Bars getingelt ist. Da hatte ihn der Guru noch so fasziniert, dass er sich ein Ticket nach Deutschland kaufte. Ein Jahr später in der niedersächsischen Provinz war die weltentrückte Erleuchtung allerdings einem sehr irdischen Liebeskummer gewichen. Martin blieb trotzdem - nicht beim Guru, aber in Oldenburg. Er schlug sich als Licht- und Tontechniker durch, spielte in einer Indie-Band, gewann sogar den kanadischen Songwriter-Contest und nahm ein Soloalbum auf - aber ohne nennenswerten Erfolg. Also arbeitete er als Englischlehrer und Modell, werkelte nebenbei in seinem Wohnzimmer an einem neuen Album und stellte die Songs ins Internet.

"Als ich Martins Musik zum ersten Mal gehört hab, war mir sofort klar, dass sie genau so wie sie sind veröffentlicht werden müssen", erzählt Benjamin Dibaba von Peermusic. Ihm ist es zu verdanken, dass Martin Gallop aus dem Web 2.0 an die Oberfläche gespült wurde, denn er hat ihn auf Myspace entdeckt und sofort unter Vertrag genommen. Und wahrscheinlich ist das auch das Geheimnis der unmittelbar einsetzenden Faszination: alles ist echt, durch Erfahrung verdient, keine Deutschland-sucht-Retorte, sondern endlich einmal wieder wirklich gute Singer-Songwriter Musik, die auch Annett Louisan sofort so begeistert hat. Und zwar so sehr und nachhaltig, dass sie ihn als Special Guest auf ihre Tour eingeladen hat. Sie hat es sich auch nicht nehmen lassen, zu dem kleinen Konzert in die Prinzenbar zu kommen. Lächelnd steht sie im Publikum, schließt manchmal die Augen, tanzt ein wenig und genießt - so wie die meisten Leute. Als Martin von der Bühne gehen will, jubeln sie und klatschen, verlangen nach Zugabe.

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