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Interview

Komponist Max Richter: Die perfekte Mischung aus Universität und Dancefloor

Um Grenzen hat er sich noch nie geschert: Max Richter komponiert moderne Klassik wie Filmmusik und hat auch schon Ambient-Techno produziert. Im stern-Interview verrät er, welche Musik ihn langweilt - und warum er mit der Kozerttradition brechen will.

Max Richter

Der britische Komponist Max Richter wurde 1966 in Hameln geboren.

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Er gehört zu den ganz wenigen klassischen Komponisten, die es in die Album-Charts schaffen. Mit "The Blue Notebooks" gelang dem Briten Max Richter vor 15 Jahren der Durchbruch. Anlässlich des Jubiläums erscheint das Werk in einer Neuausgabe. Dazu gibt es ein Video des darauf enthaltenen Stückes "On the Nature of Daylight" - mit der Schauspielerin Elisabeth Moss ("Mad Men", "Top of the Lake").

Herr Richter, wer ist auf die Idee gekommen, Ihr Album "The Blue Notebooks" nur 15 Jahre nach der Erstveröffentlichung neu aufzulegen?
Wir haben das Stück in den letzten Jahren wieder öfters aufgeführt. Der Grund dafür ist die politische Dimension des Stücks. Wir stehen gerade vor ähnlichen geopolitischen Fragen wie 2003. Damals gab es den Irak-Krieg. Die Idee hinter dem Stück war, dass sich Politik immer mehr in Fiktion verwandelt. In den letzten Jahren hat sich die Welt noch weiter in diese Richtung entwickelt. Es war ein guter Zeitpunkt, die Komposition noch einmal neu zu betrachten.

Haben Sie die anders wahrgenommen, als Sie sie nach der langen Zeit wiedergehört haben?
Ja, das ist eine der schönen Erfahrungen, die uns Kunst geben kann. Wir betrachten etwas wieder, und es ist komplett anders. Nicht weil das Stück sich geändert hat, sondern der Betrachter. Es ist auch ein bisschen so, wie wenn man einen alten Freund wiedertrifft.

Sie sind klassisch ausgebildeter Komponist und haben bei Luciano Berio studiert. Dennoch machen Sie alle möglichen Arten von Musik: Klassische Musik ebenso wie Filmmusik und auch Pop. Woher kommt diese Offenheit?
Schon als Kind habe ich auf dem Klavier Mozart und Beethoven gespielt, aber gleichzeitig auch elektronische Musik gehört. Es hat für mich nie Sinn gemacht, die Welten zu trennen: in Musik, die entweder wertvoll und seriös ist oder trivial. Die klassische Musik hat sich immer mit populären Stilen auseinandergesetzt. Bis ins 18. Jahrhundert waren diese Musikformen gemischt. Umgekehrt ist Musik von Rockbands wie Can oder Neu! hochkomplex. Ich habe an diese Trennung nie geglaubt und das Material verwendet, das für mich Sinn ergab. Dabei ist eine Hybrid-Sprache entstanden. Wenn Sie so wollen eine Mischung aus und Dancefloor.

Haben andere Komponisten Sie für Ihre Offenheit kritisiert?
Ja, die meisten klassischen Komponisten beschäftigen sich mit nichts anderem als westlicher Kunstmusik. Alles andere ist für sie nicht von Belang. Diese Einstellung hat etwas Totalitäres. Das hat für mich aber nichts mit Kunst und Kreativität zu tun. Da geht es für mich um Menschen, die miteinander kommunizieren. Viele Kommentare zu meinem frühen Schaffen gingen in die Richtung: Das ist keine richtige Musik. Das hat mir aber gezeigt, dass ich etwas richtig mache.

"The Blue Notebooks" hat Sie über die Klassik-Szene hinaus bekannt gemacht. Haben Sie damals erwartet, dass die CD ein so großer Erfolg wird?

"The Blue Notebooks"

Zum 15. Jahrestag erscheint Max Richters Meisterwerk "The Blue Notebooks" in einer erweiterten Neuausgabe.

Es war meine zweite Veröffentlichung. Mein erstes Album "Memoryhouse" hat 2002 keine Beachtung gefunden, niemand hat es besprochen, niemand aufgeführt. Es war ein totaler Reinfall! Deswegen waren meine Erwartungen an "The Blue Notebooks" gering. Doch die Musikwelt hatte sich inzwischen gewandelt. Es gab ein Publikum für Musik, die in dieser Hybrid-Sprache geschrieben war.

Sie haben seither überwiegend Filmmusik komponiert. Woran liegt das?
So würde ich das nicht sehen. Ich habe sieben Alben veröffentlicht, vier Ballette, eine Oper und Orchestermusik komponiert. Ich habe einfach sehr viel gemacht. Aber das einzige, was die Leute kennen, ist die Filmmusik.

Wie komponieren Sie: Schreiben Sie Noten auf Papier, sitzen Sie am oder arbeiten Sie im Studio? 
Das kommt darauf an. Wenn ich ein Orchesterstück komponiere, schreibe ich auf Papier. Manchmal spiele ich auch auf dem Klavier, manchmal bin ich im Studio. Mein Ausgangspunkt ist aber immer Papier – darauf schreibe ich schneller als am Computer.

Ist es ein Problem, dass klassische Musik noch immer in steifen Konzertsälen präsentiert wird?
Ja. Das Konzertritual hält gerade junge Menschen von den Konzertsälen fern. Sie wissen nicht, wie sie sich benehmen sollen, wann sie klatschen dürfen. Deswegen möchte ich meine Musik an verschiedenen Orten aufführen. Als ich "Vivaldi: Recomposed" aufgeführt habe, fand die Premiere im Berghain in Berlin statt. Ich bin sehr interessiert, die Tradition hinter mir zu lassen.

Welche aktuelle Musik hören Sie?
Ich höre sehr viel verschiedene Musik: Klassische wie elektronische Musik. Rockmusik. Wenn ich komponiere, kann ich jedoch nichts nebenbei hören. 

Gibt es Musik, die Sie gar nicht interessiert?
Ich höre keine Mainstream-Popmusik. Das ist für mich ein industrieller Prozess. Mich interessiert Kreativität als eine singuläre, authentische Stimme. Aktuelle Popmusik entsteht in einem fabrikartigen Prozess, da sind ganz viele Leute beteiligt, die den Song herstellen. Da werden Stimmen in einer brutalen, entmenschlichenden Weise getuned. Ich bin einfach nicht interessiert, diesen Sound in meinen Ohren zu haben. 

Auf welche Ihrer Kompositionen sind Sie besonders stolz?
Das ist wie zwischen den eigenen Kindern zu entscheiden. Ich bin am meisten stolz, dass ich meine Zeit mit Komponieren verbringen kann. Das ist ein großes Privileg. 

Themen in diesem Artikel
Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo