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Michael Bublé im Interview: "Warum sind die Deutschen so weihnachts-zynisch?"

Er hat das erfolgreichste Weihnachtsalbum aller Zeiten veröffentlicht. Ein Gespräch mit Michael Bublé über Ausgebranntsein, wahre Gefühle und die Freude am Fluchen.

Von Sophie Albers

Sie haben das Album im Sommer aufgenommen, stimmt's?
Stimmt, ja, aber kann ich Ihnen mal eine Frage stellen? Warum sind deutsche Journalisten so misstrauisch, wenn ich sage, dass ich Weihnachten wirklich liebe?

Weil wir Zyniker sind.
Aber warum seid ihr so zynisch? (lacht) Das ist so ein schönes Fest! Ja, ich habe das Album im Juli aufgenommen. Es war heiß, aber ich habe es trotzdem geliebt!

Und wie haben Sie sich in Stimmung gebracht? Mit Glühwein?
Ich gebe zu, wir haben einen kleinen Tannenbaum ins Studio gestellt. Aber es geht mir wirklich um diese Songs. Als Irving Berlin "White Christmas" geschrieben hat, meinte Bing Crosby: Du hast nicht nur den schönsten aller Weihnachtssongs geschrieben, du hast einen der schönster Songs aller Zeiten geschrieben! Oder nehmen Sie "I'll be home for Christmas". Der wurde während des Krieges komponiert, als Männer ihre Frauen verlassen mussten und nicht wussten, ob sie sie jemals wiedersehen werden. Und die Chancen standen schlecht. Dieser Song hat die Menschen getröstet. Und das Gefühl ist immer noch da. Das rührt mich bis heute.

Es heißt, Sie verdanken Weihnachten Ihre Karriere.
Meine Eltern hatten diese Bing-Crosby-Platte, und die hat mir als kleinem Jungen von maximal fünf Jahren großartige Popsongs, großartigen Melodien, großartiges Musikertum gezeigt. Wenn ich die Platte heute höre, bringt mich das immer noch zurück in die Zeit, als ich noch ein Kind war. Meine Eltern haben uns mir und meinen kleinen Schwestern wirklich eine schöne Kindheit beschert.

Haben Sie auch mal richtig schlimme Weihnachten erlebt?
Ganz ehrlich: letztes Jahr. Ich hatte das Gefühl, dass ich das Weihnachtsalbum so sehr gepusht habe, dass dieses Fest, das mir wirklich viel bedeutet, zu kommerziell geworden war. Ich konnte es nicht mehr genießen, weil ich zuviel darüber geredet hatte, um eine Platte zu verkaufen. Die ganzen Termine, TV-Shows, Interviews haben mich damals ausgebrannt.

Und warum haben Sie nicht aufgehört?
Das konnte ich nicht. Ich wollte ja, dass die Platte ein Erfolg ist. Aber ich schwöre, dass es echt nicht ums Geld ging! Ich habe mehr, als ich brauche. Ich wollte einen Klassiker schaffen, der Teil der Tradition in den Häusern der Leute wird - auf aller Welt. Auch wenn ich nicht mehr da bin. Und dann kam Weihnachten, ich war glaube ich am 23. wieder zuhause, und die Luft war raus. Da war ich dann auch zynisch. Aber dieses Jahr wird es toll!

Woher wollen Sie das wissen?
Weil ich jetzt schon aufgeregt bin.

Haben Sie jemals ein Weihnachtsfest verpasst?
Niemals! Dazu könnte mich niemand bringen! Wenn jemand sagen würde, du musst aber auftreten, würde ich antworten: Verpiss dich!

Haben Sie jemals ein Geschenk zurückgegeben?
Nie, aber ich hätte es manchmal gern getan. Ich habe eine Großmutter, eine wirklich süße Frau, aber sie hat einfach nicht begriffen, dass ich irgendwann 18 geworden bin. Und ich habe immer noch GI-Joe-Spielzeug bekommen.

Wann haben Sie zum ersten Mal kapiert, dass Santa nicht die Socken füllt?
Ich weiß nicht, wovon Sie reden! Ich glaube, wenn man aufhört, an ihn zu glauben, kriegt man keine Geschenke mehr.

Wieviel Religion und Tradition braucht Weihnachten?
Soviel wie jeder für sich braucht. Ich habe meinen Glauben so wie Sie Ihren, aber das ist nichts, was ich anderen aufdrücken möchte. Meine Tradition ist meine Familie, mit den Leuten sein, die man liebt. Ich mag die Idee von Weihnachten. Vielleicht ist die nicht mal echt, aber ich mag, dass die Leute ein bisschen netter sind als sonst, ein bisschen großzügiger. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin und mir einer die Vorfahrt nimmt, sage ich zuerst "Fröhliche Weihnachten" und dann "Fuck you, you motherfucker!" (lacht laut)

Sie fluchen verdammt viel. Hören Sie Weihnachten damit auf?
Wissen Sie was - und ich bin stolz darauf, das zu sagen: Meine Familie flucht genauso viel wie ich! Wir sind eine gute, normale Arbeiterfamilie. Und ich finde "fuck" ist ein wundervolles Wort, um mich auszudrücken. Es bedeutet so viel!

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