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Mika: Der Thronfolger

Er sing pompösen Pop mit einer Fünf-Oktaven-Stimme. Vielen Briten gilt der 23-jährige Mika Penniman als Erbe Freddie Mercurys. Sein Debütalbum gibt ihnen recht.

Von Hannes Ross

Bei diesem Text ist Vorsicht angesagt. Man will ja nicht als "schlampiger, pickliger Wichser" beschimpft werden. Weltweit im Internet. Und dann auch noch von Brian May, der Legende, dem ehemaligen Gitarristen von Queen. So nämlich erging es dem Musikjournalisten Alexis Petridis. Grund: Er hatte in der britischen Zeitung "Guardian" eine CD negativ besprochen. Keine von Brian May. Es ging auch nicht um eine neue "The Best Of Queen"-CD. Es ging dabei um Mika. Brian May ist sein berühmtester Fan.

Der 23-jährige Mika Penniman, halb Libanese, halb Amerikaner, wohnhaft in London, wird zurzeit als "the next big thing" in der Popmusik gehandelt. Seine erste CD "Life In Cartoon Motion", die Ende März bei uns erscheint, stand bereits auf Platz eins in England. Und? Müssen wir den Mann beschimpfen und Gefahr laufen, dass Brian May uns mit seiner schweren, alten Queen-Hardrock-Gitarre auf den Kopf haut? Glücklicherweise nicht. Denn die CD von Mika ist eine gelungene, knallbunte und sehr abwechslungsreiche Sammlung großartiger kleiner Pophymnen. Theatralisch, eingängig und pompös. Mika klingt so, als hätte er sich im Tonstudio mit den CDs von Elton John, den Scissor Sisters und Queen eingeschlossen und alles mit eigenen Ideen zusammengemischt. Dazu kommt, dass der Schlaks mit den dunklen Wuschellocken eine Fünf-Oktaven-Stimme hat - mehr hat Mariah Carey auch nicht zu bieten. Wer Mika hört, bekommt gute Laune. Der Mann versteht sein Handwerk.

Lob von Elton John

Dabei wirkt er so gar nicht wie ein abgeklärter Popprofi. Ein Restaurant in Berlin: Mika zappelt auf seinem Stuhl herum, seine Augen sind braun, groß und rastlos. Mit seinen dünnen Fingern pult er an seinen grünen Hosenträgern, die eine hellblaue Stoffhose über den Bauchnabel ziehen. Er redet in aufgeregten Sätzen, die meist kein Ende haben und jedes Mal mit "Wahnsinn!" enden. "Gefällt Ihnen meine CD? Daran habe ich verdammt lange gearbeitet! Sie hat schon gute Kritiken bekommen, aber mal sehen, wie das weitergeht, weiß ich auch nicht ... Wahnsinn!" Er kann den Erfolg selbst nicht fassen. Vergangene Woche trat er zusammen mit Yusuf Islam, ehemals Cat Stevens, in einer Fernsehshow auf. Ein paar Tage später klingelte das Telefon. Elton John war dran. Tolle CD, Mika, sagte er.

Man gönnt dem Mann diese Anerkennung - er musste hart darum kämpfen. Mika wurde in Beirut geboren und ging in Paris in den Kindergarten, bevor sich seine Familie in London niederließ. Ein Zuhause, endlich, doch als der neunjährige Mika in seine Klasse kam, hatte er das Lesen und Schreiben verlernt. "Ich war wie betäubt. Die tausend Umzüge hatten mich so durchgeschüttelt, dass ich nicht weiterkonnte. Ich weigerte mich sogar zu sprechen." Nur Singen machte ihm noch Spaß. Seine Mutter nahm ihn aus der Schule und besorgte ihm eine russische Opern-Gesangslehrerin. "Ein Diktator mit großem Busen. Aber von ihr habe ich alles gelernt", sagt Mika, jetzt nicht mehr hippelig, sondern voll stiller Ehrfurcht.

Der Diktator mit dem großen Busen tat ihm gut. Mika begann, seine eigenen Songs zu komponieren, er sang WerbeJingles für Kaugummis und im Chor des Royal Opera House in London. Aber als er bei einer Plattenfirma vorsang, sagten sie: "Singen kannst du. Aber probier mal, mehr wie Robbie zu sein!" Er hat nicht auf sie gehört. Stattdessen schrieb er einen Song über die Forderung, ein anderer zu sein als er selbst: "Grace Kelly", eine satirische Drei-Minuten-Popoper. "Soll ich mich verbiegen, soll ich älter aussehen, nur damit ich in eure Schublade passe?", singt er. Ein Musikproduzent biss schließlich an, besorgte Mika den ersehnten Plattenvertrag, und "Grace Kelly" schoss an die Spitze der britischen Charts. Mittlerweile wird er bereits mit seinem großen Vorbild Freddie Mercury verglichen. Und er hat tatsächlich das Zeug, ihn zu erreichen. Auch ohne Brian Mays ruppige Hilfe.

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