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Esa-Mission "Hera" Start einer Asteroiden-Abwehr: Die Dinosaurier waren hilflos, "aber wir werden vorbereitet sein"

Esa-Sonde Hera am Asteroiden Didymos
2024: Die Esa-Sonde "Hera" untersucht den kleineren Brocken des Doppel-Asteroiden Didymos in 150 Millionen Kilometern Entfernung von der Erde
© Esa-ScienceOffice.org
Dass ein Asteroid einmal die Erde bedrohen wird, ist nur eine Frage der Zeit. Könnten wir die Katastrophe verhindern? Szenarien gibt es viele, doch nun machen es Esa und Nasa konkret. Die Verträge sind unterschrieben, eine Mission steht.

Als am 15. Februar 2013 ein Meteor über der russischen Stadt Tscheljabinsk im Ural explodierte, wurde der Welt eindringlich vor Augen geführt, dass die Gefahr real ist, dass ein Gesteinsbrocken aus dem All auf der Erde einschlagen könnte. 1500 Menschen wurden verletzt – die meisten durch splitterndes Fensterglas, das in weitem Umkreis der freigesetzten Druckwelle nicht standhalten konnte. Dabei schlug der Meteor nicht einmal ein, sondern zerbarst in der Atmosphäre; kleinere und größere Stücke wurden noch Monate später weit verteilt in der Region aufgefunden. Dass der physische Aufprall eines massiven kosmischen Brockens weit verheerendere Folgen haben würde, kann man sich leicht vorstellen.

Um eine solche Katastrophe zu verhindern, hat Europas Raumfahrtagentur Esa jetzt das Projekt "Hera" gestartet. Mit Unterstützung der amerikanischen Nasa sollen erstmals Möglichkeiten in der Praxis getestet werden, Asteroiden oder andere Himmelsobjekte, die der Erde gefährlich werden können, gezielt anzusteuern und an unserem Planeten vorbei zu lenken. Dies ist theoretisch die beste Methode, eine vielleicht sogar globale Katastrophe durch einen Impact abzuwenden. Doch wie soll das konkret vonstatten gehen? Sind wir überhaupt dazu in der Lage? "Hera" soll erste Antworten auf diese Frage liefern. 130 Millionen Euro stehen für die Mission bereit, 60 Millionen davon kommen aus Deutschland. Und ein deutsches Unternehmen ist auch beteiligt: der Satellitenbauer OHB System aus Bremen. Anfang der Woche wurden im Esa-Kontrollzentrum in Darmstadt die Verträge unterzeichnet.

Asteroid Didymos: Erst "Dart", dann "Hera"

Konkret soll laut Esa bei der Mission zunächst die US-Sonde "Dart" im Jahr 2022 auf den kleineren Brocken des Doppelasteroiden Didymos treffen – mit einer Geschwindigkeit von mehr als sechs Kilometern pro Sekunde. Der Aufprall wird nach Auffassung der Experten einen Krater hinterlassen und den Orbit des Himmelskörpers verändern. Dieser Brocken wäre der Raumfahrtbehörde zufolge dann der erste Himmelskörper, dessen orbitale und physikalische Eigenschaften von Menschenhand verändert wurden. So jedenfalls der Plan.

Anschließend, laut Plan zwei Jahre später, soll der Satellit "Hera" zu dem Doppelasteroiden fliegen und Daten sammeln. Diese sollen dazu dienen, die Struktur und Zusammensetzung von Asteroiden besser zu verstehen. Die Raumsonde von der Größe eines Schreibtisches wird auch Minisatelliten an Bord haben. Diese zehn Zentimeter großen Würfel sollen die Zusammensetzung und das Innere des Asteroiden untersuchen. Die Kleinstsatelliten sind im Grunde eher Drohnen, die dem Asteroiden viel näher kommen und womöglich sogar auf ihm landen können. Wenn Masse, Dichte und Materialien von Didymos bekannt sind, kann man auch mit Sicherheit sagen, ob wir in der Lage wären, diesen Doppelasteroiden und ähnliche Himmelskörper an der Erde vorbeizulenken. Noch im Juli galt Didymos als gefährlich, ist nun aber laut Esa keine Bedrohung mehr. Doch das heißt nicht, dass er nicht wie zigtausende ähnlicher Brocken in relativer Erdnähe doch einmal zu einem Objekt werden könnte, dessen Einschlag verhindert werden muss.

Brian May: "Wir haben die Wissenschaft als Vorteil"

Zu den Fürsprechern der "Hera"-Mission gehört Queen-Gitarrist Brian May, ein promovierter Astrophysiker. Die Mission, sagt der 73-Jährige in einem Esa-Erklärvideo in klassischer Raumfahrersprache, werde uns "Dinge zeigen, die niemand je zuvor gesehen hat". Es sei alles andere als selbstverständlich, dass zwei Sonden von der Erde ein solches, eher dunkles Gebilde erreichen. Schließlich gehe es darum, ein Ziel von rund 160 Metern Größe über eine Entfernung von 150 Millionen Kilometern zu treffen. "Stellt Euch einen Berg am Himmel vor, um den sich ein weiterer Stein von der Größe der 'Großen Pyramide' dreht – das ist Didymos", beschreibt May das "Testgelände" für den ersten Versuch, die Bahn eines astronomischen Objektes zu verändern. Schon der kleine Mond des Doppelasteroiden würde bei einem Aufschlag auf die Erde eine komplette Stadt zerstören.

"Wir werden herausfinden, ob es möglich ist, ihn abzulenken", so May weiter. Ob die Menschheit in der Lage wäre, einen Asteroiden auf Kollisionskurs wirklich zu stoppen, werde sich somit bald zeigen. "Die Dinosaurier konnten es nicht", spielt der Rockstar mit Astro-Expertise auf das Aussterben der Riesenechsen vor 66 Millionen Jahren an. "Aber wir Menschen haben den Vorteil des Wissens und der Forschung auf unserer Seite." Bisher gebe es vor allem Theorien, wie wir uns vor einem Asteroideneinschlag schützen könnten, mit "Hera" werde das nun konkreter. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten eines Tages entscheidend dafür sein, die Erde zu retten. Sollte es einmal wirklich dazu kommen, so ist May überzeugt, "dann werden wir vorbereitet sein".

Tscheljabinsk-Meteor hatte niemand kommen sehen

Die Gefahren aus dem All seien real, betonte während eines Pressetermins am vergangenen Dienstag auch Marco Fuchs. "Dort gibt es Millionen von Gesteinsbrocken, die im Falle einer Kollision das Leben auf der Erde auslöschen könnten", so der Chef des Satellitenbauers OHB. Bereits seit zwei Jahren arbeite sein Unternehmen an dem Projekt, an dem 17 Esa-Länder beteiligt sind. Die größte technische Schwierigkeit sei, dass die Sonde in der großen Entfernung von der Erde weitgehend autonom funktionieren müsse. Doch "wenn der Test erfolgreich ist, sollten wir uns bereit machen für wirkliche Ablenkungsmanöver", so Esa-Direktor Rolf Densing. "Wir wollen die Menschheit schützen."

Bei Null beginnt die planetare Verteidigung mit "Hera" übrigens nicht. Der spektakuläre Impact des Kometen Shoemaker-Levy 9 auf Jupiter im Jahr 1994 war ein Weckruf. Vier Jahre später erhielt die Nasa vom US-Kongress den Auftrag, möglichst 90 Prozent der sogenannten NEOs, der Near Earth Objects, oder auch "Erdbahnkreuzer" mit mindestens einem Kilometer Durchmesser zu katalogisieren. Inzwischen überwachen etliche Programme die direkte Nachbarschaft unseres Planeten. Als kritische Größe gelten nun um die 140 Meter – auch, weil schon der Einschlag eines solchen Objektes die US-Hauptstadt Washington D.C. und ihre Umgebung zerstören könnte. Man geht davon aus, dass rund 30.000 dieser dunklen und daher schwer zu ortenden Brocken die Erde umschwirren. Bisher verfehlte noch jedes Objekt, das zunächst als potenziell gefährlich eingestuft wurde, unseren Planeten.

Doch zur Wahrheit gehört auch: Der Meteor von Tscheljabinsk kam überraschend, er näherte sich aus einem so ungünstigen Winkel der Erde, das er von den Observationsprogrammen nicht entdeckt wurde. Sollte dies so bei einem zerstörerischen Asteroiden passieren, wäre es für eine Ablenkung längst zu spät.

Quellen: Hera-Mission der Esa; Dart-Mission der Nasa; Near Earth Object Observation Program; Center for Near Earth Object Studies; NEO Coordination Center; Erkenntnisse zum Tscheljabinsk-Meteor (Esa); European Southern Observatory; Nachrichtenagentur DPA


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