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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Für immer Thommy – alles Gute zum 70., Thomas Gottschalk!

Thomas Gottschalk
Thomas Gottschalk am 26. September 1987 in Hof bei seiner ersten "Wetten, dass ..?"-Show.
© Renate Schäfer / ZDF
Jahrzehntelang war der Mann der komische Onkel, eine Art erweitertes Familienmitglied - jetzt feiert Thomas Gottschalk seinen 70. Geburtstag. Eine Hommage an den Showtitan von Micky Beisenherz.

Es gibt schlimmere Dinge, die einem geschehen können als eine persönliche Grußbotschaft von Queen-Gitarrist Brian May oder Joko und Klaas, die dich wie aufgeregte Neffen besuchen, um mit dir in deinen Ehrentag reinzufeiern.

Spätestens mit Vollendung des dreißigsten Lebensjahres ist jeder weitere runde Geburtstag eine narzisstische Kränkung. Eine deplatzierte Bemerkung im Kalender. Darüber, dass auch das gnädigste Textil keine tragfähige Hängebrücke mehr sein kann, um den Graben zwischen jung fühlen und jung sein zu überwinden. Es wäre "dem Thommy" zu wünschen, dass ausreichend Geklingel um ihn herum solche inneren Stimmen übertönen.

Wer jung bleiben will, hat verloren

Thomas Gottschalk wird heute 70, und dass er halt immer noch "der Thommy" ist und eben nicht Herr Gottschalk liegt nicht daran, dass er das Altern erfolgreich besiegt hätte. Es ist eher das Augenzwinkern, mit dem er uns all die Jahre an der leidenschaftlichen Ignoranz desselben teilhaben lässt. Verwundbarkeit macht sympathisch, und wer jung bleiben will, hat schon verloren. Da ist er uns, die wir zum Einschlafen "Die drei ???" hören, auf Parties jugendliche Traumata wieder hochtanzen oder uns nach der ersten Hüft-OP nochmal ein Longboard kaufen, halt nur ein paar Jahre voraus. Der Ur-Peter Pan. 

Wurde lange Zeit lustvoll im Feuilleton oder sozialen Netzwerken auf das Mensch gewordene Brokatsakko eingeknüppelt, wird er seit einiger Zeit auf einer Phil-Collins-artigen Woge der Zuneigung getragen. Und das ist schön. Womöglich haben seine Kritiker schlicht aufgegeben. Jahrzehntelang war der Mann der komische Onkel, eine Art erweitertes Familienmitglied, das uns nicht verpetzt hat, wenn wir als Kinder mucksmäuschenstill unter dem Wohnzimmertisch verharrten, um bei "Wetten, dass..?" ja auch noch die Baggerwette mitzubekommen. Dann irgendwann war Schluss. Und der, der glaubte, sich neu erfinden zu können, musste feststellen, dass du aus Coca Cola keinen Matcha-Tee machen kannst.

Thomas Gottschalk als deutscher Larry King

Seitdem irrt Chris de Burgh herrenlos durch Offenburg. Auch für den Stadthallen-Zar folgten Jahre der Orientierungslosigkeit. Mit "Gottschalk live" bekam der TV-Zuschauer etwas, was man vorher so noch nie gesehen hatte. Er wollte der deutsche Larry King werden. Es wurde: die Satire, die Helmut Dietl leider nicht mehr eingefallen ist. Plötzlich stand der Kaiser nackt vor seinem Publikum. Ohne Showtreppe, ohne wartenden Flieger oder die Status Quo, ja, nicht einmal mehr das Publikum war da. Ohne den ganzen Pomp und Zinnober war alles so dünn und fragil wie ein frisch geschorener Pudel, nackt und fröstelnd in der Badewanne. Was übrig blieb, war ein alter Showdinosaurier, der vorgeben musste, etwas zu sein, was er nicht ist: interessiert an Geschichten, die nicht die seinen sind. Erzählt von Menschen, deren bloße Existenz im Fernsehen dem Fragensteller spürbar aufstieß. Das allein war womöglich quotentechnisch ein Tiefpunkt.

Die Talsohle schien mir erst erreicht, als er, der Bundesmoderationspräsident ohne erkennbare Not, als Gute-Laune-Minister ins finstere Unrechts-Regime des Unterhaltungs-Despoten Bohlen wechselte. Und so ganz nebenbei alles über Bord zu werfen schien, wofür er bislang gestanden hatte. Ausgerechnet er, der Goethe-und-Schiller-Thommy, der leidenschaftliche Verächter der RTL-Welt macht sich zum Sidekick des blondierten Berufsschülerinnenschrecks. Er wirkte wie der Lieblingsonkel, der in der Midlife-Crisis zum Entsetzen aller mit einer grell überschminkten Primark-Torte auftaucht. Was war denn nur los mit ihm? Ein König ohne Reich. Es war traurig.

Möbelhäuser, Hörgeräte, GNTM-Finale

Es folgten Dinge, die ein Dieter Bohlen mit einem "Scheck schlägt Schock" weggegrinst hätte: Kampagnen für Möbelhäuser, Werbung für Hörgeräte und ein geradezu grotesker Stargast-Auftritt beim Topmodel–Finale, bei dem er so deplatziert wirkte wie Friedrich Merz bei Tik Tok. Und dann erdreistet er sich auch noch, sich von seiner Thea zu trennen. Was für die Generation "Nogger dir einen" allein schon deshalb ein Sakrileg ist, weil die eigenen Eltern plötzlich doch noch die nächsten sein könnten.

Der Umzug nach Baden-Baden war da nur die gerechte Strafe. All das ist noch nicht lange her, und doch hat es bereits jetzt keinerlei Bedeutung mehr, denn der Unergrauliche besitzt eine, speziell in der Showbranche seltene Gabe: Selbstironie. Der Mann weiß, was er tut. Wo er es tut. Und wie das alles auf uns wirkt. Klar, manchmal wehrt sich der alte Germanist noch sachte, wenn er Literatursendungen im BR moderiert und in das fassungslose Gesicht eines Ferdinand von Schirach blickt, der eindeutig schwerer am Leben trägt als er. Die Sendung ist mittlerweile eingestellt. Kein Bock. Warum auch. Lohnt nicht. Wem will er noch was beweisen.

Da wirkten sie noch innig und vertraut: Entertainer Thomas Gottschalk und seine Frau Thea besuchten im Juli 2018 die Bayreuther Festspiele. Beide sind Opernfans.

Thomas Gottschalk kann nicht aufhören

In einem ausgesprochen komischen Interview mit dem "Spiegel" stellte er sich den Fragen existenzialismusgebeutelter Millenials, deren Fragen gewordener Armverschränkung er mit größtmöglicher Gelassenheit begegnete: Segmüller? "Ein Missverständnis." Hörgeräte? "Nimmt man mir doch ab." Teenie-Fans? "Weder habe ich eine Serie auf Netflix, noch habe ich in 'Game of Thrones' mitgespielt, obwohl die dort alle so aussehen wie ich."

Während ehemalige Show-Kollegen sich im Alter zusehends in die Verbitterung hineinwuchten, belässt es "der Thommy" dabei, sich selbst amüsiert beim Herumfossilen zuzusehen. Klar, er könnte natürlich aufhören. Nein, Quatsch. Kann er selbstverständlich nicht. Und absurderweise findet sich derjenige, der nahezu doppelt so alt ist wie seine Nachfolger, in einer Situation wieder, die ihm aus den Anfängen bereits vertraut ist: als redseliger Free Jazzer in einer Branche voller genormter Kartenableser und Moderationskellner. Ein Chevy Cabrio inmitten von Passats und Skoda Octavias.

In Momenten, wenn er mit seiner legitimen Nachfolgerin, Barbara Schöneberger oder "dem Günther" in ein Studio kommt, fühlt er sich in seinem Element. Weil du aber nicht mit 70 Jahren alleine auf dem zerpocherten medialen Affenfelsen hocken kannst, muss auch ein Gottschalk es gelegentlich ertragen, sich ein Gehege mit Menschen zu teilen, die früher nicht einmal einen Bagger hätten bedienen dürfen. Tausche Würde gegen Wendler. Am Ende tut er es mit der bekannten "Mei, Wurscht"-igkeit ab, mit der er noch jeder peinlichen Situation die Luft abgelassen hat.

Es ist diese lustvolle Scheißegaligkeit, die beeindruckt. Nichts ist so attraktiv wie Unabhängigkeit. Und einer, der keine Karriere mehr machen will, weil er bereits eine hat - so jemandem muss man doch sein Herz schenken! Gestern saß er wieder da, im ZDF. Was ja fast ein wenig so ist, als wäre er wieder zur Ex zurück gekehrt. Umringt von Wegbegleitern und prominenten Bewunderern. Hier durfte er in aller epischen Breite von seinen Geschichten erzählen. Wenn man ehrlich ist, muss man sagen: Es sind die besseren. Happy Birthday, Thomas Gottschalk. Ein Fan.


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