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Notwist: "Neon Golden": Musikalischer Kosmos aus der bayrischen Provinz

Das Musikjahr 2002 hat seinen ersten Höhepunkt: "Neon Golden", das lang ersehnte fünfte Album von Notwist, wirkt trotz seiner ungeheuren stilistischen Vielfalt homogen und eingängig.

Notwist: Martin Gretschmann und Markus Acher

Notwist: Martin Gretschmann und Markus Acher

Es gibt Platten, die werden regelrecht herbeigesehnt. Einer Heilsbotschaft gleich sollen sie von die Rettung versprechen und frischen Wind und Inspiration in eine müde Musikszene bringen. Viele Platten, die mit derartigen Erwartungen befrachtet sind, können diesem Druck nicht standhalten und geraten zur Enttäuschung - wenngleich sie vielleicht für sich betrachtet ordentliche Werke sind. »Discovery« von Daft Punk ist ein Beispiel dafür.

Die Last der guten Vorarbeit

Mit ihrem letzten Album hat sich Notwist in eine ähnliche Rolle gespielt: »Shrink« wurde nach seinem Erscheinen 1998 von der Fachpresse frenetisch gefeiert. Die Band wurde (zurecht) als eine der innovativsten deutschen Bands bezeichnet. Bei aller Genugtuung über die Anerkennung setzt das die Musiker aber auch unter Zugzwang: Man erwartet von ihnen Großes. Wenn nicht mehr.

Musik mit ruhiger Hand

Knapp vier Jahre sind seither vergangen. In der Zwischenzeit trieben die einzelnen Bandmitglieder ihre weiteren Projekte voran: das Tied & Tickled Trio (die Gebrüder Acher), Console (Martin Gretschmann), Lali Puna (Markus Acher), um nur einige zu nennen. Nachdem die Single »Pilot« bereits seit einiger Zeit über den Äther läuft und vor allem als Video eine gute Figur abgibt, ist nun das lang ersehnte Album erschienen.

Um es vorwegzunehmen: »Neon Golden« erfüllt die Erwartungen vollauf. Konsequent hat das Quartett den Stil des Vorgängers fortentwickelt. Was man seinerzeit als Indietronics bezeichnet hat, die Zusammenführung der ursprünglich vollkommen getrennten Sphären Indie-Rock und Elektronik, ist hier zur völligen Einheit verschmolzen.

Digital und analog vermählt

Wirkte Martin Gretschmanns Beitrag auf »Shrink« bisweilen ein wenig wie äußerlich hinzugefügt, so ist er inzwischen völlig in den Entstehungsprozess der Stücke integriert. Seine digitalen Geräuschpartikel sind ein organischer Bestandteil des Bandsounds und lassen sich nicht mehr von den Stücken entfernen, ohne deren Aussage und Charakter im Wesen zu verändern.

Einheit in der Vielfalt

Notwist haben ihr musikalisches Spektrum stark erweitert. Neben Rock und Elektronik haben Jazz, Blues, Folk und Reggae Eingang in den Sound gefunden. Dennoch wirkt die ganze Platte sehr homogen. Die verschiedenen Stile verbinden sich zu einem Ganzen und bilden eingängige Songs, durchaus mit Hitpotenzial. »Trashing Days« ist so eines dieser Lieder, das so schnell nicht aus dem Kopf geht.

Die zehn Stücke sind subtil arrangiert. Neben Klarinette und Saxofon finden Cello, Congas und Banjo ihren Weg auf das Album. Auch mit Samples wird gearbeitet. Bei aller Klangschichtung wirken die Stücke nie überladen, der Sound bleibt stets luftig und transparent.

Klänge mit langer Nachwirkung

Über allem schwebt eine Notwist-typische Melancholie, die einen tief in die Klänge hineinzieht und während des Hörens alles um einen herum vergessen macht. Die Nachwirkung hält lange an. Vielleicht überdauern sie sogar vier Jahre bis zur nächsten Notwist-Veröffentlichung.

Carsten Heidböhmer

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