Opernstar der Bundesrepublik verstorben Anneliese Rothenberger gab sich die Ehre


Anneliese Rothenberger hat Oper und Operette aus den feinen Sälen in die deutschen Wohnzimmer geholt. Mit ihrem hellen Sopran sang sie sich in die Herzen der bundesrepublikanischen Fernsehzuschauer, blieb bei Kritikern jedoch umstritten. Nun ist die Opernsängerin, die ihre Karriere 1989 nach einer Krebserkrankung beendet hatte, mit 83 Jahren verstorben.

Die Opernsängerin Anneliese Rothenberger ist tot. Sie starb am Montagabend im Alter von 83 Jahren nach kurzer Krankheit im Kantonsspital Münsterlingen in der Schweiz, wie ein Sprecher der Grafenfamilie Bernadotte auf der Insel Mainau sagte. Die Bernadottes waren eng mit der Künstlerin befreundet. Rothenberger, die am 19. Juni 1926 in Mannheim zur Welt kam, war die populärste weibliche Kunststimme der frühen Bundesrepublik.

Mit ihrem lyrischen, auffallend hellen Sopran brillierte sie nicht nur in Opernpartien von Mozart und Strauss, sondern auch im früher so beliebten, heute hingegen fast verschmähten Operettenfach. Gerade diese Hinwendung auch zur sogenannten leichten Muse sicherte Rothenberger Bekanntheit beim großen Publikum. Dass die Sängerin weit mehr in Erinnerung geblieben ist als die meisten Kolleginnen ihrer Generation, war in ihrer hohen Fernsehpräsenz in den 70ern bis Mitte der 80er Jahre begründet.

Damals trat sie in der ZDF-Show "Anneliese Rothenberger gibt sich die Ehre" auf, in der sie viele prominente Gäste mit dem ihr eigenen Charme begrüßen konnte. Der Höhepunkt ihrer Opernkarriere, die 1983 endgültig endete, war um diese Zeit schon überschritten, der Ruhm aber noch frisch.

ZDF-Intendant Markus Schächter würdigte die Sopranistin als Wegbereiterin der klassischen Musik im Fernsehen: "Anneliese Rothenberger war nicht nur eine der erfolgreichsten deutschen Sängerinnen der Nachkriegszeit, von der Kritik gelobt und vom Publikum geliebt." Sie habe auch als eine der Ersten "die Möglichkeiten des Mediums Fernsehen für die Musik erkannt". Rothenberger habe Generationen für Musik begeistert.

Nach Krebserkrankung kein Comeback mehr

Begonnen hatte Rothenbergers große Karriere mit einer Gesangsausbildung während des Krieges an der Musikhochschule ihrer Heimatstadt, ein erstes Engagement in Koblenz folgte.

Ab 1948 machte sich die Sopranistin einen Namen an der Staatsoper Hamburg, weitere Stationen waren Düsseldorf, Wien, Salzburg und regelmäßige Auftritte an New Yorks Metropolitan Opera. Dort feierte sie 1960 ein umjubeltes Debüt als Zdenka in der Oper "Arabella" von Richard Strauss. Deutschlands Stimmpapst Jürgen Kesting bescheinigt in seinem Standardwerk "Die großen Stimmen" Rothenberger "Professionalität", doch merkt kritisch an, ihrem Singen fehle "Fülle, klangliche Variabilität, Verve, Leuchtkraft und jener virtuose Überschuss, der als Überfluss in die Gestaltung eingehen kann."

Das Opern- und Operettenpublikum hat das wenig gestört und der Frau bis zu ihrem Rücktritt von der Gesangskarriere 1989 die Treue gehalten. In jenem Jahr erkrankte Rothenberger an Darmkrebs, der allerdings im Frühstadium festgestellt und geheilt wurde. Zu einem Comeback wollte sich die Sängerin danach nicht mehr überreden lassen: "Die Leute auf der Straße sagten mir: 'Schade, man hört Sie gar nicht mehr.' Ich dachte, das sei besser, als würden sie sagen: 'Die Alte singt immer noch.'"

Von 1954 an war Rothenberger mit dem Publizisten Gerd Dieberitz verheiratet, der viele Jahre ihr Manager war. Dieberitz starb 1999 an Krebs. Danach lebte die Sängerin allein in ihrer Villa am Bodensee im schweizerischen Kanton Thurgau. Den Weg in die Opernhäuser fand sie in ihren späteren Jahren nur noch selten: "Ich gehe nicht mehr gerne in Premieren, weil ich jedes Mal enttäuscht bin. Es ist mir klar, dass modernisiert werden muss - aber eine Marschallin im 'Rosenkavalier' in Bluejeans ist einfach daneben."

APN APN

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