Osnabrücker Orchester in Teheran Tagebuch einer kulturellen Revolution


Vergangene Woche reiste das Osnabrücker Sinfonieorchester nach Teheran - als erstes westliches Orchester seit der Flucht des Schahs im Jahr 1979. Die Hornistin Hannah Mously schildert ihre Eindrücke. Aufgezeichnet von ihrer Schwester Sara Mously.

Sonntag, 26. August 15 Uhr vor unserem Theater. Hier versammeln wir uns, wenn wir einen Abstecher nach Gütersloh oder Lüdenscheid machen. Das Gepäck wird im Reisebus verstaut, zwei Stunden später werden die Instrumente wieder gestimmt. Aber heute haben wir eine viel weitere Reise vor uns. Elf Monate haben die Vorbereitungen gedauert. Jetzt brechen wir endlich auf, nach Teheran.

Weite Hosen sollten wir Frauen mitbringen und lange Oberteile mit luftigen Ärmeln. Im Flugzeug: Europäische Verhältnisse. Erst kurz vor der Landung legen die Iranerinnen ihre Kopftücher an. Für mich ist das Prozedere nicht neu. Mein Vater ist Saudi-Araber, und wenn ich dort war, habe ich mich auch angepasst. Trotzdem bleibt es eine Verkleidung. Ein Iraner, der uns zusieht, muss herzlich lachen: "Toll seht ihr aus!".

Montag, 27. August

Schmutziggraue Betonfassaden im Sonnenaufgang. Die Männer in Bundfaltenhosen und beigefarbenen Hemden sehen altmodisch aus. Viele der Frauen sind in den schwarzen Tschador gehüllt, den sie unter dem Kinn festhalten. Wie wird sich das anfühlen, heute Mittag bei vierzig Grad im Schatten? Einige der Jüngeren tragen Hosen und eng taillierte Mäntel. Sie binden ihre farbigen Kopftücher nur locker um den Kopf. Nachdem wir im Hotel angekommen sind, treffen wir unsere Dolmetscher: fünf Studenten, die perfekt Deutsch sprechen. Es sind Jungs in Jeans und T-Shirts, und fast habe ich das Gefühl, ich könnte so entspannt mit ihnen sprechen, wie sie aussehen. Dann kommen Gerüchte auf, ihre Lockerheit sei nur vorgetäuscht. Bin ich so naiv? Oder paranoid?

Und es gibt noch eine zweite Gruppe von Männern: Mitarbeiter des Ministeriums. Sie beobachten uns und murmeln in ihre Funkgeräte. Zu unserer Sicherheit, heißt es. Wir haben das Gefühl, das ist nur ein Teil der Wahrheit. Englisch sprechen sie nicht, nur einer von ihnen kann Deutsch.

Dienstag, 28. August

Unsere erste Probe. Wir spielen Brahms. Ein ganz normaler Arbeitstag, mitten in Teheran. Ich frage mich, ob die Dolmetscher, die uns zuhören, so etwas jemals erlebt haben. Wir spielen immer lauter. Eine Musikerin, die zu Besuch ist, sagt hinterher: "Ihr saht so glücklich aus." Ein Stück brauchen wir nicht mehr zu üben: Eine iranische Komposition, von der Regierung in Auftrag gegeben. Kurz vor unserer Abreise hat man es wieder aus dem Programm gestrichen. Vieles erscheint mir hier widersprüchlich.

Den Abend verbringen wir im Garten der deutschen Botschaft. Wir ignorieren unsere Begleiter so gut es eben geht. Wir Hornisten spielen einen bayerischen Ländler. Dann stoßen wir auf unsere Reise an - mit Saft und Cola.

Mittwoch, 29. August

Wir fragen eine Frau, wo man Geld wechseln kann. "Ich bringe sie hin", sagt sie, und läuft eine Viertelstunde mit uns durch die Straßen. Viele hier sind hilfsbereit, einfach so. Oder um hinter vorgehaltener Hand einen dieser vagen Sätze loszuwerden: "Die sind nicht gut", sagt ein Mann, und deutet auf einen imaginären Turban. "So wollen wir nicht leben", sagt ein anderer.

Am Nachmittag: Generalprobe in der Vahdat Concert Hall. Ein edler Saal, die Sessel sind mit rotem Samt bezogen. Ganz oben befindet sich eine Ehrenloge. Wer wird dort wohl sitzen?

Vor dem Konzert empfängt uns ein Tross von Journalisten. "Was halten Sie vom Holocaust?" fragt ein Reporter meinen Kollegen. Das verletzt mich. Würde sich überhaupt jemand für unsere Musik interessieren, frage ich mich, als wir hinter der Bühne warten. Oder hat gar das Ministerium alle Karten aufgekauft? "Im Publikum sitzen Leute, die werden darauf achten, wie ihr angezogen seid", warnt ein Kollege uns Frauen. Ich bin sauer. Will uns hier eigentlich jemand hören oder nicht?

Endlich öffnet sich der Vorhang. Der große Saal ist fast voll. Und wir spielen: Die Leonoren-Ouvertüre von Beethoven, das Cellokonzert von Elgar und Brahms' Vierte. Es ist ein gutes Konzert, obwohl ich wütend, aufgeregt und müde zugleich bin. Vielleicht braucht es genau diese Mischung. Ich merke, dass wir einen wichtigen Schritt tun, und sich spüre endlich, warum wir eigentlich hier sind: Um für die Menschen zu spielen. Dafür hätte ich mir das Kopftuch auch bis über die Stirn gezogen. Als wir unsere Zugabe beginnen - Brahms’ ungarischen Tanz Nr. 5 - geht ein Jubeln durch den ganzen Saal. Wir bekommen Standing Ovations, und ich lächle stolz ins Publikum, auch wenn sich das für Frauen hier nicht gehört. Die prunkvolle Ehrenloge ist frei geblieben. Nach dem Essen werden wir ins Deutsche Archäologische Institut eingeladen. Ohne Wachleute, ohne Schleier. Einfach unter uns. Ich bin müde. Und glücklich.

Donnerstag, 30. August

Am Vormittag treffen wir Musikstudenten am Konservatorium. Wir bringen ihnen Noten mit, CDs und Öle für die Blasinstrumente. Ich lerne einen Hornisten kennen, der unglaublich gut spielt. Aber sein Instrument ist schlecht und es gibt kaum Stellen in seinem Land. Immer wieder erkundigt er sich nach den Studienbedingungen in Deutschland. Das macht mich traurig, weil ich denke, dass er kaum eine Chance an unseren Hochschulen hätte - er ist für deutsche Verhältnisse zu alt. Einige der Studenten kommen am Abend zu unserem zweiten Konzert, und auch sie sind begeistert. Mein junger Kollege ist unter ihnen, und er bringt uns selbst geknüpfte Ketten und Postkarten aus seinem Heimatdorf mit.

Freitag, 31. August

Abreise nach Isfahan - Dort hätte ein weiteres Konzert stattfinden sollen, das kurz vor der Reise gestrichen worden war. In Alleen und an der hell erleuchteten Uferpromenade des Zayande-Rud-Flusses flanieren Paare, ganze Familien haben sich zum Picknicken niedergelassen. Eine Familie lädt drei meiner Kolleginnen spontan zu sich nach Hause ein. Dort haben sie für sie gekocht und bis in die Nacht im Wohnzimmer mit ihnen getanzt, erzählen sie am nächsten Morgen.

Samstag, 1. September

"Thank you for coming", lächelt mich eine junge Frau an. Sie hat uns im Fernsehen gesehen. Eine Großfamilie winkt uns heran. Wir setzen uns zu ihnen und bieten ihnen unser alkoholfreies Bier an. Die Großmutter lacht: "Nein danke, wenn kein Alkohol drin ist!" Und auch sie beschweren sie sich über das politische System, in dem sie leben. "Ihr im Westen habt eine Demokratie", sagt ein Mann. Er zuckt die Schultern. "Und wir, wir haben das hier."

Sonntag, 2. September

In der Abflughalle in Teheran begegnen wir einer jungen Familie, die hoffungslos mit Gepäck überladen ist. Ob ich ihnen etwas abnehmen könne, fragen sie. Ich überlege, ob das eine gute Idee ist. Dann lasse ich das Nachdenken sein. Ich habe so viel Vertrauen entgegen gebracht bekommen. Etwas will ich zurückgeben. Ich nehme einen der Koffer und gebe ihn mit meinem am Schalter ab.

Beim Abschied bricht einer unserer Dolmetscher in Tränen aus. Auch der deutsch sprechende Sicherheitsmann macht ein trauriges Gesicht. Eine meiner Kolleginnen fragt ihn: "Darf ich Sie umarmen?" - "Gern", sagt er, obwohl Männer und Frauen sich nicht in der Öffentlichkeit berühren dürfen. Das Flugzeug steht noch am Boden, als fast alle Iranerinnen die Kopftücher abnehmen. Nur eine Frau trägt ihren Schleier noch bei der Landung. Ihren Koffer nimmt die kleine Familie wieder mit, als wir in Düsseldorf ankommen. Es sind wahrscheinlich Hosen und Socken darin. Und Geschenke für die Daheimgebliebenen.


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