Pop Schön locker geblieben


Ihre Debüts waren Überraschungserfolge. Und nun? Scheitern Katie Melua, Jamie Cullum und Nylon an der zweiten Platte? Aber überhaupt nicht!

Er war Student, wunderhübsch, talentiert und vollkommen unbekannt. Strich in Jeans und Lederjacke durch London, sang in kleinen Clubs und gab den jungen Sinatra. Seine erste Platte - "Twentysomething" - fand seit 2003 weltweit 2,5 Millionen Käufer. Sein Name: Jamie Cullum. Sie war Studentin, wunderhübsch, talentiert und vollkommen unbekannt. Dann traf sie in London einen Mann, der für ihre Stimme ein paar Songs in der Schublade hatte. Die erste Platte der Studentin - "Call Off The Search" - kam vor zwei Jahren auf den Markt und verkaufte sich zwei Millionen Mal. Ihr Name: Katie Melua.

Sie war Studentin, wunderhübsch, talentiert und ein Geheimtipp. Sang in der Berliner Szene, machte Jazz und Pop, gründete 2004 mit vier Männern die Gruppe "Nylon" und schaffte mit dem Debüt - "Die Liebe kommt" - den Durchbruch in Deutschland. Ihr Name: Lisa Bassenge.

Die Rechnung ist ganz einfach:

Drei Musiker unter 30 plus drei ausgezeichnete Erstlingswerke ergibt riesige Erwartungen: Was zählt ein tolles Debüt, wenn der zweite Versuch in die Grütze geht? Praktisch zeitgleich veröffentlichen Katie Melua, Jamie Cullum und Nylon mit Lisa Bassenge jetzt ihre neue Alben. Erstaunt stellen wir fest: Der ganze Druck, die vielen Konzerte, Interviews, Reisen, üblen Hotelbetten haben keinen der drei klein gekriegt - im Gegenteil.

Auf Jamie Cullum muss die Last der Erwartungen tonnenschwer gelegen haben: "Wunderkind des Jazz" nannten ihn die englischen Zeitungen. Sein erstes Album bei einer großen Plattenfirma - "Twentysomething"- war irre erfolgreich und brillant produziert, aber der Eindruck, dass der 25-jährige Brite viel mehr kann, als Klassiker zu singen, verschwand nie ganz.

Auf "Catching Tales" findet Cullum nun zu sich selbst. An 11 von 14 Songs hat er mitgeschrieben, und musikalisch deckt er eine weitaus größere Bandbreite ab: Das Album beginnt mit ultralässigem Vokaljazz, arrangiert im Retrosound mit künstlichen Schallplatten-Knacksern, einem herrlichen, perkussiv eingesetzten Klavier und markerschütterndem Bläsersatz. Pop-, Jazz- und Singer/Songwriter-Elemente machen Cullums Zweite zu einem abwechslungsreichen Vergnügen. Die gegenüber "Twentysomething" fehlende Geschlossenheit nimmt man gern hin, weil Cullum hier endlich Cullum sein darf.

Katie Melua verließ sich für "Piece By Piece" wieder auf ihren musikalischen Übervater Mike Batt. Er hatte die in London lebende Georgierin entdeckt, er hatte ihr den sanft-melancholischen Jazzpop auf den Leib geschrieben. Meluas Zweite ist persönlicher als "Call Off The Search" geraten, und das Orchester schwelgt nicht mehr ganz so hemmungslos in Melancholie. Wie sich die Zusammenarbeit zwischen Batt und seiner Entdeckung in den vergangenen zwei Jahren entwickelt hat, zeigt eine Ballade wie "I Cried For You": Batt arrangiert Meluas klare Mädchenstimme und eine relativ simple musikalische Grundidee zu einem Höhepunkt des ganzen Albums.

Gut gemacht, England.

Können wir mithalten? Wir können. Vielleicht hat Nylon das erste Album mit den vielen Coverversionen alter Klassiker nur gebraucht, um den ganz eigenen Stil zu finden, den sie nun auf "Eine kleine Sehnsucht" perfektionieren: Der Sound vereinigt Chanson, Schlager und tanzbare Clubmusik, klingt gleichzeitig sehr retro und ultramodern. Bassenge und Nylon haben sich getraut, die coole Schwüle ihrer Musik mit eigenen Kompositionen weiterzuentwickeln. Das Ergebnis ist klasse. London mag popmusikalisch noch immer das Zentrum Europas sein. Aber Berlin holt auf.

Tobias Schmitz print

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