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"Unser Star für Baku"-Gewinner Knopfauge fährt nach Baku


Der "Gehörgangschmeichler" hat es geschafft: Roman Lob fährt für Deutschland nach Baku. Sein Sieg war am Ende knapper als gedacht. Jetzt wartet auf ihn eine schier unlösbare und undankbare Aufgabe.
Von Jens Maier, Köln

So fahrig ist er selten zu sehen: Stefan Raab streicht sich wieder und wieder nervös durch das schüttere, blonde Haare. Er schlägt die Hände vor den Kopf, klettert auf den Stuhl und verharrt zusammengekauert in Embryonalstellung. Während die Balken der Blitztabelle fast gleichauf liegen, hält es auch die Zuschauer im Fernsehstudio in Köln-Mülheim nicht mehr auf den Sitzen. Die einen schreien "Ornella!", die anderen kontern mit "Roman-Roman"-Gesängen. Ein klassisches Patt. Als der Countdown beginnt, verkriecht sich Raab noch tiefer in seinen Sessel, wagt keinen Blick nach oben. "Wenn's spannend wird, werde ich ganz ruhig", hatte er vorher angekündigt. Und wider Erwarten wird es spannend. Und wie!

Wer wird für Deutschland beim Eurovision Song Contest singen? Diese Frage war am Donnerstagabend im Finale von "Unser Star für Baku" offener, als in allen sieben Sendungen zuvor. Dabei schien doch alles schon klar zu sein. "Die neue Lena trägt Dreitagebart", hatte stern.de nach der ersten Show getitelt. In Roman Lob, den 21-jährigen Industriemechaniker aus dem Westerwald, hatten sich die Zuschauer auf Anhieb verliebt. Er war der unangefochtene Favorit. Immer auf dem ersten Platz, nur einmal musste er sich mit Rang zwei zufrieden geben. 18 von 20 Konkurrenten hatte er bereits geschlagen. Bei einer stern.de-Abstimmung, an der sich in dieser Woche über 1400 Leser beteiligt haben, votierten 68 Prozent der User für Roman. Bräuchte es da nicht das von Katja Ebstein 1970 besungene "Wunder", um diesen Mann noch zu stoppen?

Ornella de Santis hat den Auftritt ihres Lebens

Das Wunder heißt Ornella. Ein Stimmwunder, um genau zu sein. Mit einem nervösen Tuten kündigen sich um kurz nach 22.30 Uhr die letzten Sekunden des Countdowns an. Gleich wird feststehen, wer das Ticket nach Baku bekommt. Dass Roman nicht schon jetzt jubeln kann, liegt an der Dame neben ihm. Ornella de Santis - die Frau, die eine Woche zuvor, als sie nur knapp den Sprung unter die letzten vier schaffte, kaum noch jemand als ernsthafte Konkurrentin auf dem Zettel hatte. Nun fehlen ihr nur wenige Zehntel, um mit Roman gleichzuziehen - oder ihn gar zu überholen. Verlegen guckt sie nach unten, als wäre ihr das peinlich. Dabei ist es ihr zu verdanken, dass bei "Unser Star für Baku" auf den letzten Metern doch noch so etwas wie gute Unterhaltung aufkommt.

Die Sendung beginnt wie immer schleppend: Die Moderatoren, hübsch angezogen zwar - aber ansonsten blass, die Vorstellung der Juroren - wie immer viel zu lang und ja, die ARD scheut nicht mal davor zurück, den gleichen Baku-Einspieler zu zeigen, der bereits im Viertelfinale zu sehen war. "Unser Star für Baku" ist eine Show nach dem Baukastenprinzip. Ohne Rücksicht auf das ermattende Zuschauerinteresse werden die immer gleichen Klötzchen aneinandergereiht. Die Minuten vergehen, doch einen Song, den hat das Publikum nach einer halben Stunde Sendezeit noch immer nicht zu hören bekommen. Dabei soll es heute doch nicht nur über den Star, sondern auch über das Lied für Baku entscheiden.

Ornella de Santis hat den Auftritt ihres Lebens. "Quietly" heißt ihr Meisterwerk. Wirkt die zierliche Offenburgerin mit den glatten schwarzen Haaren bei den ersten Tönen der Ballade noch nervös, vermag sie sich allmählich in einen Rausch der Gefühle zu steigern. Vielleicht ist es gerade die leichte Zerbrechlichkeit in ihrer Stimme, die diesen Song so glaubhaft wirken lässt. "Das war schön umarmt", lobt Jurorin Alina Süggerle. Eine Umarmung, aus der sich das Publikum nicht befreien kann. Mit Szenenapplaus wird ihr "Quietly" gefeiert. Ein Chanson, der selbst Grand-Prix-Veteranin Celine Dion bei ihrem Sieg 1988 in die Flucht geschlagen hätte. So verwundert es nicht, dass er mit über 70 Prozent der Stimmen zu Ornellas Song gewählt wird.

Der "Gehörgangschmeichler" liefert

Aber würde sie damit auch dem "Gehörgangschmeichler" mit den braunen Knopfaugen Paroli bieten können? Roman Lob liefert und kontert mit einem Song von Jamie Cullum, der ihm wie auf den Leib geschrieben scheint. Es sei eine Ehre für ihn, ein Lied des britischen Musikers singen zu dürfen, hatte er vorab zu stern.de gesagt. Doch die Bürde, die auf ihm lastet, meistert er mit Bravour. Mit "Standing Still" erfüllt er gleich drei Wünsche auf einmal: große Gefühle, Rhythmus und Überraschendes. Da denkt man, der Song ist schon zu Ende, ehe Roman im nächsten Moment zum großen Finale ansetzt. Und wann verführt eine Midtempo-Nummer schon mal einen ganzen Saal zum kollektiven Mitklatschen? Florian Silbereisen wäre stolz auf Roman. "Nicht mal England hat einen Song von Jamie Cullum", freut sich Thomas D. Klar also, dass "Standing Still" mit 76,8 Prozent die meisten Anrufe erhält und damit sein Song für Baku wird.

Doch wer wird nun für Deutschland nach Aserbaidschan fahren? Am Ende kann Roman seiner Favoritenrolle gerecht werden. Mit 50,7 zu 49,3 Prozent setzt er sich gegen Ornella de Santis durch. Die Frage, wer in Baku besser reüssieren kann - die leicht verunsichert wirkende Ornella oder der Bursche mit dem Mikrofon-Tattoo auf der Brust, der sich nicht mal von den Monster-Rockern Lordi einschüchtern lassen würde, hat möglicherweise den Ausschlag gegeben. Jetzt liegen sich beide auf der Bühne in den Armen. Während von Ornella die Anspannung, die ganze Last der vergangenen Tage, abfällt, scheint Roman erst zu begreifen, was der Sieg für ihn bedeutet. "Es hat eine Volksabstimmung stattgefunden", sagt NDR-Unterhaltungschef Thomas Schreiber über das Ergebnis. Mehr als zwei Millionen Menschen hätten sich an der Wahl beteiligt. Das sind immerhin mehr, als die schwächelnde Sendung zuletzt sehen wollten. Doch die Zahl kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Lob nun leisten muss, was die Verantwortlichen bei ARD und ProSieben mit ihrer zähen und langwierigen Suche nach dem Star für Baku versäumt haben: Das lahmende Zuschauerinteresse am Eurovision Song Contest in Deutschland wieder zu wecken.

Roman Lob und die Bürde von Baku

Für Lob beginnt eine riesige Vermarktungsmaschinerie. Sein Album ist bereits in Planung, seine Single steht seit Donnerstagabend zum Download bereit. Ob er will oder nicht, er wird in die großen Fußstapfen von Lena Meyer-Landrut treten müssen. Und wären die nicht selbst für einen gestandenen Künstler eine Nummer zu groß? Roman ist ein Sympathieträger, keine Frage. Der nette Junge von nebenan, der den Fans in Baku sicherlich viel Freude machen wird. Keiner, bei dem man sich sorgen müsste, das traurige Kapitel Grand-Prix-Geschichte mit den letzten Plätzen der Gracias und No Angels könnte fortgeschrieben werden. Doch wird nicht er der Sündenbock sein, wenn die "nationale Aufgabe", die er von seiner Vorgängerin geerbt hat, scheitert?

Wie steinig der Weg nach Baku noch werden könnte, hat Lob am frühen Morgen auf der Pressekonferenz in Köln erahnen können. Dem frisch gekürten Eurovisions-Teilnehmer wurden zahlreiche Fragen zur Menschenrechtssituation in Aserbaidschan gestellt. Er wisse, dass es da um die Menschenrechte nicht gut bestellt sei, aber er hoffe, dass "denen" die Augen geöffnet würden, antwortet der 21-Jährige etwas unbeholfen. Auf kritische Fragen zu seinem Verhältnis zu Aserbaidschan muss Lob sich ab sofort wohl öfter einstellen. Hoffentlich verkriecht sich Mentor Stefan Raab dann nicht auch wieder still auf einem Stuhl.


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