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Castingshow "Unser Star für Baku": Roman, Roman noch einmal

An der Spitze the same Procedure, auf den Plätzen gab es Überraschungen: Während Roman Lob auch die Vorschlussrunde gewann, schaffte es eine Außenseiterin mit ihm ins Finale.

Von Ingo Scheel

Irgendjemand muss Alina Süggeler in die Seite gepiekst, ins Ohrläppchen gekniffen, an die Platte gestupst haben. Als wäre sie aus einem tiefen Schlaf erwacht, schien es der Sängerin goes Jurorin plötzlich aufgegangen zu sein, worum es bei dieser Show überhaupt geht. "Ich denke, wir sollten genau gucken, was für einen Star wir in Baku brauchen." Welch eine Erkenntnis, und das so kurz vor der Ziellinie. "Wovon reden wir denn die ganze Zeit?" möchte man ihr mit den Worten Blixa Bargelds - und vor allem mit dessen Stimme - entgegenrufen. Doch Alina wollte noch mehr. Nicht nur "einen Song" möchte sie hören, sondern "eine Geschichte". Schön, wenn man kurz vor Feierabend noch einmal in die eigene Stellenbeschreibung schaut. Bilden Sie einen Satz mit "Kind" und "Brunnen", liebe Frau Süggeler. Genau. Viel dran zu drehen war so kurz vor dem Finale natürlich nicht mehr, zumindest gab es auf den Plätzen hinter Roman Lob ein paar Überraschungen.

Wer soll "Unser Star für Baku" werden?

"Werden dich ganz bald wiedersehen"

Vier aus zwanzig ursprünglich gestarteten Kandidaten waren am Abend noch übrig, zwei davon wurden in der vorletzten Ausgabe von "Unser Star für Baku" abgesägt. Dass vom Trio Shelly Phillips, Yana Gercke und Ornella de Santis ausgerechnet letztere übrig blieb, war dabei nicht unbedingt zu erwarten. Shelly Phillips etwa war ein ums andere Mal von der Jury zur Favoritin hochgejazzt und für ihre so sauber wie spannungsarm abgelieferten R'n'B-Nummern aufs Treppchen gelobt worden. Sie sang nun zum ersten Mal auf Deutsch, eine Eigenkompostion namens "Astronautenlied". Kein zweites "Fred vom Jupiter" war hier gemeint oder gar eine Neuauflage von "Major Tom", stattdessen, so Raab, ein "Song von Norah Jones, den Tracey Chapman auf Deutsch singt." "Douze points" ist nicht eben das erste, was einem bei dieser Umschreibung in den Sinn kommt und so schied Shelly in der ersten Halbfinale-Runde prompt aus. "Wir werden dich ganz bald wiedersehen", versuchte die Jury sie zu trösten. Ein Satz, der sicher auch heute noch ab und zu in den Köpfen von Sheryhan Osman, Jennifer Braun und Kerstin Freking herumspukt.

Wie unfassbar schnell ein Klassiker unverschuldet an Leuchtkraft verlieren kann, zeigte Yana Gercke schließlich mit ihrer Version von "Rolling in the Deep". Vor Jahresfrist noch einer der grandiosesten Songs im Bannstrahl des Mainstreams, wird der Hit von Adele ein, zwei Dutzend Castingshows später zum Karaoke-Tinnitus. Man mag es schon jetzt wirklich nicht mehr hören, dabei ist noch nicht einmal Staub auf den Grammys. Das Publikum, das televotende, sah es ähnlich und gab der kleinen Gercke-Schwester zu verstehen, dass sie sich Baku nur aus der Ferne und im Schulatlas wird anschauen können.

Altmodisch im besten Sinne

Zumindest die Chance, das heißersehnte Ticket dorthin noch zu ergattern, hat nach wie vor Ornella de Santis. Die sang als Erstes eine Eigenkomposition in portugiesischer Sprache. Thomas D gefiel's, nur die richtigen Worte dafür fielen ihm schwer. "Wenn man das im Radio oder im Supermarkt hört, man würde das gar nicht merken, dass das von dir ist. Das hat genau die Qualität." Supermarkt also. Ah ja. Wer solches Lob erntet, braucht keinen Tadel mehr. Ungewollt traf der D dabei ins Schwarze. "Eu Vou Ser Mais Eu" klang wie jener Stoff, gegen den Raab dereinst angetreten war, vor dem der "Wadde hadde dudde da"-Mann die Grand-Prix-Nation retten wollte. Eine klassische Halbballade, altmodisch im besten Sinne. Es würde nicht verwundern, wenn Ralph Siegel ihr undercover ein wenig zur Hand gegangen sein sollte. Kommt eben alles wieder.

So sicher wie Steven Gätjens Schenkelklopfer-Moderationen. "Das hast du ja richtig rausgerotzt", kommentierte er Ornella de Santis zweiten Song, "If I Get You" von Alicia Keys. Wohlgemerkt auch dies, wie fast das ganze Repertoire der "USFB"-Shows, eine Halbballade. Möglicherweise ist die Bezeichnung "Green Room", der Name des Aftershow-Bereichs, doch weniger der Einrichtungsfarbe als bestimmten Rauchwaren geschuldet. Sei es drum. Was für de Santis zählte, war das Finale - und das hatte sie mit Songs Marke "ESC Old School" erreicht.

Zumindest ein bisschen "rotzig" wurde es mit Roman Lob. Reihte sich sein erster Song des Abends, Daniel Powters "Bad Day", noch nahtlos in den Gesamtsound ein, ging es bei seiner Version von "Use Somebody", einem Hit von den Kings of Leon, ein wenig zur Sache. So sehr die Heavytones auch das Schmirgelpapier ansetzten, ein Rest Rauheit blieb. Raab fand es gar besser als das Original. Das war es nun beileibe nicht, für den Sieg im Halbfinale reichte es dennoch. Ornella vs. Roman - so lautet also die Finalpaarung. Am Donnerstagabend findet der Minne-Marathon sein wohlverdientes Ende. Dann steht er endlich fest - "unser" Star für Baku.