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Viertelfinale von "Unser Star für Baku": Loben, bis der Gehörgang schmerzt

Da versemmelt Yana Gercke jeden Ton, trotzdem findet Alina Süggeler das "echt total bewegend": Die Lobhudelei der Jury wird im Viertelfinale von "Unser Star für Baku" zum Problem. Dabei ist der Einzige, der sich keinen Patzer leistet, "Schmusepeter" Roman Lob.

Von Jens Maier

Stefan Raab haut gleich zu Beginn auf die Pauke: "Entweder man ist Madonna und tritt beim Super Bowl auf. Oder man fährt nach Baku." Schließlich gehe es um nichts weniger, als Deutschland bei der größten Unterhaltungsshow der Welt zu vertreten - dem Eurovision Song Contest. Wie eine Eislaufmutti treibt er seine fünf verbliebenen Schützlinge an. Und die scheinen verstanden zu haben. Sie setzen zum doppelten Rittberger an, geben Lieder von Popröhren wie Pink, von R&B-Meistern wie Rihanna oder Bruno Mars, oder von Legenden wie den Jackson Five zum Besten. Doch statt zur Kür wird die Show zur zähen Pflicht.

Am Donnerstagabend hatte bei der Suche nach "Unserem Star für Baku" (USFB) zum ersten Mal die ARD das Sagen. Das Viertelfinale des deutschen Vorentscheids wurde nach fünf Shows auf ProSieben jetzt live im Ersten ausgestrahlt. Wer gehofft hatte, dass die gute alte Tante ARD die ins Schlittern geratene Show wieder auf die Spur setzen könnte, wurde allerdings enttäuscht. Es gab zwar keine Werbeunterbrechung, es wurden keine Autos verlost und die Anrufe zur Telefonabstimmung kosteten statt 50 nun nur noch 14 Cent. Doch ansonsten änderte sich für die Zuschauer wenig. Zahnlose Juroren und vier belanglose Kandidatinnen sind die Bilanz von USFB, die sechste.

Wer könnte Roman Lob noch aufhalten? Sein Sieg im Finale am kommenden Donnerstag ist erneut ein Stückchen näher gerückt. Ordentlich war das, wie er James Morrisons "You give me something" performte. Und mutig, wie er beim zweiten Auftritt den eigenen Song "Day by day" seiner Band "Rooftop Kingdom" sang. "Während alle anderen mit den Powerballaden die Schmonzettenwaffen rausholen, killst du dein Schmusepeterimage", sagte Raab. Doch gerade das sei "sehr unterhaltsam" und "einfach geil".

Vier gegen Roman

Seine vier Konkurrentinnen jedenfalls, hatten ihm auch im sechsten Anlauf nur wenig entgegen zu setzen. Ornella de Santis überzeugte stimmlich mit "I'll be there" von den Jackson Five und Rihannas "I love the way you lie", doch technische Perfektion reicht nicht, um das Eis der Zuschauer im Frostwinter 2012 zum Schmelzen zu bringen. Eher unterkühlt als herzerwärmend waren denn auch die Auftritte von Katja Petri und Shelly Phillips. Die leisteten sich zwar keine groben Patzer, doch die Pirouette, der kleine Luftsprung, der die Zuschauer in Verzückung versetzt, fehlte.

Mächtig ins Stolpern geraten ist Yana Gercke - um nicht gar von einer Bauchlandung zu sprechen. Die 20-Jährige wagte sich an "Who knew" von Pink und "Talking the moon" von Bruno Mars. Der Mut der Verzweifelten, wie es scheint, denn Gercke brachte es fertig, so gut wie keinen Ton zu treffen. Das hinderte die Jury freilich nicht daran, Lobeshymnen auf Gercke anzustimmen. "Das hat mich so sehr berührt, das war echt total bewegend", gefühlsduselte Alina Süggeler, "du hast uns hier weggeblasen", halluzinierte Thomas D. Vielleicht waren die krassen Fehleinschätzungen der Grund dafür, warum am Ende nicht Gercke, sondern Katja Petri vom Eis geschickt wurde.

Jury redet jedes Stadtfestniveau schön

Überhaupt die Jury. Sie scheint mittlerweile der größte Schwachpunkt der gesamten Show zu sein. Statt ihren Einfluss bei der Songauswahl geltend zu machen und somit den Zuschauern den ewig gleichen Klangbrei aus Balladen und Schnulzenpop zu ersparen, gefällt sie sich in der Rolle der Waldorfpädagogen. Selbst wenn der Musikbeitrag gerade mal gehobenes Stadtfestniveau erreicht, fällt kein böses Wort. Die Wirkung ist fatal. Denn Kritik muss sein, wenn sie berechtigt ist. Sonst sind nicht nur die anderen Kandidaten, sondern vor allem die Zuschauer die Dummen. Und wer schaltet noch ein, wenn er sich bei einer Show für dumm verkauft vorkommt?

Ein Fünkchen Wahrheit blitzte dann am Ende der Show bei der Jury doch noch auf: "Ich komme an einen Punkt, wo ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Es war jedes Mal top und das wird es auch in Zukunft sein", orakelte Thomas D. über Roman Lob. Eine Erkenntnis, die den Zuschauern schon seit der ersten Show schwante. Es müsste schon das von Katja Ebstein 1970 besungene "Wunder" passieren, um den Gehörgangschmeichler im Holzfällerhemd noch zu stoppen.