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POPMUSIK: »Es gibt keinen wirklich neuen Song«

Die No Angels tun es, die Hermes House Band tut es, und Lil? Kim tut es auch: Sie alle lassen alte Hits in neuem Sound erklingen und stehen damit ganz oben in den deutschen Charts.

Die No Angels tun es, die Hermes House Band tut es, und Lil? Kim tut es auch: Sie alle lassen alte Hits in neuem Sound erklingen und stehen damit ganz oben in den deutschen Charts. Das garantiert aber nicht nur den jungen Künstlern satte Gagen, sondern auch lang gedienten Musiker-Kollegen wie dem Komponisten Chip Taylor, der vor Jahrzehnten mit Welthits wie »Wild Thing« für die Troggs und »I Can?t Let Go« für die Hollies Erfolg hatte.

Bei den Originalkomponisten klingeln die Kassen

Wenn er dieser Tage einen Blick auf die Hitparaden wirft, dann muss er sich in diese Zeit zurückversetzt fühlen. Überall erblickt er nämlich den Shaggy-Hit »Angel«, der auf dem schon in den 60er Jahren erfolgreichen Song »Angel Of The Morning« basiert. Und den hat Chip Taylor damals gerade mal in zehn Minuten geschrieben, weshalb es derzeit beim US-Komponisten kräftig in der Kasse klingeln dürfte. Doch er ist nicht der Einzige, der von Aufgewärmtem profitiert.

Sieben Coverversionen in den Top Ten

Wer derzeit die deutschen Single-Charts durchhört, muss sich nicht auf allzu viel Neues einstellen. Wie selten zuvor wird die Hitparade von Neueinspielungen bewährter Hits dominiert. So finden sich auf den ersten zehn Plätzen der Charts sieben (!) so genannte Coverversionen. Ganz oben stehen die No Angels mit ihrer Version des 85er-Eurythmics-Hits »There Must Be An Angel«. Auf Rang drei folgt Lil? Kim, die gemeinsam mit Phil Collins dessen ersten Hit »In The Air Tonite« wiederaufgelegt hat. Direkt dahinter schwärmt die Hermes House Band im neuen Party-Sound von den »Country Roads« eines John Denver.

Auf Position fünf feiert das Mädchen-Trio Atomic Kitten die Wiederauferstehung des 89er-Bangles-Hits »Eternal Flame«, während gleich dahinter Shaggys »Angel« geistert, die Chip-Taylor- Komposition, die 1968 die Backgroundsängerin P.P. Arnold kurz berühmt machte, damals aber schon eine Coverversion des Erfolgs der US-Sängerin Merrilee Rush war. Auf Rang sieben träumen DJ?s Work von einem »Someday«, das auf Nenas 84er-Hit »Irgendwie, irgendwo, irgendwann« basiert. Den Top-10-Reigen der alten neuen Songs komplettieren Christina Aguilera, Lil? Kim, Mya & Pink, die auf Platz zehn erfolgreich den 75er-LaBelle-Hit »Lady Marmelade« recyceln.

»Mitten in der Retro-Phase«

Johannes Cordes, als Product Manager der Firma Polydor zuständig für die Hermes House Band und die No Angels, hat eine Erklärung für diesen Trend: »Vieles spricht dafür, dass wir mitten in einer Retro- Phase sind und besonders gern auf die 80er Jahre zurückblicken.« Er freut sich naturgemäß darüber, dass die Neuauflage den Erfolg der Originale noch übertrumpft. »Die Eurythmics haben es mit dem Song in Deutschland nur bis auf den vierten Platz geschafft, die No Angels sind eins«, schwärmt er und wehrt Gerüchte ab, die Mädchenband habe mit einer Coverversion einen drohenden Karriereknick abwenden und auf Nummer Sicher gehen wollen: »Das ist das gleiche risikoreiche Spiel wie bei einem neuen Song.«

»Es gibt keinen wirklich neuen Song«

Der Theorie, dass Coverversionen auch ein Beleg dafür sind, das den Komponisten derzeit nicht allzu viel einfällt, kann sich Cordes indes nicht völlig verschließen: »Das Argument kann man stehen lassen.« Ähnlich argumentiert Stefan Kauertz, Programmdirektor des Musiksenders Viva: »Es gibt keinen wirklich neuen Song. Es gibt ja nur eine begrenzte Anzahl an Melodien.« Er sieht die Charts als großen Zitatenraum, der heutzutage nur anders gefüllt wird: »Die Klangquellen sind nicht mehr zwangsweise Gitarre, Bass und Schlagzeug, sondern in verstärktem Maß auch Zitate bekannter Songs.«

»Der Chartkäufer ist an sich konservativ und kauft lieber das, was er kennt, als das, was er nicht kennt«, sagt Albert Koch, Redakteur bei der Zeitschrift »Musikexpress«. Er erklärt die derzeitige Massierung von Coverversionen auch mit einer Art Schneeballsystem in der Musikindustrie: »Wenn einer damit anfängt, dann ziehen die anderen bald nach.«

Das Phänomen ist nicht neu

Dass man auch mit altem Wein in neuen Schläuchen den Durst löschen kann, werden vor allem Komponisten wie Chip Taylor gerne hören, denn die Tantiemen sind Einnahmen ohne Aufwand. Dabei geht es nicht um Kleckerbeträge, wie die Zeitschrift »TV Movie« im Jahr 1998 meldete: Der Rapper Puff Daddy habe dem Sänger Sting eine Million Dollar für das »Every Breath You Take«-Remake »I?ll Be Missing You« zukommen lassen, hieß es. Und das war nur der erste Scheck. Das Phänomen sei aber keineswegs neu, betont Kauertz. Er empfiehlt einen genau Blick zurück in die 60er Jahre: »Die ersten Alben der Beatles und der Stones waren voller Coverversionen.«