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Porträt: "Das ist der Krawczyk, der ist ja echt locker"

Das Image vom griesgrämigen Bürgerrechtler wird Stefan Krawczyk kaum los. Dabei ist der Schriftsteller und Liedermacher eigentlich ein netter Kerl, wenn er im Berliner Nachtleben nach Geschichten fischt.

Von Kerstin Schneider

Abends, meist gegen 22 Uhr, betritt ein seltsamer Gast die "Alibi" Bar in der Berliner Oranienstraße. Ein Mann - stoppelkurzes Haar, Dreitagebart - setzt sich in die Ecke an einen Tisch und zieht zwei Blatt Klopapier aus der Hosentasche. Während er auf sein Bier wartet, knetet er mit den Fingern zwei winzige Propfen aus dem Zellstoff und stopft sie sich in die Ohren.

Der seltsame Gast ist Stephan Krawczyk ("Der Narr"). Der Schriftsteller und Sänger kommt oft in die "Alibi" Bar um hier zu schreiben. Taub sitzt er im Trubel, wartet, bis ihm Ideen für seine Bücher und Songs zufliegen. In solchen Stunden entstehen Texte wie dieser: "Deutschland ist ein reiches Land, das sehen wir alle ein. Und weil das auch so bleiben soll, da müssen Deutsche sein. Doch irgendwas im diesem Land macht's uns Deutschen schwer. Ob er nicht will, ob er nicht kann. Es kommt selten zum Verkehr."

Das Lied mit der ironisch gemeinten Aufforderung "Macht deutsche Kinder" stammt von Krawczyks neuster CD: "Heute fliegt die Schwalbe hoch". Sie ist gerade für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert worden und steht als heißer Tipp auf der Liederbestenliste, die von Musikredakteuren verschiedener Rundfunkanstalten zusammengestellt wird.

Aufgeschnappte Geschichten

Am Nebentisch gestikuliert ein junger Mann. Sein Gegenüber klopft gelangweilt auf den Tisch. Plötzlich fegt sein Zeigefinger durch die Luft. Krawczyk dichtet: "...Der eine baut mit seinen Händen ein Haus. Die anderen Hände tun so, als wären sie damit längst fertig. Während sich hier faul ein Finger hebt, haben die fleißigen Hände dort ihrem Haus ein Spitzdach mit Giebel verpasst. Der faule Finger fängt gleichmäßig zu klopfen an, klopft schneller, fährt einmal zickzack durch die Luft. Die fleißigen Hände beginnen von vorn."

Eine "Shirtstory", also keine Kurz-, sondern eine "Hemdgeschichte" ist fertig. 111 "Hemdgeschichten" will Krawczyk schreiben. 97 hat er schon - sie erinnern ein bisschen an die Gedichte des amerikanischen Kultautoren Richard Brautigan. Kleine Geschichten, aufgeschnappt in Bars, auf der Straße, oder wo sonst noch das Leben tobt. "Sie konnte ihn festhalten. Zuerst stutzte sie ihm die Flügel. Dann die Krallen. Dann die Zähne. Dann die Ohren. Dann kappte sie ihm die Achillessehnen. Dann die Kniesehnen. Dann den Mund einschließlich der Zunge. Er hatte schon darüber nachgedacht, sie zu verlassen."

Der Exot aus der Zone

Ungewohnte Töne vom kritischen Barden, der in der ehemaligen DDR wegen seiner regimekritischen Lieder bei der SED in Ungnade fiel, mit einem Berufsverbot bestraft und 1988 gemeinsam mit seiner damaligen Frau der Regisseurin Freya Klier in die Bundesrepublik ausgewiesen wurde. Anfänglich scharrten sich die Medien um die Exoten aus der Zone. Die Leute erkannten Krawczyk auf der Straße, wollten Autogramme vom Dissidenten. Dann wurde es still um ihn. Sehr still. Krawczyk zettelte eine Aktion gegen FCKW an. Fast ein wenig verzweifelt wirkte das. Die Aktion blieb mit ihren 300.000 Unterschriften ohne Wirkung, kriegte aber den Bundespostpreis - weil die Bürgerinitiative so viel Porto verbraucht hatte.

Eigene Geschichte in "Der Narr" erzählt

"Aus Einsamkeit" habe er angefangen zu schreiben, verrät Krawczyk. 1990 erschien sein erstes Buch "Schöne wunde Welt" mit Lyrik und Prosatexten. Zwei Jahre später wurde er für die Geschichte "Mein Vater" mit dem Bettina-von-Arnim-Preis ausgezeichnet. Nach seinem Romandebüt "Das irdische Kind", war selbst der Spiegel begeistert: "Wer immer ihm jetzt geraten haben mag, die Klampfe gegen die Schreibmaschine einzutauschen, hat ihm gut geraten". Es folgten "Bald" (1998), "Steine hüten" (2000), "Feurio" (2001) und im vergangenen Jahr "Der Narr" - ein biographischer Roman, der Krawczyks Geschichte vom NVA-Soldaten zum Staatsfeind erzählt. "Das beste Buch des Jahres" lobte das ZDF-Mittagsmagazin. "Danke für diesen Roman", jubelten Leser beim Internet-Buchhändler amazon.

Dabei wäre der Roman fast nicht erschienen. Die Ostalgie-Welle schwappte übers Land. Kati Witt huldigte im Fernsehen mit glühenden Wangen das SED-Regime. Jana Hensels "Zonenkinder", eine flache Abhandlung über "Nudossi" und "Speckitonne" stürmte die Bestsellerlisten. Ungeniert schrien riesige Wandplakate in einer Kunstausstellung am Berliner Alexanderplatz "DDR". Das kleine "r" für rechtlich geschützt machte das Unrechtsregime zur Marke - wie Adidas oder Nivea. Die böse DDR mit ihren Mauertoten war langweilig geworden.

Kein deutscher Verlag wollte das Werk

Zu dieser Zeit wollte kein deutscher Verlag die wahre Geschichte vom widerspenstigen Sänger, der Berufsverbot bekam, von der SED ins Gefängnis gesteckt und ausgewiesen wurde, drucken. Der Schweizer Pendo-Verlag nahm das Buch ins Programm. Hierzulande winkten die Lektoren ab. "Für einen Krawczyk ist der Ton viel zu leicht".

Krawczyk hat seine Geschichte mit viel Witz und Selbstironie erzählt. Als NVA-Soldat quälen ihn Sackläuse, seine Freundin geht fremd. Die Vopos erwischen ihn in Uniform im Westauto von Tante Luzie. Doch der Narr glaubt an das Gute, will das System durch Engagement verändern. Als Sänger macht er in der DDR Karriere, wird vom Kultusminister für seine "hervorragende künstlerische Gesamtleistung" geehrt. Als seine Lieder der SED zu frech werden ("aus ihrem Mund klingt sogar Brecht wie ein Staatsfeind"), bekommt er Auftrittsverbot. Die Geschichte seiner Verfolgung, Verhaftung und Ausweisung erzählt Krawczyk humorvoll, manchmal nüchtern, immer ohne Pathos. Doch das Etikett des griesgrämigen Bürgerrechtlers klebt an ihm wie Karamell zwischen den Zähnen. Insgeheim erwartet man die Begegnung mit einem sauertöpfigen Moralisten. Wahrscheinlich liegt es an diesen leicht moralinsauren Sätzen, die Krawczyk manchmal von sich gibt. "Wir müssen uns unsere Geschichten erzählen, statt uns von den Medien zuballern zu lassen. Ich lebe ohne Fernsehapparat, und Gott ernährt mich doch."

Freundlich, leise und bescheiden

Umso größer ist die Überraschung, wenn man Krawczyk trifft. Der Künstler mit Doppelbegabung ist freundlich, leise, bescheiden. Nickt den Leuten zu, wenn sie ihm beim Schreiben über die Schulter sehen. An seinen Romanen arbeitet er allerdings nicht in der Bar, sondern zuhause – in seiner Ein-Zimmer-Wohnung im türkischen Kiez in Neukölln. "Da habe ich doch mehr Ruhe." Krawczyk schreibt im Stehen - am Pult in der Küche. "Ich muss zwischendurch rumlaufen können, wenn ich schreibe." Das Fenster ist geöffnet - auch im Winter. "Lieber ziehe ich mir eine dicke Jacke über, als dass ich beim Schreiben das Fenster schließe." Draußen im Vorgarten steht eine riesige Fichte. "Anuschka" hat Krawczyk sie getauft - auch sie ist schon Literatur.

Manchmal wird er noch auf der Straße erkannt und angesprochen, meist von Touristen, die ein bisschen ehrfürchtig sind, den Dissidenten zu sehen. Das ist Krawczyk eher unangenehm. Er lobt sich die kessen Berliner. So wie die Kodderschnauze, die ihn neulich auf der Stern-Party anraunzte: "Hey, wer bist Du denn? Du siehst ja aus wie ein Schwerverbrecher". Krawczyk lächelte, nicht die Spur beleidigt, reichte er der Frau die Hand. "Guten Abend, ich heiße Stephan Krawczyk". Die Kodderschnauze war platt. "Das ist der Krawczyk, der ist ja echt locker."