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20 Jahre Mauerfall - Gastbeitrag: Aus dem Leben eines Dissidenten

In der DDR war er Dissident, Kritiker - und ein Beobachter. Als die Mauer fiel, war er schon im Westen. In seinem Gastbeitrag schreibt der Liedermacher Stephan Krawczyk über das Leben mit Spitzeln, mit Akten und über die Freiheit.

In der DDR erst gelobt, dann verfolgt und rausgeschmissen: Der Liedermacher Stephan Krawczyk

In der DDR erst gelobt, dann verfolgt und rausgeschmissen: Der Liedermacher Stephan Krawczyk

Ich habe es durch einen Anruf bei meiner Freundin in Hamburg erfahren. Kurz vor Mitternacht. Da war das monströse Bauwerk schon offen. Im Restaurant, wo ich mit einem Mann von der Presse und dem Veranstalter gegessen hatte, wusste bis dahin niemand etwas davon. Der Journalist sagte: "Da muss ich jetzt los!" Auf schnellstem Weg bin ich ins Hotel gegangen, Glotze an, Minibar auf, Beine hoch, Gorbatschow aufschrauben und staunen. Über die echte Freude in den Gesichtern, über die Gesten der glücklichen Ratlosigkeit, über herzliche Umarmungen. Ich bekam das Gefühl von Aufgehobensein in etwas Großem, was nur peripher durch das angenehme Hotel bedingt war. Doch je länger der Abend währte, desto weniger wurde davon gesprochen, wie mächtig die Mauer gewesen ist.

Wer versucht hat, die Grenze zu überwinden, musste mit dem Schlimmsten rechnen. Andi, aus dem thüringischen Dorf Sibirien, hat es siebenmal versucht. Einmal wurde er von einer MPi-Salve getroffen. Siebenhundert Geschosssplitter hat er in den Lungen. Im sechsten Knast erfuhr er von Mitgefangenen, dass man an den Hunden nur dann vorbeikommt, wenn man sich nackt auszieht. Bei den Hunden funktionierte die Kultur noch. Vor dem nackten Menschen hatten sie Respekt. Trotz Ausbildung!

Anfang 1988 schrieb "Spiegel": "Der Liedermacher Stephan Krawczyk und seine Ehefrau Freya Klier hatten sich am 1. Februar zum Weggang entschlossen. Da sie keine Hoffnung auf Demokratisierung in ihrem Land hatten, so begründeten sie ihren (...) 'Antrag auf Wohnsitzwechsel in die BRD und auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR', sähen sie sich schweren Herzens gezwungen, die DDR zu verlassen. Bereits vierundzwanzig Stunden später fanden sich die beiden im Westen wieder. Nur acht Tage hatte die Staatssicherheit gebraucht, um eines ihrer wichtigsten Ziele zu erreichen: eine Destabilisierung der DDR-Bürgerbewegung und eine Demontage der beiden Galionsfiguren."

Ich hatte die Wahl, entweder zwölf Jahre einzusitzen oder in den Westen zu gehen. In Forst bei Cottbus wurde 1987 eine Vorstellung von Freya und mir vom Klerus verboten. Wir waren von der Kirchgemeinde eingeladen worden, um "Pässe, Parolen" zu spielen, einen Farcenabend zum DDR-Alltag über Umweltzerstörung, Kaufrausch, Fernsehhörigkeit, Machtmachenschaften, etc., typisch sozialistische Gesellschaftsmakel. Seit ich unseren Brief an den Kulturminister Hager für eine offene DDR-Kultur öffentlich verlesen hatte, setzte der Stasi alle Hebel in Bewegung, um unsere Auftritte zu verhindern. Buslinien wurden eingestellt, alle Zufahrtsstraßen von der Polizei kontrolliert, die Gemeindeglieder mit hohen Ordnungsstrafen belegt. Aus dem Frust der Initiatoren unserer ungeschehenen Veranstaltung entwickelte sich eine aktive Widerstandsgruppe mit eigenem Organ und genügend Schlagkraft, die alte Ordnung regional zu entmachten. Gemeinsam sind sie den Weg bis zu einem guten Ende gegangen. Bei der Revolution ohne Blutzoll hat sich die Geschichte von ihrer schönsten Seite gezeigt.

"Mein Innenohr hörte einen Tusch"

In der Briefkiste meiner Mutter fand ich nach ihrem Tod vor zwei Jahren einen Brief von mir aus dem historischen November 1989. Ich hatte geschrieben: "Wir waren halt zu früh mit unserem Widerstand." Der Satz stammt aus der Betroffenheit darüber, nicht teilnehmen zu dürfen. Ich durfte erst am 2. Dezember wieder einreisen. Bis dahin wurde ich mit dem Satz "Herr Krawczyk, ihre Einreise in die DDR ist nicht erwünscht" zurückgeschickt. Am 2.12. fand eine Liedermacherwiedervereinigungsveranstaltung in Ostberlin statt. Jene, die in der DDR geblieben waren, standen mit jenen, die aus der DDR gegangen worden waren, auf einer Bühne. Der DDR-Kulturminister hatte dazu eingeladen, auf Drängen der dagebliebenen Liedermacher. Am 2.12. wurde ich von einem Offizier am Grenzübergang mit der Ehrenbezeugung und dem Satz begrüßt: "Herr Krawczyk, schön, dass Sie wieder da sind." Mein Innenohr hörte einen Tusch.

Wir waren nicht zu früh mit unserem Widerstand. Im Gegenteil. Bei zu hohem Druck auf das Bedürfnis des Menschen, frei zu sein, entwickelt sich Gegendruck, der sehr kreativ sein und bis zur Auflösung eines Staatssicherheitsdienstes führen kann.

Was niemand nur Wochen vorher für möglich gehalten hatte, war eingetreten: Nicht die Bürger hatten vor dem Stasi Angst, sondern umgekehrt. Die Gebäude wurden belagert. In den Gebäuden lagerten die Akten. Nach dem Befehl: "Akten vernichten!", wurden in jeder Hauptabteilung offizielle Mitarbeiter zum Zerreißen abkommandiert. Aus praktischen Gründen konnten die Akten nicht verbrannt werden. Fernbeheizte Häuser haben keine Öfen. Rauch aus dem offenen Fenster hätte die Bürger zum Äußersten getrieben. Sie wollten die Dokumente des Jahrzehnte währenden Machtmissbrauchs in die eigenen Hände nehmen. Die Losung "Freiheit für meine Akte!" ist eine der Stilblüten, die aus der friedlichen Revolution erwachsen sind. Es ging den Menschen um den Teil von sich selbst, der hinter den Pforten der Macht verwaltet wurde.

Neben den Aktenkilometern hat der Stasi 16.000 Sack handzerrissene Akten hinterlassen. Ohne die moderne Technik und einige engagierte Geister im Dienste der Wahrheit wären noch unsere Urururenkel mit den Aktenschnipseln einer kommunistischen Diktatur befasst. Die Schlechtigkeit der Schreiber begegnet dem Leser in jedem Satz. Der Text ist von ihr diktiert. Es wurde über Menschen geschrieben, als wären es Subjekte, die es zu gefügigen Objekten zu machen galt.

Aus den unversehrten Akten des Stasi geht hervor, dass der Apparat gemordet, misshandelt, zersetzt, zerstört, verödet hat. Was könnten die Schnipselsäcke also beinhalten, das an Abscheulichem nicht schon bekannt wäre? Die Einzelheit, das noch relevante Detail. Legen, scannen, rechnen. Kein Schnipsel ist wie der andere. Die Hände des Zerreißenden haben jedem Schnipsel etwas Unverwechselbares verliehen. Aus Wortfetzen werden Sätze, aus Sätzen wird ein Sachverhalt.

Als die Mauer fiel, habe ich nicht daran gedacht, jemals meine Akte lesen zu können. Vierzehn Jahre später saß ich davor. Es wäre schon vorher möglich gewesen, aber ich wollte etwas Zeit verstreichen lassen - vielleicht um daran nicht in Zorn zu geraten. Der Tag vor den Blättern mit Schreibmaschinenschrift war ein Ausflug ins Labyrinth der Ideekranken. Eine IM aus meiner Spitzelclique hatte vorgeschlagen, mich zu verprügeln, um zu sehen, ob ich dann mein "feindliches Verhalten" einstellte, da mir die "wohlgemeinten Ratschläge" offenbar egal seien.

Ausgerechnet eine Frau machte diesen Vorschlag: Der ungezogene Junge muss verprügelt werden. Dabei rührte mein Wirken aus purer Lebensfreude. Welches Vergnügen, den Umständen die richtigen Namen zu geben. Es war immer ein Fest, wenn eine solche Deutlichkeit auf dem Papier stand.

Zynisch betrachtet war die DDR ein Paradies

"Seid gewiss, dass das Geheimnis des Glücks die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber der Mut ist." Das Perikles-Zitat hängt bei meinem Lieblingsgriechen in Berlin-Kreuzberg über dem Tresen. Im November 1989 bekam der Satz den großen Atem. Ich durfte nicht mitatmen. Den Bürgerinnen und Bürgern stand das Leuchten von der anderen Seite in den Augen, mich erquickten der Gedanke an die Aktualität des Perikles und Gespräche mit linken Gästen über Sozialismus, der sich nicht so schnell aufgeben dürfe. Als hätte er es in der Hand gehabt, der an einer chronischen Idee leidende Sozialismus.

Ein Maoist warnte eindringlich und mit erhobenem Zeigefinger davor, Grund und Boden zu privatisieren. Ein Marxist erwiderte, wäre die Immobilie DDR nicht vakant, hätte der Westen überhaupt kein Interesse daran. Noch bevor ich das erste Mal in die DDR einreisen durfte, hatte ich mich schon auf den Boden der Tatsachen heruntergefreut. Die Idee von der so genannten besseren Gesellschaft war nicht zu überwinden. Sie schien mir als Mauer zwischen dem real existierenden und dem erträumten so genannten Paradies. Zynisch betrachtet war die DDR nichts anderes als ein "Paradies", das in seiner Grundbedeutung "ummauerter Garten" heißt. Der schlecht gepflegte Garten DDR bekam einen Eigentümer, der ihn besser pflegt und an der Grenze nicht schießen lässt.

"Das ist nie gewesen, das war niemals wahr. Nein, wir waren im Leben niemals in Gefahr. Aus den offnen Wunden fließt jetzt roter Wein, nur, die schon verblutet, können nicht verzeih'n. Könn' sich nicht besaufen an Vergesslichkeit, weil sie sich verletzten vor der rechten Zeit. Konnten halt nicht warten, ach du, das ist dumm: Was uns heut gesund macht, bracht uns gestern um."

Diesen Text singe ich in der Inszenierung "Staats-Sicherheiten" am Hans-Otto-Theater in Potsdam. Fünfzehn Menschen berichten über ihr Schicksal, das sich in einem Punkt trifft: Alle waren Häftlinge der Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Berlin-Hohenschönhausen. Die Vorstellungen sind ausverkauft. Zwei Stunden ist das Publikum gebannt. Stehende Ovationen sind die Regel. Ein Darsteller bekommt jedes Mal Applaus, wenn er bekennt, DDR-Nostalgie nicht ausstehen zu können. Die DDR war eine Oase der Sicherheiten. Es gab soziale Sicherheit, Staatssicherheit, sichere Arbeitsplätze. Sicher waren auch eine fundierte Ausbildung zum gelernten DDR-Bürger, alle daraus resultierenden Sicherheiten und perfekte Methoden, den Widerspenstigen das Leben zu etwas zu machen, das aus heutiger Sicht wie eine Parallelwelt wirkt. Mit ziemlicher Sicherheit hat das sich im Sicheren wähnende Volk weggeschaut, wenn jemand erwischt wurde, der die Sicherheiten nicht zu schätzen wusste.

Der gelernte DDR-Bürger wusste, wo er hin- oder wegschauen musste. Es gehört zur Grundausbildung jeder Diktatur. Dass die vielen von staatlicher Willkür betroffenen Opfer im Lebensgefühl des DDR-Bürgers keine Rolle spielte, spricht für die Präzision der diktatorischen Mittel. Zielsicher und verschwiegen wurde ausgesondert.

"Das Volk bekommt die Regierung, die es verdient", ist zwar ein zynischer Satz des Dichters Bertolt Brecht, weil er die zum Volk zählenden Opfer nicht berücksichtigt, doch generell, aus dem Blickwinkel der Statistik betrachtet, erklärt der Satz den nostalgischen Rauch über den Feuerstellen der Erinnerung. Das Gefühl der Zugehörigkeit zum großen Ganzen, das den sicheren DDR-Bürger in seinem Selbstbewusstsein getragen hat, gebiert einen Traum. Für das generelle Volk war das Leben im Kinderzimmer DDR wie geschaffen. Die Erwachsenen hatten die Verantwortung: Das kommt von oben - ein geflügeltes Wort.

Die zehn Gebote der sozialistischen Moral dienten der Vorbereitung auf ein Besseres. Man war darauf geeicht, die Zukunft werde eine positive Richtung einschlagen. Es gab keine andere Möglichkeit. Eine wirklichkeitsfremde Wahrnehmung - wie die der Schafe, die behütet werden, um ihnen vorzugaukeln, es gäbe keinen Wolf.

Im Sozialismus ist der Mensch nicht des Menschen Wolf. Dort tritt man an, weil man antreten will. Das Volk sehnt sich nach Entspannung, es will sich zu seiner Wirklichkeit nicht entgegen der Strömung empfinden. Es will keine Parallelwelt, es hat die Regierung, die es verdient, indem es sich einverstanden erklärt. Die Ideologie vom Besserwerden hatte sich an jene Stelle gesetzt, wo es besser gewesen wäre, zu handeln - Handeln im ethischen Sinne, nicht im Sinne von Handeln auf dem Markt. Und plötzlich, nach dem historischen Herbst, wurde es besser - plötzlich wurde gehandelt, doch nicht im ethischen Sinne, sondern im Sinne von Handeln auf dem Markt. Nach dem Erwachen aus der Wendeeuphorie kam der Traum von jener Zeit, als man nicht, im ethischen Sinne, handeln musste, weil sich die Ideologie vom Besserwerden an diese Stelle gesetzt hatte. Wer sich vor der herrschenden Meinung nicht verschloss, war im Besseren aufgehoben. Diese positive Grundstimmung des sozialistischen Menschen schreit nach Wiederholung. Er spürt im Traum den Phantomschmerz - seinem Selbst wurde etwas amputiert, was er nicht beschreiben kann, das aber noch weh tut, wahrscheinlich zwei Generationen lang - wenn die zurückgewandten Geschichten nicht auch noch die dritte und vierte Generation auf eine Parallelwelt der Hoffnung ohne Grund einschwören. Filme wie "Good bye, Lenin" oder "Das Leben der Anderen" liefern den Augenschmaus für ein Publikum, das sich seines Wegsehens nicht zu schämen braucht.

"Ich habe den Stasi nie als emotional erlebt"

"Das Leben der Anderen" ist an mir vorbeigegangen. Ich hatte von anderen gehört, wie toll, beeindruckend und emotional, berührend und sensibel dieser Film sein soll. Selbst schön wurde damit in Zusammenhang gebracht. Für einen Film ein außergewöhnliches Prädikat. Gewöhnlich kommen die Besucher mit einem "geil" auf den Lippen aus dem Kino.

Ich habe den Stasi zu keiner Gelegenheit als emotional erlebt. Dabei hätte er so viele Möglichkeiten dazu gehabt. Auf das Ehepaar Krawczyk/Klier waren 80 Spitzel angesetzt. Die Hauptamtlichen nicht mitgerechnet. Unsere Telefone wurden abgehört, die Post kontrolliert. Wir haben wichtige Dinge unter der Bettdecke besprochen oder sind spazieren gegangen, wie wir es nannten. "Wir müssen mal spazieren gehen." Meine Fahrerlaubnis hatte der Stasi kassiert. Freya musste fahren. Eines Tages, wir fuhren nach Dessau, schrie sie plötzlich auf und lenkte auf einen Brückenpfeiler zu. Im letzten Moment riss ich das Steuer herum. Eine Welle der Angst war durch sie hindurchgerollt. Sie konnte es sich nicht erklären. Bis heute kann sie kein Auto steuern. Damals in der DDR habe ich vom Beifahrersitz aus gelenkt. Immer eine Jacke überm Arm, damit die Männer im Auto dahinter keinen Wind davon bekamen. Sie hätten es ohne Erbarmen gegen uns gerichtet.

Mein erster körperlicher Kontakt mit dem Stasi war so: Nach der Verhaftung am Morgen des 2.2.1988 wurde ich in den Knast, Berlin-Rummelburg, gefahren. Abends baute sich der beleibte Gefängnisdirektor von Hohenschönhausen vor mir auf und sagte: "Jetzt kommen Sie zu uns." Ich stand vor ihm mit Händen in den Parkataschen. Er befahl: "Nehmen Sie die Hände aus den Taschen!" "Warum?" "Weil ich mit Ihnen rede."

Es gibt zwei Momente jähesten Schmerzes in meinem Leben. Beim ersten war ich zehn Jahre alt. Mit einem Furunkel am Knie lag ich auf dem Operationstisch. Die Narkose hatte noch nicht gewirkt. Mir war nur die Lust am Zählen vergangen. Der Chirurg dachte, ich schliefe schon. Meinen Schrei hat man zwei Stockwerke höher gehört. Der andere Moment ereilte mich im Alter von dreiunddreißig Jahren. Auf die Begründung des Gefängnisdirektors, weshalb ich die Hände aus den Taschen nehmen sollte, sagte ich: "Aber ich rede nicht mit Ihnen."

Ich wusste nicht, dass jemand hinter mir steht. Der packte meinen linken Unterarm, drückte auf meinen Handrücken, führte mich über Stufen, den Hof zum Gefängniswagen, ließ die ganze Zeit nicht los. Ich schrie und flog wie eine Gliederpuppe neben ihm her. Unter den Handschellen, die er mir im LKW anlegte, schwoll mein Handgelenk bis sie einschnitten. In Sekunden hatte mich der Kerl zu einem Bündel Angst gemacht. Ich saß in einer Kabine, groß wie der Kühlschrank für einen Vier-Personen-Haushalt.

Mein Mitgefühl für die Täter im Kino kultivieren zu lassen, widerstrebt mir. Die mannigfaltige filmische und fotografische Darstellung des Geschehenen macht mich skeptisch. Innerhalb der Bilderflut gerät der mündliche Bericht, das Erzählen, zur Nebensache. Die Geschwindigkeit, in der die Blicke des Publikums hin und her geworfen werden, ist atemberaubend. Das Selbersprechen wird von Gefühlslagen zugedeckt. Der letzte Kommentar des Konsumenten ist ein Adjektiv mit vier Buchstaben. Er hat einer zweidimensionalen Welt zugeschaut. Wie viele Ebenen flacher als einem berufenen Munde zuzuhören, jemandem gegenüberzusitzen, der seine Erfahrungen mitzuteilen versteht. Oder vielleicht sogar selber zu erzählen, die Vergangenheit klingen zu lassen. Wie es alte Menschen manchmal bei ihren Enkeln tun.

Marvin, die Piraten und das Gefängnis

Vor einigen Monaten spielte ich mit meinem vierjährigen Marvin Pirat. Der Stoffhase kam aus einem Grund, den ich nachfragen müsste, ins Piratengefängnis. Marvin wollte den Hasen rauslassen, weil der mal musste. Ich sagte: "Der wird nicht raus gelassen. Das muss der drin machen." Er sagte: "Aber das ist doch kein Hase, das ist doch ein Pirat." Ich sagte: "Aber die werden doch nicht raus gelassen, wenn sie mal müssen." Er sagte: "Wir spielen, dass sie raus gelassen werden." "Aber dann ist das kein richtiges Gefängnis", sagte ich. "Da wird man nicht raus gelassen, wenn man mal muss?" "Nein, da gibt es in der Zelle ein Klo." "Woher weißt du das denn?" "Ich war mal im Gefängnis." "Warum?" Ich wollte es ihm erklären, kam aber nicht dazu, weil der Pirat mal musste. Es kam die Zeit, er fragte wieder nach. Ich sagte: "Wegen meiner Lieder. Früher konnten andere bestimmen, ob jemand ins Gefängnis kommt, wenn er Lieder singt, die ihnen nicht gefallen haben." Damit hat die friedliche Revolution Schluss gemacht.

Mein erster Flug über den Atlantischen Ozean ging nach Kanada, Sommer 1988. Ich sang beim Internationalen Folkfestival im Pacific Park von Vancouver. Das Interesse an meiner Person war groß, kam ich doch mit einer Geschichte aus dem wirklichen Leben dorthin, wo man keine rechte Klarheit über den Sozialismus gewinnen konnte. Manche liebäugelten mit dem Paradies auf Erden, konnten es sich aber unter kapitalistischem Vorzeichen nicht glaubwürdig genug erträumen. Mit viel Witz und einem guten Dolmetscher ging die Vorstellung über die Bühne. Auf meine Besonderheit brauchte ich gar nicht einzugehen. Es stand alles im Programmheft. Der Unterschied zwischen meinem vom Veranstalter beschriebenem Schicksal und dem heiteren Auftritt mochte den Erfolg begünstigt haben. Die Sonne schien. Der Pazifik duftete. Ich ging über die Festwiese und fühlte mich als Weltbürger.

Zum Abschluss des Festivals um Mitternacht spielte ein japanisches Trommlerensemble ein Stück über die Befreiung des Menschen von seinen Fesseln. In der Mitte der Bühne stand ein Würfel. Darauf richtete sich ein Mann von der Haltung des Zusammengekauerten bis zur vollen Größe auf. Im Moment des gewaltigen Schlussschlags auf alle Trommeln, Pauken und mannshohen Gongs stand er endlich aufrecht, die Arme zum gestirnten Firmament gestreckt. Und in diesem Moment formten sich achttausend Münder zu des Alphabets Eröffnung. Ein Staubkorn aus dem All hatte einen deutlichen Lichtstrich in den Himmel über der Bühne gezeichnet.