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Interview

Rainald Grebe über Digitales: "Ich bin süchtig, ich bin drauf"

Universalkünstler Rainald Grebe packt im Gespräch mit dem stern aus über das Landleben ohne Netz, Sex mit Maschinen und seine zunehmende Verwirrung.

Rainald Grebe

Rainald Grebe sieht sich als Lebensoptimist

Der Sänger, Theatermacher und Comedian Rainald Grebe erzählt in seinem aktuellen Soloprogramm "Elfenbeinkonzert" von seinem Umgang mit moderner Technik. Davor hat er sich drei Jahre lang für das Schauspiel Hannover mit dem "Anadigiding" befasst.

Herr Grebe, was haben Sie bei Ihrem Theaterprojekt über den digitalen Wandel gelernt?
Was ich mir vorgenommen habe, habe ich nicht erreicht: eine Netzplattform, Gespräche in Schellack pressen, Schauspieler zehn Wochen ohne Strom ins Wendland schicken. Ich habe es nicht geschafft, mich zu konzentrieren.

Dabei haben Sie sich extra ein Smartphone gekauft...
Ja das stimmt. Darauf führe ich verschiedene Listen für meine Arbeit. Dabei bin ich eigentlich doof, was Technik angeht. Jetzt gehöre ich auch dazu und fange im Supermarkt an der Kasse gleich an zu googeln sobald eine Sekunde frei ist. Ich bin süchtig, ich bin drauf. (Während des Interviews liest und beantwortet Grebe mehrfach eingehende Nachrichten, trägt einen Buchtitel in eine Liste ein und geht einmal bei einem Anruf ran.)

Wie wird unsere Epoche später einmal heißen?
Ich würde natürlich sagen das Anadigi-Zeitalter. Meine Generation kennt das auch noch komplett anders. Das ist der Übergang, irgendwann sind wir weg und dann ist das vergessen. Es gibt ein Archiv von vergessenen Geräuschen, was total süß ist, wo man ein Modem piepsen hört oder wir sind durch Hannover gefahren und haben Jugendlichen einen Walkman gezeigt und die wussten nicht mehr, was das ist. Und diese Epochen werden ja immer kleiner.

Was treiben die digitalen Kids denn so?
Ich habe gestern zum ersten Mal die Videonachrichten-App Snapchat gesehen. Ich habe einen 25-jährigen Werber getroffen, der macht dazu Workshops mit Jugendlichen. Er sagt: Ich verstehe das nicht mehr, ich muss das wissen. Diese Geschichten interessieren mich, der 25-Jährige, der sagt, ich bin raus. Oder ich habe eine 19-jährige Regieassistentin, die sich von ihrer 13-jährigen Schwester sagen lassen muss: Du hast doch keine Ahnung! Wo sind wir? Technik zu verteufeln, geht in Deutschland immer gut.

Stimmen Sie mit ein?
Es gibt diese schlimmen Bücher zum Thema. Die verbrauchen viel Holz meistens für eine These, so wie "Digitale Demenz". Demenz, oh Gott!

Gehört "Die smarte Diktatur" von Harald Welzer auch in diese Schublade?
Das lese ich gerade. Ich glaube, das ist diese Werbescheiße bei den Büchern: 400 Seiten reduziert auf zwei Thesen. Wieder so ein Generalangriff auf alles, ich finde es auch doof, dass man das anscheinend braucht.

Angst machen Ihnen diese Zukunftsvisionen also nicht?
Nein. Die Welt ist viel bunter, verrückter, vielseitiger. Die Reduzierung auf so eine These ist Schwachsinn. Wir sind's doch, wir sind die Peoples und wir lassen uns algorithmisch nicht über einen Kamm scheren.

Autofirmen wollen die Passagiere ihrer selbstfahrenden Autos mit Virtual Reality unterhalten.
Jede Erweiterung von Reizen und Möglichkeiten finde ich erst mal interessant. Wenn man sich irgendwo reinsetzt und wird da kutschiert, hört sich das an wie im Tivoli.

Glauben Sie an Sex im virtuellen Raum?
Ich habe gerade die neuesten Sexbrillen ausprobiert. Ich bin echt freigedreht – nicht erotisch, sondern von den Effekten her. Da fickt man auf so einem Tisch rum mit einer 360-Grad-Brille. Das ist Wahnsinn, was für ein Markt da aufgeht.

Und Sie leben offline in Brandenburg. Ist das eine Pose?
Das ist Realität, ich finde das geil. Es gibt zwar ein Netz, aber ich nutze es nicht. Ich erzähle manchmal den Witz, dass ich zum Nachbarn gehe um eine E-Mail zu schreiben.

Aber die Wohnung in Berlin haben Sie behalten.
Ich will die Stadt haben, aber auch das Land. Es gibt Menschen, die entscheiden sich, brechen die Brücken ab. In der Beschränkung liegt eine große Kraft, aber ich bin im Moment auf der anderen Seite. Ich schöpfe aus dem Überfluss, der Gier, dem Reichtum, der Neugier.

Wie arbeiten Sie?
Ich schreibe meine Zeilen, Songs fast nur noch am Computer; früher meistens handschriftlich auf Papier. Da wird dann auch mal so gefummelt. Ob das schlechter oder flüchtiger oder anders wird, weiß ich nicht. Es wird noch wirrer, noch zersplitterter, verklickter, was ich da versuchen werde. Das merke ich: das Gerät, die Technik formt den Geist.

Sie haben sich also verändert...
Obwohl ich so altbacken bin, was die Technik angeht, war ich im Geiste schon immer hoch digital, was die Schnitte angeht: Jede Zeile steht für sich im besten Fall. Kunst ist immer so ein Abbild von Wahrnehmung, man muss entweder die Waffen strecken und sagen, das geht nicht und geht vielleicht eher ins Gegenteil, dass man voll langsam wird. Aber der Standard ist ja schnell (trommelt mit den Fingern auf den Tisch) Das ist mein Standard.

Dann sind Sie auch ein Getriebener.
Das ist jeder, glaube ich.

Kann man darüber zum Kulturpessimisten werden?
Überhaupt nicht. Das letzte Anadigiding-Stück endet mit einem Franz-von-Assisi-Bild, man redet mit dem Vieh und versteht sich, dank Übersetzungssoftware. Das ist eine super-positive Vision. Sich erinnern an Sachen die verschwinden, hat nichts mit Kulturpessimismus zu tun, sondern mit Kultur, mit Bereicherung. Für einen 20-Jährigen ist das nicht uninteressant, wie die Opas sich verhalten haben, als es noch kein Google gab. Denn der kommt vielleicht auch mal in eine Situation, wo das Netz ausfällt. Ich denke eher in Erweiterungen von Möglichkeiten und das "Ana" ist eine Erweiterung von "Digi".

Also sind Sie ein Technikoptimist?
Das will ich so nicht sagen. Ich bin grundsätzlich ein Lebensoptimist. Die Möglichkeit, dass die Zukunft gut wird, sollte man nicht ausschließen.

Trotz der Allmachtsfantasien aus dem Silicon Valley von überlegen intelligenten Maschinen und ewigem Leben?
Das macht schon ein bisschen Furcht, weil Leute wie Mark Zuckerberg so mächtig sind. Das Internet war vor 20 Jahren am Anfang und jetzt konzentriert sich das auf wenige Konzerne. Das ist schon Scheiße, hat aber nichts mit Kulturpessimismus zu tun, das ist Analyse.

Was kann man im Großen dagegen tun?
Es kommt ja eh alles und ich muss Mittel und Wege finden, um mit der Technik die guten Sachen zu machen. Und überhaupt: Die sollen erst mal Steuern zahlen.

...und im Alltag?
Mit dem Verschlüsseln von Mails komme ich nicht klar, da bin ich zu doof. 

Danke für das Gespräch.
Digi, digi.