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Rapper Bushido: Der beste Bad Boy

Der Berliner Rapper Bushido macht mit seinen Ghetto-Geschichten das große Geld - auch weil die Bravo-Teenies ihn lieben. Jetzt allerdings haben die Sender MTV und VIVA beschlossen, seine Videos nicht mehr zu zeigen. Bei seinem Tourauftakt kam es nun auch noch zu einem Zwischenfall.

Von Johannes Gernert

Er steht auf der Bühne, im orangen T-Shirt, hinter ihm riesengroß die Zahl 7, so heißt sein neues Album. Bushido rappt die letzten Zeilen eines Songs: "Dieser Junge war hinter dem Horizont." Das Licht wird bläulich hell. "Hannover", ruft er noch, da schwingt sich schon ein Mann auf die Bühne, ganz in schwarz gekleidet, springt den Berliner Rapper an und prügelt auf ihn ein. Bushidos Leute trennen die beiden, treten und schlagen den Angreifer. Irgendwann kommt die Polizei.

Für diesen kurzen Moment während des Tournee-Auftakts am letzten Wochenende wirken die ganzen Ghetto-Geschichten plötzlich ein bisschen realer, von denen Bushido auch auf seinem aktuellen Album erzählt. Das Dealen, der Knast - und die Prügeleien eben. Es ist ein wirklich kurzer Moment. Der Alltag des Gangster-Märchenonkels sieht anders aus. Wenn Journalisten ihn im Studio besuchen, berichten sie zuallererst von den Plüschpantoffeln, die dort alle tragen. Er selbst hat sich kürzlich als Spießer bezeichnet, der in der eigenen Villa am liebsten grillt und Hecken schneidet. Dazu hört er gerne Pop-Musik von Depeche Mode und Roxette - nicht etwa von kugel-durchsiebten amerikanischen Ex-Dealer-Kollegen wie 50-Cent.

"Diverse Vorkommnisse"

Bushidos Label heißt Ersguterjunge - und als dieser inszeniert er sich am liebsten, als geläuterter, ehemaliger Krimineller. "Alles Gute kommt von unten" ist der Titel der neuen Single, die am 7. Dezember erscheint. In diesem Fall ist mit "unten" wohl das bürgerliche Tempelhof gemeint, wo Anis Ferchichi aufwuchs, das Gymnasium abbrach, Drogen verkaufte, kurz im Gefängnis landete, bevor er eine Ausbildung zum Lackierer machte und schließlich mit Tracks über Gangbang und Ghetto, seinem "Unterricht für die Unterschicht", zu einem der umstrittensten Rapper Deutschlands wurde. Bushido ist jetzt ganz oben, kein Kollege verkauft sich besser. In der vergangenen Woche allerdings haben die Musiksender MTV und VIVA verkündet, dass sie ihn aus dem Programm nehmen. Es habe Ärger mit dem Label gegeben, "diverse Vorkommnisse".

Angela Merkel des Musik-Business

Es handelt sich offenbar um etwas Ernstes, denn Bushido ist eigentlich ein Quoten-Garant, auf den ein Musik-Sender nur ungern verzichtet. Das liegt vor allem daran, dass er unter jugendlichen Fans extrem mehrheitsfähig ist. Er ist so etwas wie die Angela Merkel des Musik-Business, für jede Fan-Gruppe hat er etwas im Angebot. Es sind gar nicht nur kleine Möchtegern-Gangster in weiten Hosen, die zu den Bushido-Beats und unheilvoll-dramatischen Streichermelodien mit dem Kopf nicken. Auch ältere Solariumbraune mögen die Ghetto-Fantasien vom ständig verfolgten Kämpfer-Kid, das sich irgendwann den Samurai-Namen Bushido gibt, was so viel wie "der Weg des Kriegers" bedeutet. Seine Fan-Basis aber hat der 29 Jahre alte Mann mit der GI-Frisur im Reich der kreischenden Bravo-Teenies. Die himmeln beide an: Bushido und Bill - den androgynen Front-Jungen von Tokio-Hotel. Anfang des vergangenen Jahres hat die Münchner Teenie-Postille Bushidos vergoldeten Kopf aufs Cover genommen und erzählte dazu "seine irre Erfolgsstory". Das kantige Gesicht war dort noch öfter zu sehen, dazu Geschichten vom Hass auf seinen Vater, der die Mutter verließ, oder vom "Horror-Crash", den er mit seinem 7er-BMW hatte.

Bushido brachte der Bravo Auflage und Bravo Bushido noch mehr Plattenverkäufe. Die Zeitschrift machte ihn nicht nur zeitweise zum Bravo-Reporter, sie ernannte ihn auch zu einem ihrer Anti-Gewalt-Botschafter. Als solcher trat er im Sommer bei einem riesigen Konzert am Brandenburger-Tor auf und zeigte einer Gruppe von Homosexuellen, die wegen seiner schwulenfeindlichen Äußerungen gegen ihn demonstrierten, den Mittelfinger. Die Teenies jubelten und die Bravo tolerierte es stillschweigend. Ohne Bushido wären sicher deutlich weniger Fans gekommen. Die Diskussion darüber, ob einer wie er, bekannt für gelegentliche cholerische Ausbrüche mit körperlichen Folgen, die beste Wahl für ein Anti-Gewalt-Konzert ist, hatte dem Event überhaupt erst größere mediale Aufmerksamkeit gebracht.

Messerattacke bei MTV

Mit-Organisator bei dem Konzert war auch der MTV-Konzern. Dass MTV und VIVA jetzt zumindest zeitweise auf Bushidos Videos verzichten, könnte auch mit einem Überfall auf dem MTV-Gelände in Berlin zusammenhängen. Nachdem der Rapper Fler vom Label Aggro-Berlin eine Sendung moderiert hatte, griffen ihn auf dem Nachhauseweg zwei "Südländer" mit einem Messer an. Die Täter sind geflüchtet. Fler hatte vor einigen Jahren zusammen mit Bushido gerappt. Dann gab es Streit, auch mit dem Kölner Eko Fresh, der bei Ersguterjunge, Ferchichis Label, unter Vertrag steht.

Hitler-Zitate und deutschnationale Symbole

Bisher wirkten solche Auseinandersetzungen recht virtuell. Sie fanden vor allem als kurze Beschimpfungstiraden auf CDs oder in Magazin-Interviews statt. Die Polizei prüft nach dem Überfall auf Fler wohl auch, ob die ganze Sache inszeniert sein könnte, ein Marketing-Gangster-Gag. Anfang nächsten Jahres nämlich soll dessen neues Album erscheinen. Fler war zuletzt aufgefallen, als er auf einem Album mit Runenschrift, verfremdeten Hitler-Zitaten und deutschnationalen Symbolen spielte.

Unabhängig von der Messerattacke hätten Bushidos Label und MTV schon diskutiert, sagt eine Sprecherin des Netzwerks. Bekannt gegeben wurde die Entscheidung aber kurz nach dem Überfall auf dem MTV-Gelände. Einen Tag später sprang dann beim Konzert in Hannover der schwarz Gekleidete zu Bushido auf die Bühne. Das alles kann ein großer Zufall sein. Oder eben nicht. Vielleicht berichtet Bushido ja in der Bravo bald Genaueres.