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Ron Sexsmith: Ein stiller Riese

Was macht ein Sänger, der seit Ewigkeiten als Geheimtipp gilt? Ron Sexsmith tut das einzig Richtige: Er schreibt einfach noch mehr tolle Songs.

Von Tobias Schmitz

Was würde es nützen zu predigen? Hört ihn euch an, diesen Sänger! Hört ihn euch an, diesen schüchternen, verhuschten Meister mit dem Kindergesicht im Körper eines 42-Jährigen! Gebt euch doch bitte schön nicht vorschnell mit James Blunt zufrieden oder Jack Johnson oder all den anderen hübschen Männern, die zwar leidlich ihre Gitarre bedienen, deren Musik aber so ereignislos dahinplätschert wie Sabine Christiansen. Es gibt doch Besseres, Berührenderes.

McCartney, Coldplay und Elton John lieben ihn

Aber wie gesagt, predigen zwecklos. Ron Sexsmith ist der lebende Beweis: Paul McCartney liebt den kanadischen Sänger und Songwriter, Chris Martin von Coldplay auch, Elton John und Elvis Costello sowieso. Sie alle haben Sexsmith gelobt für seine klugen Texte, seine herrlichen Melodien, für seine unverwechselbare Stimme. Und was hat es ihm genützt? Der ewige Geheimtipp ist er geblieben.

Er lebt in Toronto zur Miete

Gerade hat Sexsmith mit "Time Being" seine zehnte Platte veröffentlicht: wunderbarer Singer-Songwriter-Pop, wie schon der Vorgänger "Retriever" melodiös, eingängig und hervorragend produziert. Vielleicht 10 000 CDs hatte er davon hierzulande verkauft. Sexsmiths Kunst reicht ihm zum Leben, für Berühmtheit, viel Geld und ein eigenes Haus reichte es nicht. Noch immer lebt er in Toronto zur Miete. Und noch immer muss er sehen, bei welcher Plattenfirma er unterkommt.

Berlin, Interviewtermin: Sexsmith klampft zur Begrüßung im karierten Hemd auf seiner Gitarre rum. Er wirkt vollkommen zufrieden, völlig eins mit sich und der Welt, die ihn partout übersieht. Er weiß, wie gut er ist. "Aber irgendwie war ich immer am falschen Ort. Ich war nie Teil einer Szene oder neuen Bewegung. Und wirklichen Mut, mich trotz fehlender Hits zu fördern, hatte auch niemand." Eine nüchterne Bilanz. Sein Album von 2002 nannte er "Cobblestone Runway" - das Bild der Flugzeugstartbahn mit Kopfsteinpflaster ein Spiegelbild seiner Karriere: Es geht holprig zu, aber mit genügend Schub trotzdem aufwärts. Die Kraft hat Sexsmith, wie "Time Being" eindrucksvoll beweist: Nie klang der kluge Kanadier selbstbewusster, und "All In Good Time" könnte endlich das werden, was ihm bislang fehlte: ein Hit. Sexsmith ist im Begriff zu fliegen.

Traum vom Auftritt im Fußballstadium erfüllt

Vor ein paar Wochen hat er sich den Traum seines Lebens erfüllt: In Toronto sang er vor 2500 Zuhören in der ausverkauften Massey Hall - dort, wo er einst selbst seine Helden Bob Dylan und Leonard Cohen erlebt hatte. 2500 Menschen kamen tatsächlich nur deshalb, um ihn, Ron Sexsmith zu hören. "Ich brauche keine Auftritte in Fußballstadien", sagt er, "ich wollte immer in Theatern spielen und die Massey Hall ausverkaufen." Geschafft. Als ob das Predigen dann doch geholfen hätte. So gehet hin, höret und kaufet! Amen.

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