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Sportfreunde Stiller: Geheimnisse der rockenden Dreierkette

Nummer-1-Hit, Party auf der Fanmeile und mit der Nationalelf - 2006 war das Jahr der Sportfreunde Stiller. Jetzt kommt ihr neues Album "La Bum". Im stern.de-Interview reden die drei über das Leben nach dem Rausch - und attackieren die Rechteverwerter der Gema.

Als Fußball-Fans war 2006 Ihr Jahr, Sie standen mit der Nationalmannschaft vor tausenden von Leuten auf der Berliner Fanmeile - das war Rausch und Euphorie pur. Sind Sie danach in ein Loch gefallen?

Flo: Überhaupt nicht. Es war so aufregend, berauschend und viel für uns, so dass wir froh waren, mal durchschnaufen zu können. Wir wussten ja, dass wir schnell weitermachen, Lieder zu schreiben. Ende September haben wir angefangen, für die neue Platte zu arbeiten.

Sie haben sich keine Pause gegönnt?

Peter: Wir hatten einfach Bock drauf. Die WM war super, hat aber nichts mit richtigem Musizieren zu tun. Wir sind von einem Event zum anderen, haben kurz unser Lied eingezählt, dann sind die Becher geflogen.
Rüde: Die WM war gar nicht so ein Overkill an Terminen. Wir sind genauso mitgerissen worden wie alle anderen, wir haben sie mit demselben Pensum wie andere Fußballfans auch erlebt. Das war keine Arbeit, kein Stress - ich habe so viel Energie bekommen und feine Leute getroffen.
Peter: Man ist schon wehmütig, wenn so eine Zeit vorbei ist, aber wir sind nicht in Depressionen verfallen. Für uns war es interessant zu sehen, wie wir damit umgehen - weil es so heftig war, so eine krasse Erfahrung. Wir haben viel diskutiert danach. In manchen Momenten waren wir ein bisschen verkopft, weil wir nicht genau wussten, wo wir hinwollen mit den Texten und Lieder. Aber letztendlich hat es uns total zusammengebracht. Wir haben eine gute Art gefunden, uns damit auseinanderzusetzen und sind sehr glücklich mit den Liedern.

"La Bum" heißt das neue Album...

Peter: "La Bum" macht mich einfach nur froh, da macht es bumbum in meinem Herzen.
Rüde: Das war ein sehr feiner Moment, als wir einstimmig elf Lieder als wichtig für das Album befunden haben. Das gab es noch nie, das freut mich.

Das Album ist ein Hauch melancholischer als die Vorgängeralben, da schwingt ein wenig Wehmut mit.

Peter: Auf jeden Fall. Obwohl wir das schon immer in Liedern drin hatten. Selbst bei "Meine wunderbaren Jahre", das ordentlich nach vorne geht, gibt es diese Melancholie. Ich mag Musik, wenn sie so eine schöne Traurigkeit hat.

Worte wie "Kapitel" und "Inventur", die in den neuen Songs fallen, klingen nach Bilanz. Sind die Sportfreunde erwachsen geworden?

Peter: Bei der Platte geht es darum, dass wir an einem Punkt angekommen sind, wo man Entscheidungen treffen muss. Man würde gerne nach seinem Gefühl handeln, kann aber nicht, weil das Herz im Kopf steckt und man zuviel nachdenkt. Darum geht es bei "Tu nur das, was dein Herz dir sagt".
Flo: Wir haben das Album sehr viel konzentrierter behandelt, weil wir endlich einen Proberaum hatten, der uns für lange Zeit zusteht. Wir haben Arrangements besser durchdacht. Es sind harmonische Wendungen dabei, die in solchem Stil bei uns noch nicht erkennbar waren. Auch die Texte sind besser durchleuchtet. Ich würde schon zustimmen, dass das gesamte Album einen Schuss mehr Sentimentalität hat - ohne natürlich unseren typisch positiven Stil zu verlieren.

Sie könnten jetzt ein viertes Bandmitglied aufnehmen, Mehmet Scholl ist ja frei...

Flo: Wir sind uns sicher, dass er mitmachen darf, wir wissen nur noch nicht, in welcher Funktion er tätig sein wird...
Rüde: ...Unruhestifter im Bandbus!

Kann Mehmet Scholl singen?

Peter: Ich glaub, der kann so null singen. Wir können ja nicht richtig singen. Aber er ist stimmtechnisch gar nicht drauf. Ich habe eigentlich eine Abmachung mit ihm: Wir haben ihm mal eine Gitarre zum Geburtstag geschenkt, ich wollte ihm ein paar Akkorde lernen, und er soll mir dafür Freistoßschießen beibringen. Bisher haben wir es noch nicht geschafft. Aber jetzt hat er ja viel Zeit.

Sie waren auch in Rostock zum G8-Gipfel und haben bei dem Konzert mit Grönemeyer mitgemacht. Sind politische Inhalte im Sportfreunde-Kosmos vorhanden?

Flo: Wir haben logischerweise eine politische Haltung, aber sind definitiv keine politische Band. Trotzdem - Aussagen wie bei "Wir sind auf der guten Seite" haben einen kritischen Ansatz.
Rüde: Wir sind so politisch wie jeder Mensch politisch ist, der mit offenen Augen durch die Welt geht. Wir machen eben Texte, die näher an den Menschen sind, näher an dem Alltag. Aber durch die Art und Weise, wie wir Interviews geben oder uns engagieren, drücken wir eine Haltung aus.
Peter: Viele Zusammenhänge sind so komplex und nicht in einem Dreiminuten-Stück unterzubringen. Das maße ich mir nicht an. Ich habe ein klares Bild von gerecht und ungerecht, das versuche ich zu äußern. Man muss damit anfangen, sich in seinem Umfeld sich so zu verhalten, wie man es im Großen auch erwartet.

Leute mit einem Konzertabend glücklich zu machen, ist ja auch eine Art von gesellschaftlicher Verantwortung.

Rüde: Was mich immer wieder freut auf den Konzerten, dass Menschen dastehen und auch bei Liedern, bei denen es um einen schwierigen Moment im Leben geht, singen, sich freuen, tanzen. Sie bekommen es vielleicht in dem Moment nicht mit, aber sie singen über eine Sache, die man normalerweise immer aus einer bedrückenden Grundhaltung wahrnimmt. Auch das ist ein schönes Privileg, Menschen Dinge in einem anderen Zusammenhang näher zu bringen.

Lassen Sie uns noch über ein heikles Thema reden: Geld. Eigentlich müssten Sie im letzten Jahr total viel Kohle gescheffelt haben...

Flo: Wir haben eine Gehaltserhöhung vom Management bekommen, wir kriegen 25 Euro jeder im Monat. Ich habe mir neue Sandalen besorgt.
Rüde: Was echt super ist, er hat uns einen Nebenjob besorgt, wo wir echt super über die Runden kommen...(allgemeines Gelächter)
Peter: Viele Leute denken, wir sind Millionäre. Stimmt nicht. Wir brauchen uns nicht zu beklagen. Es läuft super mit der Band. Aber da ist eine Vereinigung wie die Gema, die echt komische Sachen treibt. "54" war tatsächlich ein Wies'n-Hit und ist in jedem Bierzelt vor tausenden Leuten gelaufen und in zehntausend Fußballbeiträgen, und man weiß nicht, wo die Kohle hinfließt. Die Gema äußert sich nicht richtig dazu. Das ist eigentlich ein Skandal. Und es ist eine blöde Situation, darüber zu reden. Wie viele Leute rennen jeden Tag zwölf bis 14 Stunden in die Arbeit, geben alles und sind am Abend einfach nur im Arsch, sodass sie nichts mehr machen und können gerade ihre Miete zahlen. Das ist die andere Seite.
Flo: Über Geld spricht man grundsätzlich nicht gerne. Die Leute denken, dass wir so viel Geld haben wie Robbie Williams, weil der auch in der Olympiahalle spielt. Rüde: Bei ihm kostet das auch 100 Euro Eintritt, wir verlangen vielleicht 23 oder so.

Haben Sie sich etwas geleistet?

Flo: Einen Schnorchelurlaub in Kroatien.
Peter: Ich habe mir eine Woche Surf-Urlaub an der französischen Atlantikküste geleistet und habe drei Wellen erwischt.
Rüde: Und ich war dabei.

Was können wir zur EM erwarten? Haben Sie schon Karten, schon Lieder?

Peter: Wir können uns nicht vorstellen, dass wir wieder so auf den Plan treten wie zur WM. Ich möchte mir ein paar Spiele anschauen. Um im Stadion zu sitzen, singe ich jedes Lied.

2010 haben Sie sich in eine Bringschuld gebracht mit dem neuen Titel von "54, 74, 1990, 2010".

Peter: Das ist ein schönes WM-Karten-Abo: Südafrika Surfen, schöner Wind. Wir sind dabei.

Interview: Kathrin Buchner