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Tagebuch 3: Freitag, 24. Oktober 2003

Heute wird ein schwerer Tag. Vor uns steht ein Besuch bei ehemaligen Kindersoldaten, danach einer Gedenkstätte des Genozids in Nyamata, wo wir mit Überlebenden der Massaker sprechen.

Heute wird ein schwerer Tag. Vor uns steht zuerst ein Besuch bei ehemaligen Kindersoldaten, danach besuchen wir eine Gedenkstätte des Genozids in Nyamata und sprechen mit Überlebenden der Massaker.

Im Gomaer Übergangszentrum von Unicef für ehemalige Kindersoldaten begegnet Grönemeyer 41 Jungen im Alter zwischen acht und 17 Jahren, die hier zunächst eine neue Heimat für drei Monate gefunden haben. Hier werden ihre Krankheiten behandelt, können sie endlich ohne Waffen sprechen und erfahren, dass es auch ein Leben ohne Gewalt und Krieg gibt. Sie lernen für ein neues, ziviles Leben gärtnern, tischlern, viele auch erst einmal lesen und schreiben. Es sind zwar Kinder, die uns anschauen, aber ihre Augen sind ernst, alt, haben Furchtbares gesehen. Mehr als 30.000 Kinder werden im Kongo für den Kriegseinsatz missbraucht.

"Es ist unfassbar und für uns unbegreiflich, wie man Kinder zu Killern machen kann", schüttelt Grönemeyer den Kopf und lässt sich die Geschichte des 17-jährigen Paul erzählen: Er wurde mit 13 Jahren aus seinem Dorf verschleppt und zwangsrekrutiert. Er musste als Leibwächter für einen Leutnant dienen. Um etwas zu essen zu bekommen, stahl er nachts in den Dörfern und wurde dabei oftmals von den Bewohnern verprügelt. Endlich konnte er fliehen. Er überfiel einen illegalen Coltanschürfer, raubte ihn aus, um mit diesem Geld nach Hause zu kommen. Aber dort wurde er immer wieder als Deserteur ins Gefängnis geworfen, wo er furchtbar misshandelt und vergewaltigt wurde. Er konnte nicht bleiben. Nun hat er im Übergangslager von Unicef eine Zuflucht gefunden.

Zurückgekehrt nach Ruanda führt uns die Fahrt nach Nyamata. Eine Provinz, die vor dem grausamen Genozid 1994 noch 160.000 Einwohner hatte. Innerhalb von 100 Tagen wurden allein hier 80.000 Menschen erschlagen, zerstückelt und erschossen. Wir fahren hinauf zu einer kleinen Kirche. 5000 verängstigte Menschen hatten hier Schutz gesucht. Dann kamen die Inharamwe-Milizen und innerhalb eines Tages ermordeten sie 5000 Kinder, Frauen und Männer. Pacifique zeigt uns, wo er seine Familie fand. Zwölf seiner Lieben fanden hier einen grausamen Tod. Sie kamen durch die Fenster der Kirche, zerhackten die Menschen mit ihren Macheten, erschlugen sie mit Keulen.

Ganz langsam steigen wir über die Bänke der Kirche. Wir möchten den Atem anhalten. Unter uns im Staub liegen die Knochen, Kleidung und Schuhe der Ermordeten. Drei Jahre hat hier niemand etwas anrühren können. Grönemeyer legt einen Kranz auf die aufgereihten Schädel der Erschlagenen. Niemand sagt etwas, alle sind tief erschüttert und Grönemeyer schreibt in das Besucherbuch: "Dies ist ein Ort jenseits der Vorstellung".

Susanne Anger

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