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"Folklore" Taylor Swift gelingt das erste Meisterwerk der Corona-Zeit

Taylor Swift
Taylor Swift hat völlig überraschend ihr achtes Studioalbum vorgelegt – und ihr ist damit ein Triumph gelungen
© Jordan Strauss/ / Picture Alliance
Während wir uns in der Isolation kaum aufraffen können, auch nur ein Buch zu lesen, legt Taylor Swift plötzlich ein Album vor, dem man die wenigen Monate Entstehungszeit nicht anhört. Im Gegenteil: Die Songs klingen, als wären sie über Jahre gereift.

Eigentlich steht die Musikwelt still seit Beginn der Pandemie. Das gilt nicht nur für Konzerte, die rund um die Welt fast flächendeckend verboten sind. Ähnlich wie in Hollywood, wo die Starttermine für potenzielle Blockbuster reihenweise verschoben wurden, halten auch große Bands von Bon Jovi bis zu den Killers ihre lange angekündigten neuen Platten bis auf weiteres zurück. Die Lage ist unsicher, niemand traut sich aus der Deckung.

Niemand – außer Taylor Swift. Das mutet bei einer Pop-Perfektionistin wie ihr auf den ersten Blick überraschend an, bei genauerer Betrachtung aber nur folgerichtig. Denn die Neuerfindung und damit einhergehend der Mut zur Überraschung gehört längst zum Geschäftsmodell der 30-Jährigen. 

Keine 24 Stunden zwischen Ankündigung und Release

Und so hat die Sängerin, bei der jede Veröffentlichung ein stimmiges Gesamtwerk aus Musik, Videos und Artwork ergibt, keine 24 Stunden zwischen Ankündigung und Release von "Folklore" vergehen lassen. Nach dem quietschbunten und über lange Strecken gutgelaunten "Lover" ist ihr achtes Studioalbum in vielerlei Hinsicht eine edelgraue Antithese zum Vorgänger.

Zuvorderst setzt das Album selbst für Swifts berüchtigte Experimentierfreude neue Maßstäbe: Zuletzt ging es in ihrem Werk vor allem um Selbstermächtigung und die Freuden des unabhängigen Lebens und Liebens, aber auf "Folklore" schraubt sie radikal alle Regler herunter. Das Ergebnis: eine Kaskade in Lo-Fi. Ergreifende Kammermusik, die klingt, als wäre sie in einer Hütte am Rande des Waldes auf dem Albumcover aufgenommen worden. 

Einen Großteil der Songs hat Swift gemeinsam mit Aaron Dessner, Mastermind der Indie-Rockband The National, geschrieben und produziert, und dieser Einfluss ist ebenso wenig zu überhören wie der von Duettpartner Bon Iver (auf dem sensationellen Song "Exile") und Swifts ständigem Co-Produzenten Jack Antonoff, der die filigrane Soundbrücke zum Restwerk des ehemaligen Country-Girls schlägt.

Das Genie vieler Stücke auf "Folklore" lässt sich am besten an der Tatsache erklären, dass sie schon nach wenigen Durchläufen verfangen, der Hörer sich aber trotzdem instinktiv sicher sein kann, dass sie noch über Wochen wachsen werden. Säulen der Platte sind neben dem Bon-Iver-Stück und der schimmernden Single "Cardigan" auch das hintersinnige "Illicit Affairs" und "Peace" – ein Liebeslied, wie es Swift nie besser geschrieben hat. Und es gibt wohlgemerkt wenige Künstlerinnen, die mehr gute Liebeslieder geschrieben haben als sie.

Taylor Swift: "Folklore" – Herbstalbum im Hochsommer

Aber eigentlich ist es müßig, einzelne Songs aus dem hypnotischen Klangteppich dieses Albums herauszuschneiden. Die introvertierte Attitüde dieser nur vordergründig fragil erscheinenden Musik dürfte auch ihrer Entstehungszeit geschuldet sein. Alle 16 Songs wurden binnen weniger Lockdown-Monate geschrieben, klingen aber so, als wären sie über Jahre gereift. Und so hat sich Taylor Swift nicht nur als erste Künstlerin von Weltrang aus der Isolation herausgewagt, ihr ist dabei auch nicht weniger als das erste Meisterwerk der Corona-Zeit gelungen.

"Folklore" ist ein veritables Herbstalbum mitten im Hochsommer, der in diesem verfluchten Jahr 2020 ja aber ohnehin weitestgehend ausfällt. Was zu der faszinierenden Erkenntnis führt: Selbst wenn Taylor Swift ganz bewusst gegen den Trend arbeitet, ist sie immer noch zeitgenössischer als der Rest.


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