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Cover von "1989": Warum Ryan Adams mich zum Taylor-Swift-Fan umerzogen hat

stern-Redakteur Hannes Roß hat Taylor Swift nie ernst genommen. Doch seitdem Ryan Adams ihre Lieder singt, ist er auch zum Fan geworden. 

Ich habe Taylor Swift nie verstanden. Dieses dürre, blonde, große Mädchen mit ihrem Heulgesang, die mit diesem obszön-perfekten, glatten Radio-Pop - mit Country-Glasur obendrauf. Dazu pubertäre Gefühlsausbrüche, mal hysterisch, mal naiv, in den Texten, aber viel lieber noch via Twitter. Wenn mein guter Freund, Jochen Siemens, mit voller Ernsthaftigkeit sagte, er fände Taylor Swift ziemlich gut, hielt ich das erst einmal für jene doppelbödige Ironie, die popverliebte Männer manchmal nutzen, um ihre Freunde zu irritieren. Etwas Gutfinden, was eigentlich scheiße ist - einmal kurz den gemeinsamen, offensichtlich doch nicht so gefestigten Musik-Konsens erschüttern, der eigentlich jede gute Männerfreundschaft ausmacht.

Es musste wohl erst Ryan Adams kommen, damit ich zugebe: ich habe mich in Taylor Swift geirrt. Der amerikanische Sänger Adams gehört zu den ganz großen Singer-Songwritern seiner Generation. Er wird gerne mit Bruce Springsteen verglichen, was musikalisch stimmen mag, aber Adams ist verrückter im guten Sinne. Damit meine ich jetzt nicht die Drogen, den Alkohol, die Pillen, die Ryan Adams viele Jahre nahm, bevor er zusammenbrauch, in eine Entzugsklinik ging, um ein paar Wochen später wieder wie ein Getriebener neue Platten (29 Alben mit 41 Jahren) zu machen. Völlig durchgeknallt erscheint auf den ersten Blick sein neuestes Projekt: sein gerade erscheinendes Album "1989" widmet sich ausschließlich gecoverten Songs von Taylor Swift.


Adams hat Swift zum Status der Pop-Künstlerin erhoben

Natürlich drehten viele Musikfans in den sozialen Netzwerken durch, als die Nachricht durchsickerte: Ryan Adams covert jetzt Taylor Swift. Doch was auf den ersten Blick so wirkt wie Heino covert jetzt Rammstein, wie ein Liebes-Duett zwischen Barack Obama und Kim Jong-un, ist tatsächlich etwas geworden, was Taylor Swift in den Status einer Pop-Künstlerin erhebt. Eine Substanz in ihrem Songwriting, die zuvor irgendwie immer unterschätzt wurde, weil sie für kleine Mädchen singt. Adams gelingt es den Swift-Songs die Ernsthaftigkeit zu geben, die sie zuvor nicht hatten. Er kann musikalisch ausformulieren, woran Taylor Swift wohl nur in Ansätzen dachte. Mal hört sich das an wie "The Smiths", melancholisch und weltverachtend, düster und wütend, dann wieder so enthusiastisch, siegesgewiss wie Bruce Springsteen mit Pick-Up-Truck unterwegs in New Jersey. Ryan Adams veredelt Taylor Swift. So wie Guns n Roses mal "Knockin' On Heaven's Door" von Bob Dylan auferstehen ließen. Die Revitalisierung ist gerade auch sehr beliebt im Pop: der deutsche DJ Felix Jaehn hat vor Kurzem mit "Ain’t Nobody", dieser runtergespielten Partynummer von Chaka Khan, auch so eine abgeschriebene Nummer zu neuem Glanz verholfen.
Wenn Kanye West heute noch einmal Taylor Swift bei einer Preisverleihung von der Bühne schubsen würde, so wie damals bei den "MTV Video Music Awards" 2009, ich wäre ernsthaft empört, nicht mehr zustimmend begeistert. Taylor Swift finde ich jetzt auch ziemlich gut. Vor allem, wenn Ryan Adams ihre Songs singt.