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Uraufführung der Oper "Metanoia" Saftlos ohne Schlingensief


Für die neue Oper "Metanoia" hatte die Staatsoper Unter den Linden Christoph Schlingensief engagiert. Der Tod des Regisseurs stürzte das Opernhaus in Ratlosigkeit, die Premiere lief trotzdem.

Es sollte kein Requiem für Christoph Schlingensief werden. Auch nach dem Tod des Regisseurs hatte die Staatsoper Unter den Linden die Produktion der Oper "Metanoia" fortgesetzt. Doch bei der Uraufführung am Sonntag im Ausweichquartier im Berliner Schiller Theater wurde klar: Ohne Schlingensief und seiner überbordenden Phantasie bleibt das Werk des jungen Komponisten Jens Joneleit nach einem Text von René Pollesch ein Frontalunterricht über die ersten und letzten Fragen des Lebens.

Der Philosophie-Schnellkurs im Operngewand unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim entlockte dem Publikum kaum mehr als einen Höflichkeitsapplaus. Dabei hatte der neue Intendant Jürgen Flimm die Spielzeit mit Pauken und Trompeten starteten wollen. Für die dreijährige Renovierungszeit des historischen Hauses unter den Linden ist das Ensemble in das wieder eröffnete Schiller Theater gezogen.

Ein heikler Übergang, denn die Staatsoper muss dabei ihr Publikum von der Stadtmitte in den weniger frequentierten Westen locken. Für die kommenden Monate hat Flimm volles Programm auf den Plan gesetzt. Gleich in zwei Wochen gibt es wieder eine Premiere: Wagners "Rheingold" als Auftakt zu einem neuen "Ring".

Etwas mehr als eine Stunde stehen die Darsteller auf der Bühne, die Joneleit einen "Erfahrungsraum" nennt, blicken zum Publikum, schauen mal seitwärts und geben Polleschs Texte von sich. "Über das Denken hinaus" steht als Zusatz zum Operntitel. Pollesch hat sich auf Schlingensiefs Vorschlag hin mit Friedrich Nietzsches "Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" beschäftigt.

"Erst kommt die Infizierung, dann der Text", heißt es. Es geht um das Verhältnis des Menschen zu seinem Körper, um Zerfall und Wiedergeburt, um Träume und Ängste, Erinnerung und Vergessen. Sätze werden aneinandergereiht wie aus einem Setzkasten letzter Weisheiten. Pollesch lässt alle an seinem Gedankenfluss teilhaben, der eine gewisse Suggestivkraft entfaltet.

Hinter einem Gaze-Vorhang stehen im Hintergrund noch Reste des von Schlingensief konzipierten Bühnenbilds, Holzgerippe zwischen denen Videofilme in Schwarz-Weiß laufen, Szenen über Angst und Bedrohung aus Schlingensief-Filmen. In den fünf "Zuständen", wie Joneleit die einzelnen Akte nennt, teilen sich fünf Sänger darunter Annette Dasch und Meika Dresenkamp, die Rollen, der Schauspieler Martin Wuttke spricht in weißer Toga und Sandalen die "Transitor-Stimme". Der Chor, wie Teletubbies in gelbe Anzüge gezwängt, schreitet in langer Reihe ein und aus.

Dazwischen schiebt sich Joneleits Musik. Es sind Klangmassen, viel Streicher und kräftige Bläser, die immer wieder wie Eruptionen ausbrechen, und Live-Elektronik. Der Künstler, den Barenboim für das Auftragswerk gewonnen hatte, schöpft aus dem vollen. Der 1968 in Offenbach geborene Joneleit gehört zu den erfolgreichen Gegenwartskomponisten.

Nach Schlingensiefs Tod am 21. August, zwei Tage vor Probenbeginn, hatte an der Staatsoper zunächst Ratlosigkeit geherrscht. Schlingensief hatte keine Gebrauchsanleitung für die Inszenierung hinterlassen. Die Oper sollte in einer Landschaft aus überlebensgroß nachgebauten menschlichen Organen spielen, die Darsteller Körperteile, Organe, Zellen oder Parasiten sein.

Diesen Wechsel von außen nach innen hätte nur Schlingensief inszenieren können, erklärte das "kopflose" Regieteam um seinen langjährigen Dramaturgen Carl Hegemann. Es wurde eine Oper ohne "letzten Entscheider". Christoph Schlingensief hätte den Abend als gedankenreiches und bildmächtiges Abenteuer inszeniert. Irgendwie wurde es dann doch ein Abschied von ihm.

Esteban Engel, DPA DPA

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