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"Stinkende Masse" auf Zuschauer Skandalregisseur inszeniert seine eigene Kündigung


Zwölfstundenexzesse und Ausscheidungen: Extremregisseur Vinge liefert Berlin die größten Theaterskandale seit Schlingensief. Nun droht der Intendant mit dem Strafrecht. Vinge schreibt "Die Kündigung".
Von Lutz Meier

So schnell war eine Vorführung bei Vegard Vinge selten vorbei. Eine gute Stunde nach Beginn der sonntäglichen Vorstellung des jüngsten Skandalstücks des norwegischen Regisseurs im Prater der Berliner Volksbühne, ist nur noch eine Texttafel zu sehen, darauf die Worte: "Eine Kündigung". "Das war's dann wohl", sagt ein Theatermitarbeiter zum ratlosen Publikum. Und lässt keinen Zweifel daran, dass er meint: Das war's endgültig mit "12-Spartenhaus", dem Stück, mit dem der Norweger seit Mai für Erregung in der deutschen Bühnenwelt gesorgt hat. Vinge ist wohl zu weit gegangen. Das ist eigentlich ein banaler Satz, denn Zuweitgehen ist die Jobbeschreibung des Regisseurs. Aber dieses Mal ist er mit Intendant Frank Castorf aneinandergeprallt, der fast alles duldet. Doch Castorf hat Vinge mit Abbruch der "vertraglichen Beziehungen" gedroht, mit "strafrechtlichen Konsequenzen", mit geharnischten "Regressforderungen". Darauf reagiert Vinge, dessen Aufführungen selten unter zwölf Stunden über die Bühne gehen, nun mit Arbeitsverweigerung.

"Das Stück ist abgesetzt, das ist kein Scherz"

Castorf hat Vinge in der vergangenen Woche einen un-intendantenhaft juristisch gehaltenen Brief geschrieben, datiert "Bayreuth, 12. Juni 2013". In Bayreuth inszeniert der Intendant gerade für die berühmten Festspiele Wagners "Ring", dazu passt das Drama, das sich an seinem Heimathaus in Berlin entfaltet. Folgt man dem Castorf-Brief, dann hat sich bei einer Vorstellung am 9. Juni im "12-Spartenhaus" Unerhörtes ereignet. Vinge habe mehrere Zuschauer mit einer "stinkenden Masse" beworfen und anschließend den Bühnenmeister mit einem Feuerlöscher angegriffen. Die Theatergastronomie sei verdorben, der Theatermitarbeiter eine Woche arbeitsunfähig gewesen. An diesem Sonntagnachmittag nun kündigt es Vinge mit seiner mickymasuhaft verzerrten Stimme schon vor der Vorstellung an: "Das Stück ist abgesetzt, das ist kein Scherz". Mit dem Intendantenbrief verfährt Vinge dann auf seine Weise. Er verliest ihn und beschmiert ihn dabei eingehend mit Exkrementen. Es sind seine eigenen Exkremente, nicht etwa Theater-Kunstkacke, wie sie sonst in der Volksbühne reichlich zum Einsatz kommt. Das sie echt sind, wissen die Zuschauer, weil sie Vinge vorher live dabei zuschauen konnten, wie er die Ausscheidungen produziert hat.

"Warum bekomme ich Steuergeld?"

Bevor der Norweger seine Kündigung per Texttafel wahrmacht, macht er noch deutlich, was er von Castorfs Drohungen hält. Wie immer von einer Kamera begleitet, die seine Handlungen live ins Foyer überträgt, irrt er durchs Obergeschoss des Theaters, reißt Szenenpläne von der Wand und kritzelt auf ein Volksbühnenplakat: "Warum bekomme ich Steuergeld für's 12-Spartenhaus?". Anschließend deckt er das Wort Volksbühne auch zentimeterdick mit dem zu, was im Intendantenbrief vornehm als "stinkende Masse" beschrieben wird. Dann rennt Vinge mit heruntergelassenen Hosen über das Theaterdach, klettert auf den Schornstein und ruft "It's so dangerous."

Die Theaterleitung versuchte am Montag, den Eklat herunterzuspielen. Die Sache mit dem Feuerlöscher sei strafrechtlich relevant, da sei der Intendant verpflichtet gewesen, einen Brief zu schreiben, sagt seine Sprecherin. Man wolle Vinge aber halten. Das Skandalstück sei keinesfalls abgesetzt, sondern werde weitergespielt und auch nach der Sommerpause wiederaufgenommen. Mitarbeiter der Volksbühne vor Ort zeigten da eher Zweifel.

"Schade um das Bühnenbild"

Seit 2010 erschreckt und beglückt Vinge die skandalgeprüfte Hauptstadt wie vor ihm nur Christoph Schlingensief. Er arbeitet sich an dem norwegischen Nationalautor Henrik Ibsen ab, indem er dessen Stücke mehr nach allen Regeln der Kunst zertrümmert als inszeniert. Dabei schafft Vinge artistische Leistungen wie sich selbst in den Mund zu urinieren. Seine grenzüberschreitenden Aktionen stehen in Kontrast zu den poetischen Bühnenbildern und Kostümen seiner Partnerin Ida Müller. Mit der Zwölf-Stunden-Ibsen-Vernichtung "John Gabriel Borkman" wurde Vinge vergangenes Jahr zum Theatertreffen eingeladen, das vom Kulturstaatsminister der Bundesregierung finanziert wird und als Olymp deutschen Bühnenschaffens zählt. "12-Spartenhaus" ist Vinges Version von Ibsens "Volksfeind". Es gibt Kritiker, die finden "magische Augenblicke" in Vinges Stücken und schwärmen vom "größten Theatererlebnis meines Lebens" ("Theater heute"). Andere nennen es verächtlich "ein Eventangebot für die gelangweilte Erlebniskundschaft" ("Süddeutsche Zeitung"). Nach der Vorstellung am Sonntag steht das Pratertheater verschlossen in der Sonne. Hier passiert nichts mehr. "Schade um das schöne Bühnenbild", seufzt ein Volksbühnen-Mitarbeiter.


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