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Neue Serie: Warum "Better Call Saul" so gut ist wie "Breaking Bad"

In "Breaking Bad" war der windige Anwalt Saul Goodman nur eine Nebenfigur. Nun bekommt das sympathische Schlitzohr mit "Better Call Saul" eine eigene TV-Serie. Die steht dem Original in nichts nach.

Von Christoph Fröhlich

In "Breaking Bad" war Saul Goodman (Bob Odenkirk) nur eine Nebenfigur, nun bekommt der schmierige Anwalt mit "Better Call Saul" seine eigene Serie

In "Breaking Bad" war Saul Goodman (Bob Odenkirk) nur eine Nebenfigur, nun bekommt der schmierige Anwalt mit "Better Call Saul" seine eigene Serie

Selten hat man ein Schlitzohr so sehr geliebt wie Saul Goodmann, jenen dubiosen Anwalt aus der Erfolgsserie "Breaking Bad". Mit markigen Sprüchen, kriminellen Weisheiten und schlecht sitzenden Anzügen spielte sich der schrille Winkeladvokat in die Herzen der Zuschauer. Für viele Fans war er sogar der heimliche Star des gefeierten Drogen-Westerns. Deshalb ist es kaum überraschend, dass der US-Sender AMC bereits kurz nach der Ausstrahlung des "Breaking Bad"-Finales im Herbst 2013 das Spin-off "Better Call Saul" ankündigte, in dem der schmierige Anwalt einen Platz auf der großen Bühne bekommt. Seit heute ist die Serie nun hierzulande auf der Streaming-Plattform Netflix verfügbar.

Nur ein "Breaking Bad"-Abklatsch?

Die Skepsis bei den Fans war zunächst groß. Kein Wunder, zu oft entstehen Spin-Offs aus wirtschaftlichen und nicht aus kreativen Gründen. Beispiele dafür wären etwa der elendige "Friends"-Abklatsch "Joey" oder das gefühlte Dutzend "CSI"-Klone. Viele Fans vermuteten daher, AMC wolle nur seinen großen Hit weiter ausschlachten. Und manch einer mokierte sich gar, die Figur des Saul Goodman würde keine ganze Serie auf seinen Schultern tragen können.

Diese Sorge kann an dieser Stelle bedenkenlos ausgeräumt werden: Bob Odenkirk mimt den verschrobenen Anwalt genial wie eh und je und wickelt den Zuschauer mit seinen zwielichtigen Methoden ebenso schnell um den Finger wie im Original.

Ein Loser, wie er im Buche steht

Die Handlung von "Better Call Saul" spielt sechs Jahre vor "Breaking Bad". Saul Goodman heißt zu diesem Zeitpunkt noch James "Jimmy" McGill, doch optisch sieht er seinem späteren Ich bereits zum Verwechseln ähnlich: Das Haarteil sitzt gewohnt schlecht über der Halbglatze, der Anzug ist zwei Nummern zu groß, die Krawatte hängt schlaff herunter wie eine Fahne, die schon lange keinen Wind mehr gesehen hat.

Jimmy ist ein Loser, wie er im Buche steht. Er fährt eine verbeulte Schrottkarre, potenzielle Mandanten trifft er im Diner, weil sein Büro angeblich gestrichen wird - in Wahrheit liegt das im Heizraum eines Nagelstudios hinter wummernden Waschmaschinen. Seine Nummer verteilt er auf Streichholzschachteln statt Visitenkarten.

Trotz seines großen übergroßen Ehrgeizes gelingt es ihm nicht, sich als respektabler Anwalt zu etablieren. Nur mit Gelegenheitsjobs kommt er über die Runden. So muss Jimmy etwa eine Gruppe Halbstarker vertreten, die in einer bierseligen Stunde einen Schädel vergewaltigt haben und auch noch dumm genug waren, das Ganze auf Kamera festzuhalten. Der Lohn für den undankbaren Job: mickrige 700 Dollar. Und der Stapel unbezahlter Rechnungen wächst weiter.

Money, Money, Money

Mit ehrlichen Methoden, das ahnt Jimmy, kann er kein Geld verdienen. Doch genau darum geht es ihm, wie er in einer bewegenden Szene mit seinem Bruder Chuck erklärt. Er träumt vom großen Geld. Als er beim Versuch, einen besonders vermögenden Klienten an Land zu ziehen, scheitert, gerät er in einen Strudel unvorhergesehener Ereignisse. Statt sich aus der misslichen Lage zu befreien, gerät er immer tiefer hinein.

Die Stoßrichtung ähnelt damit der Ur-Serie: Es geht um die Verwandlung eines Menschen, die von James McGill zu Saul Goodman. Wie sie ausgeht, das wissen "Breaking Bad"-Fans bereits - Saul wird zur rechten Hand des Bösen. Doch die spannende Frage ist: Wie wird aus dem unschuldigen Loser der gerissene Rechtsverdreher, der selbst durchgeknallten Meth-Dealern die Stirn bietet?

Zwischen Drama und Comedy

Doch nicht nur der rote Faden erinnert frappierend an "Breaking Bad", sondern auch die famose visuelle Umsetzung. Erneut glänzt Vince Gilligan, das Mastermind hinter "Breaking Bad" und Co-Showrunner von "Better Call Saul", mit seiner eigenen Bildsprache. Geschickt spielt er mit Licht und Schatten und ungewöhnlichen Kameraeinstellungen. Mal sieht man einen Wassertank in extremer Nahaufnahme, dann wieder die endlose Wüste New Mexicos unter strahlend blauem Himmel. Der ästhetiche Kosmos bleibt derselbe.

Gelungen ist wie beim großen Vorbild auch das Drehbuch. Erneut setzt Gilligan auf plötzliche Stimmungswechsel, auf das Wechselspiel von Drama und beißender Comedy, das schon "Breaking Bad" auszeichnete. Gleich zu Beginn der ersten Episode verharrt die Kamera mehrere Minuten in einem stillen Gerichtssaal. Eine Frau schlürft gelangweilt an ihrem Softdrink, der Richter wippt auf seinem quietschenden Stuhl hin und her. Jimmy probt währenddessen auf dem Herrenklo sein Plädoyer, anschließend lässt er seinen aberwitzigen Wortschwall auf die Jury los. Der Staatsanwalt wiederum muss nur das Beweisvideo vorspielen, auf dem die Teenies die Leiche schänden - und hat die Jury so auf seiner Seite. Es ist derselbe Mix aus schwarzem Humor und expliziter Gewalt, den man bereits aus "Breaking Bad" kennt.

Wieder nimmt sich Gilligan viel Zeit, seine Charaktere zu entwickeln, sodass der Zuschauer genüsslich dabei zusehen kann, wie sie immer weiter auf die schiefe Bahn geraten. Und natürlich gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten, dazu soll an dieser Stelle aber nicht allzu viel verraten werden.

Ein schweres Erbe

"Breaking Bad" hatte ein solch gelungenes Ende, dass es eigentlich keinen Grund gab, noch einmal in die hitzige Wüstenluft Albuquerques zurückzukehren. Doch Bob Odenkirk gelingt das Kunststück, seinen in der Haupt-Serie zum Abziehbild einer Comicfigur verkommenen Charakter mit so viel Ernsthaftigkeit zu spielen, dass er ihm ganz neue Facetten verleiht. Bislang gibt es nur die ersten beiden Episoden zu sehen, doch schon jetzt spürt man die kitzlige Spannung, die man an "Breaking Bad" liebte.

Ob die Serie über die ganze Laufzeit überzeugt, wird sich zeigen. Um ein Hit zu werden, muss sie mehr als nur gut sein, zu groß ist der Schatten des Vorgängers. Doch als leichtere, ironischere Spielart von "Breaking Bad" funktioniert "Better Call Saul" bereits.

"Better Call Saul" startet am 11. Februar auf Netflix

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