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"Der rätselhafte Papst": Wir sind schon ein Jahr Papst

Passend zu Ostern sendet der deutsch-französische Kulturkanal Arte eine Dokumentation über das neue katholische Oberhaupt. Die Wandlung von Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. wird zum intellektuellen Abenteuer.

Von "Gottes Rottweiler" bis "Wir sind Papst!" - ein Jahr nach der Wahl von Benedikt XVI. wirft der neue Mann auf dem Stuhl Petri noch immer Fragen auf. Ob als "Panzerkardinal" oder Liebling der Massen - mit dem ersten deutschen Papst seit der Reformation verbinden sich Hoffnungen, aber auch Zweifel. "Der rätselhafte Papst" heißt die Dokumentation des deutsch-französischen Kulturkanals Arte, die am Ostersamstag (15. April, 21.35 Uhr) den Weg von Kardinal Joseph Ratzinger als intellektuelles Abenteuer nachzeichnet.

Für den 52 Minuten langen Film haben Ludwig Ring-Eifel und Thomas Schröder Anhänger und Kritiker des Papstes, Wegbegleiter, Philosophen und Vatikanexperten befragt und an Originalschauplätzen gedreht. Rätselhaft ist vor allem der Wandel Ratzingers vom theologischen Hardliner zum medienwirksamen Pontifex, der zum Weltjugendtag in Köln eine Million Menschen in seinen Bann zieht. "Ich komme an seinen Charakter nicht ran", sagt Ring-Eifel. Mit der Kamera kommen die Autoren aber bis vor die Papst-Gemächer, ein Interview war wegen langer Antragswege in der kurzen Produktionszeit nicht möglich.

Ratzinger wirft Fragen auf

Aus dem jungen Theologen, der sich beim Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) noch für eine Öffnung der Kirche einsetzt, wird ein Kritiker der Befreiungstheologie und später der oberste Dogmenwächter bei der Vatikanischen Glaubenskongregation. Und als Ratzinger nach seiner Wahl im Kardinalskollegium vor den Petersdom tritt, lugt unter der weißen Papstsoutane das schwarze Gewand des Glaubenshüters, wie aus den Originalbildern sichtbar wird.

"Natürlich ist er ein Dogmatiker, aber was ist die Kirche denn anders als Dogma", fragt Alain Finkielkraut. Der französische Philosoph ist fasziniert vom Unzeitgemäßen des Papstes, "der Heilige Geist hat dem Zeitgeist widerstanden". Und das gefällt dem jüdischen Denker, der zu den anregendsten Interviewpartnern zählt. Es ist vor allem der rasche Wandel vom introvertieren Professor zum Liebling der Medien, der Fragen aufwirft. Mit seiner Wahl habe sich Ratzinger "reprogrammiert" - vom Behördenchef zum Papst, wie Peter Sloterdijk anmerkt. "Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand - und Charisma", sagt er.

"Für Erwartungen unzugänglich"

Eher unzufrieden äußern sich professionelle Papst-Beobachter. Mit dem Deutschen als Nachfolger des populären Johannes Paul II. sei die Arbeit schwerer geworden, bedauert Luigi Accattoli, Vatikan-Korrespondent des "Corriere della Sera". Und Pater Eberhard von Gemmingen, Leiter des deutschsprachigen Programms von Radio Vatikan, warnt davor, von Benedikt jene Auftritte zu erwarten, wie man sie vom Polen Karol Wojtyla kannte. "Für Erwartungen unzugänglich" sieht ihn gar Bundestagspräsident Norbert Lammert.

Der Papst "redet nicht viel, in Rom gehört zum Erfolg, dass man nicht zuviel plaudert", sagt der Mainzer Kardinal Karl Lehmann. Er verhalte sich wie ein guter deutscher Pfarrer: "Ein Jahr lang zusehen, zuhören und dann entscheiden", sagt der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz. Gedämpft sind die Hoffnungen beim einstigen Weggefährten Hans Küng. Der Theologe, der den Papst jüngst zu einem Versöhnungsgespräch traf, sei in "der alten Kirche" verhaftet. "Der Papst muss seelisch 2000 Jahre alt sein", kontert Sloterdijk, "immun gegen die Ströme der Zeit". Und Pater Eberhard von Gemmingen sekundiert: "Er muss mysteriös bleiben".

Esteban Engel/DPA / DPA