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"Die Alm", Folge 13: Promis im Bio-Unterricht

ProSieben macht in der dreizehnten Folge der "Alm" alles richtig: Im Mittelpunkt der Sendung steht eine kalbende Kuh. Der Biologie-Unterricht am lebenden Objekt stellt jedes Kandidaten-Getue in den Schatten - und macht Manni zum Rapper. Den Sieg haben trotzdem andere verdient.

Von Jannis Frech

Nummer 13 der "Alm" begann mit fünfzehn Minuten Verspätung, "Schlag den Star" sei dank. Die Diskrepanz zwischen sportlicher Duell-Spannung und trägem Kandidaten-Dasein hätte kaum krasser sein können. Doch ProSieben hatte für die vorvorletzte Ausgabe der Trash-TV-Serie ein Geheimrezept parat: Bio-Unterricht statt Promi-Pupsen. Und dafür war ausnahmsweise (oder: hoffentlich) nicht die Fleischeslust der Kameralinsen verantwortlich.

Tiere als historisch-dramaturgisches Mittel

Irgendwo in den kruden Gehirnwindungen des "Alm"-Erfinders spielte die fixe Idee eine Rolle, dass der Alltag im Freilichtmuseum vor laufenden Kameras doch eine tolle Möglichkeit sei, dem Zuschauer das entbehrungsreiche Leben des 19. Jahrhunderts vorzuführen. Immer mal wieder taucht dieses konzeptionelle Versatzstück deshalb in der Sendung auf. Natürlich nur als bloßes Mittel, um sensationsheischende Bilder zu produzieren. Ein Sinnbild dessen ist der verschrobenen Alm-Öhi, der nur auftauchen darf, wenn er den Zorn einzelner Insassen auf sich zieht oder besonders ekelige Aufgaben ankündigt.

Zur Almidylle jener Zeit gehörten nun aber unmissverständlich auch Tiere. Und man stelle sich nur mal vor, ProSieben müsste ohne sie auskommen. Kein Maus-Biss für Tessa, keine erotischen Melkszenen, keine Titelkuh! Von Ekel-Menüs und faden Muhproben mal ganz abgesehen. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann die Macher der "Alm" merken würden, wie überlegen die anwesenden Nutztiere den Kandidaten sind. Da traf es sich prima, dass eine Alm-Kuh hochgradig trächtig war. Ob die Arme von Anfang an mit dabei war oder schnell noch in den Stall strafversetzt wurde, sei dahingestellt - eine kalbende Kuh liefert einfach tolle Bilder.

"Da kommt et, oh Gott"

Und so mutierte die Sendung schnell zum idealen Lehrfilm für das Wunder des Lebens. Auf ganz niedrigem Niveau natürlich, schließlich befinden sich die zwangsläufig kommentierenden Kandidaten quasi auf Augenhöhe mit der Protagonistin. Obwohl - wer weiß schon genau, welch brillanten Gedanken in so einem Kuhkopf möglicherweise entwickelt werden.

Doch Genie hin oder her: Das Kälbchen musste zunächst einmal raus. Hilfsbereit versammelten sich also die Alm-Bewohner in der Scheune, schließlich passierte endlich mal was. Insbesondere Manni Ludolf bewies besonderes Talent als fürsorgliche Hebamme und ließ sich von der kalbenden Kuh sogar zu einem grandiosen Deutsch-Rap hinreißen, der Dendemann nun wirklich aussehen lässt, wie vom Vintage verweht: "Meine kleine Kuh, ich helfe dir im Nu. Kuhkuhkuh, Muhmuhmuh!" Rolf Scheider hingegen wohnte der Geburt so kindlich-naiv und gleichzeitig doch so grazil-mondän bei, wie nur er das zu verkörpern mag: "Da kommt et, oh Gott!" Man konnte geradezu hören, wie die Gedankenblase zerplatzte, in der ihm der Klapperstorch bis dato die Kinder gebracht hatte.

Aber es half ja alles nichts: Kalbsköpfchen raus, professionelle Hilfe vom Nachbar-Bauern, die Schlinge um die Vorderpfoten und immer schön die Kamera drauf. Ohne Rücksicht auf zartbesaitete Zuschauer gab es Geburts-Entertainment vom Feinsten - zum Glück überträgt ProSieben die Sendung nicht in HD-Qualität. "Man kann sich seine Geburtshelfer nicht aussuchen", witzelte Moderator Aminati. Mitleid mit dem verstört dreinblickenden Kälbchen hatte er offenbar trotzdem nicht. Und so durfte schließlich sogar Carsten Spengemann dem kleinen Alm-Bewohner auf die Beine helfen.

Rhetorische Figuren als Königsmacher

Apropos Spengemann: Der Vorteil der vorletzten Sendung vor dem Finale liegt für Zuschauer und Teilnehmer natürlich darin, dass es dem Ende zugeht. Und damit nähert sich auch die abschließende Frage unaufhaltsam: Wer wird denn nun Almkönig? Abgesehen davon, dass der Titel keinerlei Bedeutung hat und für 99 Prozent der Menschheit eher Schandmal denn Auszeichnung wäre, kann es eigentlich nur Zwei geben, die den Titel verdient hätten: Ihn - und die geheimnisvolle Sie.

Er, Spengemann, konnte bisher vor allem mit seinem gepflegten Äußeren und einem im Vergleich mit dem direkten Umfeld recht eindrucksvollen Sprachvermögen punkten. Außerdem vermittelt er mit seinem melancholischen Blick gelegentlich das Gefühl, als wüsste er ganz genau, was er seiner tadellosen Karriere und seinem astreinen Ansehen gerade antut. Und schließlich ist er sich auch für keine Tätigkeit zu schade, die zu seiner Rolle des einfühlsamen, frauenverstehenden Machos passt. Er ist damit ein wandelndes Paradoxon, erfahrungsgemäß macht ihn das für Wechselwähler äußerst attraktiv.

Doch Vorsicht! Der Geheimtipp lauert im Ungefähren: Kathy Kelly! Konnte man sie anderthalb Wochen lang durchaus mit einer aus Versehen ins Bild geratenen Haushaltshilfe verwechseln, dreht die Alt-Rockerin zunehmend auf. So zeigte sie beim Entleeren von Schweinedarm großes Talent und unbändige Einsatzfreude. Erst Langeweile und dann doch nur Kot - Kathy Kelly ist schlicht die Personifikation der ganzen Sendung.

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