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Tag 11, "Die Alm" Und am Ende war alles nur ein böser Traum ...


Switch! Nach dem elften Tag mit Kunze, "Checker" und Co. spinnt "Alm"-Rezensent Jens Wiesner Verschwörungstheorien. Wäre es nicht toll, würde Bernhard Hoëcker das Format im Finale als überlange "Dschungelcamp"-Parodie outen?
Von Jens Wiesner

In regelmäßigen Abständen ziehen sich die Verantwortlichen bei RTL II das Büßergewand über, blicken mit treuherzigen Augen in die Kameras der Journalisten und geloben Abkehr vom Trash-TV. Eine neue Qualitätsoffensive werde nun folgen, tönt es dann aus den Mündern der glattrasierten Männer in ihren schwarzen Anzügen, ein Qualitätsquantensprung ebenbürtig einem Goethe oder Schiller. Doch am Ende steht der arme Tor Fernsehzuschauer noch dümmer da als zuvor - und muss verdattert mit ansehen, wie sich Kevin Schmitz aus Wanne-Eickel den fünften Eimer Sangria auf Malle hinter die Binde kippt.

ProSieben ist da ehrlicher: Auf der "Alm" wird gar nicht erst versucht, Niveau, Spannung oder Schlagfertigkeit vorzugaukeln. Zumindest nicht mehr. Es scheint, als hätten die Verantwortlichen am dritten Tag nach Gina-Lisa vor der Langeweile in luftigen Höhen kapituliert, halten nur noch drauf und warten, was passiert. Frei nach dem Motto: Schlimmer wird's nimmer und bald isses ja geschafft. Oder wir irren uns alle gewaltig und werden momentan Zeuge eines groß angelegten TV-Bluffs: Was wäre, wenn der "Checker", Werner Lorant und Co. im Finale ihre Masken fallen ließen und sich als Bernhard Hoëcker und Konsorten entpuppten? "Die Alm" wäre plötzlich Kult - eine überlange "Dschungelcamp"-Parodie der "Switch"-Truppe.

Jeder Kletterpark ist gefährlicher

Für diese Theorie spricht so einiges, allen voran das neue Moderatoren-Duo in Lederhose und Dirndl: Janine Kunze und Daniel Aminati lesen ihre Sticheleien und hämischen Kommentare weiterhin dermaßen brav vom Moderationszettelchen ab, dass Dirk Bach und Sonja Zietlow vor Scham im gläsernen Kakerlakensarg rotieren würden. Die "Dschungelcamp"-Veteranen wissen, wie sie ihre Sätze gekonnt anbringen müssen, damit wir Zuschauer in die Echtheitsfalle tappen und uns mit den beiden auf der wonnigen Siegerseite der Lästerei wähnen. Ganz anders Kunze und Aminati: Das Duo zelebriert die Künstlichkeit seiner Moderation mit einer derartigen Chuzpe, dass kein Mensch - nicht einmal der geneigte RTL-II-Zuschauer - auf die Idee käme, es hier mit echter Häme oder gar Selbstironie zu tun zu haben.

Das Prinzip der "Muh-Probe" lässt uns ähnlich zweifelnd zurück: Warten beim großen Bruder im Dschungel zumindest dem Anschein nach Tests, die ein gewisses Maß an Überwindung kosten, erinnern die Alm-Aufgaben eher an längst vergangene Kindergeburtstage. Lustiges Quietscheentchen-Ertasten, Rodeoreiten, Schneckenessen. Diesmal hatte es einmal mehr den "Checker" getroffen: Der selbsternannte Prolet musste sich zum McGyver-Soundtrack an einer Bergwand abseilen und Gartenzwerge retten. Hand aufs Herz: Jeder Kletterpark ist gefährlicher. Und Herr Karaoglan schien das auch zu wissen, so euphorisch gelaunt machte er sich an den Abstieg. Als Belohnung gab's dann auch passenderweise eine Runde Süßigkeiten für den ganzen Trupp. Süß.

Unterbüx-Wechsel unter der Bettdecke

Auch das Eigenleben der Videokameras nimmt langsam parodistische Züge an. Gierig lechzen die künstlichen Augenverlängerungen der Kameramänner nach jedem Fitzelchen nackten Fleisches, das die Almbewohner freiwillig oder unfreiwillig entblößen. Doch der einzige Nackedeialarm in Folge 11 blieb der halbnackte Arsch von Rolf, auf den wir auch gut hätten verzichten können. Weder Carsten "Ich bin nicht so der zeigefreudige Typ" Spengemann noch dessen 86-Tage-Ehefrau und Neuzugang Anna Heesch wollten blankziehen und fummelten lieber unter der Bettdecke die frische Unterbüxe über ihre Schenkel. Gina-Lisas Abgang hat offenbar doch ein größeres Loch in die Alm-WG gerissen, als wir dachten - zumindest, was die Möglichkeit zur Fleischbeschau angeht.

Apropos Beschau: Was ist eigentlich mit Kathy Kelly? Keine Ahnung, was die 48-jährige Sängerin den ganzen Tag auf der Alm so veranstaltet, aber es muss entweder so belanglos oder so sinnvoll sein, dass nicht einmal die Cutter von ProSieben daraus noch eine fünf Minuten-Erzählung á la "Mannis musikalische Top 5" oder "Richtiges Deutsch mit Carsten Spengemann" schnippeln können. Heimlich, still und leise scheint sie auf diese Weise zu schaffen, wovon so mancher Almbewohner träumen dürfte: das Schmerzensgeld für die Teilnahme abzustauben und trotzdem mit der maximal möglichen Restwürde das Feld zu räumen.


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