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Tag 10, "Die Alm" Die Alm, Karl Marx und viel zu viel Absinth


Schwedenbrüste aus Gips, Mädels, die den Holzboden feudeln, ein Glas Milch auf Ex - es kann verwirrend sein, "Die Alm" zu schauen. stern.de-Politikredakteurin Manuela Pfohl hat es gewagt. Ihr Fazit: "Hätte nie gedacht, dass ProSieben so subversiv ist."

Der Anfang ist doch gar nicht schlecht: Ein etwas heruntergekommener Berghof ist zu sehen, frisches grünes Gras, bunte Sommerblumen, hohe Gipfel im Sonnenlicht. Eine Stimme aus dem Off sagt, man müsse sich jetzt mal eine Alm vorstellen und den Sittenverfall im 19. Jahrhundert. Warum nicht, ein alter Stoff in neuer unkonventioneller Adaption, denke ich, hole die Absinthflasche, die ich für besondere Anlässe an einem dunklen Ort aufbewahre, fülle mir ein Glas, das silberne Zuckerlöffelchen klingt hell am Kristall, ich zünde den Schnaps an, und als ein etwas affig wirkender Mensch mit Lederhosen erklärt, es müsse eine frische Frau her, nehme ich den ersten Schluck. Es ist 22.15 Uhr. Tag 10 auf der Alm. Behauptet zumindest der Lederhosenmensch, und wie es scheint, weiß er Bescheid, denn er tritt später noch öfter auf und erklärt in regelmäßigen Abständen die Geschichte, für die, die sie nicht verstanden haben. An seiner Seite ist eine ältere Dame, die ein Dirndl trägt, offenbar nachts an ihren roten Fingernägeln kaut und meistens sagt: "Hoho, da ist was los." Und dann beginnt das lustige Treiben.

Geheimnisvolle Botschaften auf dem Bildschirm

Ein Milchbart im feschen Janker verkündet: "Die Frauen gehen jetzt in die Küche und wir Männer gehen fischen." Herrlich, darauf muss man erstmal kommen! Ein Satz und schon sehe ich das 19. Jahrhundert vor mir. Guter Regisseur! Ich nehme noch einen Schluck Absinth. Und als ich über das Glas blinzle, sehe ich eine Einblendung: "sms mit Alm 5". Hmm! Während ich noch über diese geheimnisvolle Botschaft nachdenke, tritt einer auf mit einem grobschlächtigen roten Gesicht. Er fährt sich fahrig übers karierte Hemd und meint, er fühle sich "komisch". Plötzlich ist laut eines dieser ätzenden Pippi-Langstrumpf-Lieder zu hören, zwei Mädels schütten Wasser in der Almhüttenküche über die morschen Holzdielen, schlittern wie die Irrwische hin und her. Wille wille witt, wie´s mir gefällt. Es ist 22.30 Uhr und mir wird auch komisch.

Die Schwedin zieht blank

Dann ist das Erklärerpaar wieder da, um zu erklären, worum es geht. Nämlich um eine Aufgabe, die erfüllt werden muss. Eine Schwedin, die auch auf der Alm ist, soll Gipsabdrücke von ihrem Busen machen. Das, so sagt der Erklärer, hat sich Werner gewünscht. Und tatsächlich, taucht er in der nächsten Szene auf. Ein unrasierter, etwas schlampiger Typ, der behauptet, er sei der Chef. Die Schwedin nimmt ihm das ab und zieht deshalb brav ihren Busen blank. Dazu gibt es wieder ein Lied: "Ich bin nackich, na und, so hat mich meine Mutter gemacht." Mein Glas ist leer. Ich schütte nach, mache Feuer, der Zucker tropft in den dunkelgrünen 66-Prozentigen. 19. Jahrhundert, pralles Leben, die Unschuld vom Lande und ein schmieriger Verführer. Ist das jetzt die Anspielung auf die Moderne, die mit der beginnenden industriellen Revolution die Tradition auffrisst? Könnte sein, aber was sollen dann die Schwarz-Weiß-Einblendungen, die fünf Minuten später über den Bildschirm flimmern und Männer zeigen, die sich beim Schlafen am Hintern kratzen? Und warum werden plötzlich Anekdoten erzählt, wer, wann, wo versetzte Winde hatte? Die Erklärerin mit ihrem vermutlich falschen langen blonden Haar taucht auf. Sie sagt, man kann 3000 Euro gewinnen. Aber ich weiß nicht genau, wofür. Es ist 22.35 Uhr.

Bourgeoisie, Bürgertum und Bilder der neuen Zeit

Nach einer knappen halben Stunde "Alm" wird schließlich ein Promi angekündigt. Irgendeine Ex von weiß-der-Geier-wem. Der Grobschlächtige sagt, die hat einen Bollerwagen, die kommt hier nicht rein, und im nächsten Augenblick fallen sich alle küssend in die Arme. Der Absinth macht die Gedanken frei. Ich sehe Bilder der neuen Zeit vor mir. Der Widerstand der Bourgeoisie und des Bürgertums (verkörpert vom Grobschlächtigen) gegen die Ideen der französischen Revolution und ihrer deutschen Schwester (die Neue) ist gebrochen. Ein Gespenst geht um in Europa. Großartig - und dann wieder der Bruch: Die Neue putzt und der Erklärer sagt, dass die anderen über sie lästern. Es geht, wenn ich das richtig verstanden hab, um einen geklauten Ring und darum, dass einer eine Hamburgerin haut. Es ist 22.50 Uhr, ich nehme noch einen Absinth. Der Löffel ist weg und das Glas steht nicht still. Wo hab ich denn den Zucker? Mit einem Ohr höre ich noch wie die Schwedin sagt: "Ich verliere selten die Contenance." Dann feixen alle, die Neue muss Wäsche waschen und ich wundere mich. Ich sehe einen Alm-Öhi, der eine Mistgabel hält, auf der ein roter Stiletto steckt. Werbung? Ein derbes Jodeln füllt meine gute Stube, mischt sich mit sphärischen Klängen und dann ist mir, als ob ich Schießpulver rieche. Völker hört die Signale! Es ist 23.05 Uhr, und die Erklärerin sagt: "Schön, dass Sie wieder da sind."

Kaba statt Klassenbewusstsein

Aber ich bin mir da nicht sicher. Ich sehe nämlich nur ein Mädel in Gummistiefeln, das Hühner fangen will. Keine Ahnung wozu. Auch die anderen wissen es nicht und gehen deshalb in die Scheune zum Erklärer. Der hat Milch mitgebracht und ein kleiner Wirrkopf mit grauer Strickjacke, den sie Manni nennen, soll das Glas in 60 Sekunden austrinken. Als Mutprobe. Die Frauen kreischen und dann liegen auf einmal sechs Schlüssel auf einem Stamm und die, die vorhin die Hühner gejagt hat, soll eine Kommode mit verschlossenen Schubfächern aufschließen. Sie schafft das auch bei einer und dreht durch: "Das ist ja Kakao", jubelt sie. Da ist es wieder! Genial! Statt sich über den Sieg der Revolution zu freuen und sie zu verteidigen, fängt der freie Bürger auf der Stelle an, dem Konsum zu verfallen. Kaba statt Klassenbewusstsein. Der Bogen zur aktuellen Lage der Nation ist gespannt. So viel Kritik an den herrschenden Verhältnissen hätte ich ProSieben gar nicht zugetraut. Wahnsinn!

Ein Rülpser von Marx

Ich setze die Brille auf, nehme meine Absinthflasche und als ich lese, dass sich schon Van Gogh und Baudelaire um 1900 von der bewusstseinserweiternden Wirkung des Absinths inspirieren ließen, trinke ich noch ein Schlückchen. Ich brauche dafür keinen dekadenten silbernen Zuckerlöffel und auch kein albernes Gläschen. Und deshalb nehme ich ehrlich und direkt die Flasche.

Im Fernseher tritt derweil der Erklärer zum Finale ins Licht. Er raunt: "Ich komm gleich runter, du kleine Milchschnitte." Wieder so eine Chiffre, die ich nicht entschlüsseln kann. 60 Minuten sind um. "Die Alm" ist vorbei, mir brummt der Schädel und während ich die Fernbedienung suche, um abzuschalten, rülpst der alte Marx auf meinem Sofa. Er ist gut aufgelegt und will mich mit dem Absinth in der Hand in ein Gespräch verwickeln. Irgendwas mit: "Das Bewusstsein bestimmt das Sein", oder umgekehrt.

Von Manuela Pfohl

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