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TV-Tipp 11.12.: "Die Dinge des Lebens": Romy Schneider - ihre "Sissi" war nur Fingerübung

Der Erfolg von "Sissi" ließ die junge Romy Schneider aus Deutschland flüchten. Was für ein Glück! Erst in Frankreich blühte das Talent der Schauspielerin richtig auf. Beweis? Unser TV-Tipp des Tages.

Morgenroutine: Eigentlich läuft zwischen Hélène (Romy Schneider) und Pierre (Michel Piccoli) alles bestens. Doch wir Zuschauer wissen von den Schatten am Horizont.

Morgenroutine: Eigentlich läuft zwischen Hélène (Romy Schneider) und Pierre (Michel Piccoli) alles bestens. Doch wir Zuschauer wissen von den Schatten am Horizont.

"Du liebst mich, weil ich da bin. Aber wenn du auch nur über die Straße müsstest, um zu mir zu kommen, wär' dir das zuviel. Du bist nur noch bequem." Hélène (Romy Schneider) zu ihrem Freund Pierre

"Die Dinge des Lebens"
22.25 Uhr, 3Sat

DRAMA Ein Ratschlag gleich zu Beginn. Falls Sie diesen Film noch nicht gesehen haben (und Sie sollten ihn sehen!), dann lassen Sie bloß die Finger von jeglicher Fernsehzeitschrift und stöbern auf keinen Fall auf Wikipedia herum. Leider scheint man in vielen Redaktionen zu glauben, nur weil ein Film bereits einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat, könnte man gleich die gesamte Handlung bis hin zum letzten Plot-Twist verraten.

Dabei spoilert der Film sein wichtigstes Ereignis sowieso schon selbst - und das mit Absicht. Es hat einen Unfall gegeben. Ein Wagen, ein sportlicher Alfa Romeo, steht in Flammen. Schaulustige haben sich um den Unglücksort versammelt. Endlich erscheint auch die Polizei. Es sieht nicht gut aus. Und dann spult Regisseur Claude Sautet zurück. In kurzen, stakkatohaften Szenen sehen wir, wie sich der zerstörte Wagen wie von Geisterhand repariert. Wie er Purzelbäume zurück auf die Straße schlägt. Zum ersten Mal blicken wir in das Gesicht des Unglückfahrers. Ein Mann um die 40. Angegraut, buschige Augenbrauen. Blanke Panik steht in seinen Augen. Der Wagen beschleunigt. Rückwärts geht es durch die Zeit. Aus Tag wird Nacht. Überblende. Derselbe Romeo parkt, nun wieder (noch immer?) in voller Pracht vor einem mehrstöckigen Wohnhaus. Die Kamera zoomt in ein Apartment, blickt durch die verschlossenen Vorhänge - und mitten auf Romy Schneider, die splitternackt, den Po in die Kamera gereckt, neben dem Unglücksfahrer im Bett liegt.

Der Mann heißt Pierre Bérard, erfahren wir bald, ist Architekt und Romy Schneider, nein, Hélène, seine Freundin. Eigentlich sind sie glücklich, wollen für einige Jahre nach Tunis auswandern, aber Pierre zweifelt daran, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Die Reise würde ihn von seinem Sohn trennen und von seiner Frau Catherine, mit der er noch immer - ja! - ernsthaft befreundet ist. Schneider spielt gut, aber getragen wird der Film von Michel Piccoli, der ein Alphamännchen porträtiert, das, sobald es die Gefühlwelt angeht, völlig sprachlos dasteht. Einen Mann, der seine Verletzlichkeit nur zeigen kann, wenn er alleine ist und in Gefahr läuft, einen fatalen Fehler zu begehen.

Das Zuschauen tut weh, gerade weil wir Zuschauer die Zukunft kennen und schon zu wissen glauben, wie der Film enden wird. Doch so einfach macht es uns Sautet nicht. Ich zumindest saß die letzte halbe Stunde fingernägelkauend vor dem Fernseher.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor beim stern


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Zeiten des Aufruhrs"
23.45 Uhr, SWR/SR


DRAMA Connecticut, 1955. Ohne es zu merken, sind Frank (Leonardo DiCaprio) und April (Kate Winslet) der Banalität des Alltags erlegen. Dabei haben sie nur getan, was Menschen so tun: gesucht und geflirtet, gefunden und geplant. Zwei Kinder und ein Haus später macht sich die große Leere breit. In Erinnerung an die Leidenschaft ihrer Jugend planen die beiden etwas ganz Verrücktes: einen Umzug nach Paris, in die Stadt der Liebe. Als die spießige Nachbarin entsetzt reagiert, fühlen sich Frank und April so einig wie nie. Dann beginnt Franks Mut zu bröckeln… Elf Jahre nach "Titanic" muss man schlucken statt heulen. Sam Mendes schuf ein großes Drama mit bitterem Nachgeschmack. (bis 1.35)

"Au revoir, Taipeh"
23.15 Uhr, WDR


KOMÖDIE Um seiner Freundin nach Paris folgen zu können, verdingt sich der taiwanesische Teenager Kai als Kurier für einen Ganoven. Schon das erste Päckchen bringt ihm bösen Ärger ein. – Knallbunte Nouvelle-Vague-Hommage, in der Gauner Orange tragen und Flirttipps geben. (bis 0.35)

"Where’s the Beer and When Do We Get Paid?"
21.30 Uhr, ZDF Kultur


PORTRÄT Jimmy Carl Black spielte Schlagzeug in Frank Zappas Band Mothers of Invention. Die Liebe verschlug ihn nach Bayern. Ein berührendes Porträt. Black starb drei Monate nach dem Dreh. (bis 22.55)