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"Die Rockies": Von den blauen Bergen kommen wir

In der dreiteiligen Reportage "Die Rockies" erzählen Fritz Pleitgen, Gerd Ruge und Klaus Bednarz von Goldsuchern, Schlittenhundführern und alternden Cowboys - ideales Ausruhfernsehen mit fantastischen Naturaufnahmen.

Von Peer Schader

Der Wilde Westen ist auch nicht mehr das, was er früher einmal war. Cowboys spannen ihre Pferde in überdimensionale Schraubstöcke ein und drehen sie damit auf die Seite, um sie leichter beschlagen zu können. Am Klondike, wo Ende des 19. Jahrhunderts zig tausend Glücksritter um die Wette siebten, suchen heute nur noch ein paar Idealisten mit dem Schaufelbagger nach Gold. Und die Indianer heißen Adolf Hungry Wolf und kommen ursprünglich aus Deutschland. Kein Witz.

Nimmt man all die seltsamen Momente zusammen, mit denen die ARD in ihrer Dokureihe "Die Rockies" einem ab heute das Bild kaputt macht, das man sich zuvor in unzähligen Westernfilmen mühsam zusammenidealisiert hat, müsste man eigentlich dazu raten, den Fernseher am Abend aus zu lassen.

Meterhoher Schnee und kauzige Rancher

Aber wir wollen mal nicht so sein: Für die besinnlichen Tage zwischen Weihnachten und dem Beginn des neuen Jahres hat die ARD-Seniorenriege aus Fritz Pleitgen (lange Jahre Intendant des WDR) sowie Gerd Ruge und Klaus Bednarz (beides Reporterlegenden) eine Tour entlang der Rocky Mountains unternommen und ein paar fantastische Bilder mitgebracht, die nun in drei sehr unterschiedlichen Teilen zu bestaunen sind. Ideales Entspannungsfernsehen für die Ruhe nach den hektischen Vorweihnachtstagen.

Vielleicht ist Pleitgens Reiseabschnitt, den die ARD als zweiten Teil zeigt, der ausgewogenste. Der 68-Jährige war im Südwesten Kanadas unterwegs, wo im Winter meterhoch der Schnee liegt, eigensinnige Rancher bei Eiseskälte ihre Herde zusammentreiben und kauzige Imbissbudenbesitzer hinter der Theke vergeblich auf Gäste warten, obwohl sie wissen, dass sich so hoch in den Norden kaum noch eine Seele verirrt. Mal abgesehen vom hungrigen Kamerateam des WDR.

Weil Pleitgen im Sommer für die Fortsetzung seiner Tour zurückgekehrt ist, folgen auf die Bilder schneebedeckter Bergspitzen und Landstraßen auch solche von sonnenbeschienenen Hügeln und weiten Prärien im Yellowstone Nationalpark, bei denen man manchmal den Eindruck hat, sie müssten nachkoloriert sein - so satt glänzt das Blau des Himmels und das Grün der Wälder am Bildschirm.

Reporter-Rafting mit Schwimmweste

Einmal macht sich der Reporter auf die Suche nach Grizzlys und wird prompt fündig. Pleitgen erspäht durchs Fernrohr einen Bären, der Bär späht zurück - und macht sich eiligst davon. Offenbar hat es sich herum gesprochen: Mit einem Intendanten legt man sich besser nicht an.

Dennoch ist "Die Rockies" nicht nur Naturreportage, sondern auch Gesellschaftsdoku. Im Mittelpunkt stehen die Menschen, die Pleitgen, Ruge und Bednarz unabhängig voneinander getroffen haben: der Mann, der mit Hemingway Enten jagen war; der Rancher, der sein Land nicht von Großkonzernen aufkaufen lassen will; der Trapper, der bis zu 50 Kilometer fährt, um seine ausgelegten Fallen zu kontrollieren. Immer wieder trifft man dabei auf Menschen mit deutschen Wurzeln.

Gerd Ruge, ehemals ARD-Korrespondent in Moskau, hat den flottesten der drei Teile gedreht. Er beginnt actionreich auf dem Colorado-River, wo der immerhin schon 78-jährige Reporter mit knallroter Schwimmweste und Paddel in der Hand beim Rafting gehörig ins Schwitzen kommt, saust dann durch den Landkreis, in dem es sieben Staats- und vier Bundesgefängnisse gibt und die Gefangenen Wildpferde für reiche Käufer einreiten, bis nach Colorado Springs, einer der konservativsten Städte Amerikas mit über 400 Kirchenzentren, die allesamt aussehen als hätte der Wal-Mart-Architekt sie erbaut.

Jedes. Wort. wird. einzeln. betont.

Der Kontrast zum Erlebnisbericht des ehemaligen "Monitor"-Chefs Klaus Bednarz könnte kaum größer sein. Der startet hoch im Norden der Rocky Mountains, trifft Schlittenhunde-Trainer und besucht bei 40 Grad unter Null Geisterstädte, in denen zu Goldrauschzeiten die Hölle los gewesen sein muss, und die jetzt aussehen wie alberne Filmkulissen.

Dass dieser Auftakt der Reihe, die am Mittwochabend zu sehen ist, der schwächste ist, liegt daran, dass man sich erst einmal daran gewöhnen muss, die Reise von Bednarz in dessen abgehacktem Politreportage-Jargon erzählt zu bekommen, bei dem scheinbar jedes Wort einzeln betont werden muss - das stört doch sehr.

Dazu flötet es im Hintergrund ein bisschen zu idyllisch, manchmal setzt auch die Mundharmonika ein, und an der einen oder anderen Stelle fragt man sich, wie ernst es der 64-Jährige mit seiner Tour überhaupt meint. An der nördlichsten Tankstelle des Landes, einem Ölfasslager mitten im Eis, macht er seinen ersten Stopp und spricht mit einem Inuit, der nachdenklich über die Gefährdung der Natur erzählt: "Der Treibhauseffekt ist das Schlimmste." Dann steigen die beiden in ihren Hubschrauber, blasen ordentlich Treibstoff raus und düsen Richtung Süden.

Das "Rückgrat der Erde"

Es gibt viele unvergessliche Momente in diesen insgesamt 135 Minuten, die es sich in jedem Fall anzusehen lohnt - friedlicher kann man das alte Jahr im Fernsehen nicht ausklingen lassen und das neue beginnen.

Nur die Rocky Mountains als Namensgeber der Reportage kommen zu kurz. Nachher weiß man, dass die Indianer die Gebirgskette als "Rückgrat der Erde" kennen, und dass man sich erzählt: Alles, was vom Traum der Siedler übrig geblieben ist, versteckt sich noch heute in den Rockies. Aber ein bisschen mehr Bergkunde hätte es ruhig sein können.