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Der Islam bei "Hart aber fair": "Da muss der gemeine Terrorist viel aufholen"

Wenn Talkshows von kontroversen Debatten leben, hat Frank Plasberg alles richtig gemacht. Vor allem, weil er die richtigen Kontrahenten einlud. Das Thema: der Islam und Deutschland.

Von Robert Bachofer

Passen der Islam und Deutschland zusammen? Gehören Sie gar zueinander, wie der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff meinte? Schon die Fragestellung ist kontrovers - und Birgit Kelle, Katholikin und Journalistin, legte bei "Hart aber fair" sofort nach. In Deutschland drohten Anschläge, sagte Kelle, die muslimischen Gemeinden engagierten sich nicht ausreichend gegen Radikale. Der Islam müsse sich hierzulande dem Grundgesetz "unterwerfen" - wobei Frank Plasberg sogleich nachfragte, ob "unterwerfen" die richtige Wortwahl sei. Kelle bejahte dies. Sie gehört nicht zur Fraktion der Brückenbauer, eher zu den Zündlern einer Debatte, wie sie schon bei Maischberger in einer Runde über Homosexualität bewiesen hatte. Genau deswegen scheint Plasberg Kelle eingeladen zu haben: Er brauchte eine unverblümte Stimme aus dem konservativen Lager.

Solche Besetzungstricks schadeten der Debatte jedoch nicht. Im Gegenteil: Sie war munter und kontrovers bis zu letzten Sekunde. Und das, obwohl wir dieses Thema, der Islam und Deutschland, schon dutzende Male gehört haben.

Wahrnehmungsfehler oder Tatsache?

Wie emotional das Publikum auf das Thema reagiert, zeigte das Internet-Gästebuch der "Hart aber fair"-Redaktion. Einige wenige schrieben Versöhnliches, zum Beispiel, dass der Islam Deutschland bereichere. Eine große Mehrheit kübelte vielmehr ihre vorurteilsgeladene Ablehnung aus. Eine eher noch harmlose Variante lautete, dass der Islam nicht demokratisch sei. Eine üble, ihn als "Krebsgeschwür" zu bezeichnen. Plasberg hinterlegte dieses Stimmungsbild mit zwei Umfragen, die zeigen, wie aufgewühlt die Deutschen sind: Ja, die Mehrheit macht sich Sorgen über den Islam und, ja, die Mehrheit denkt, die Muslime in Deutschland sollten sich mehr von den Radikalen distanzieren.

Letzteres thematisierte auch ein ansonsten eher diplomatischer Gast der Talkshow, der Ex-Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Wolfgang Huber. Sein Tenor: Der Islam müsse aufgeklärter, "europäischer" werden. Man kann diese Kritik natürlich auch für einen Wahrnehmungsfehler halten und die Schuld den Medien zuweisen, die die Muslime falsch darstellten. Diese Argumentation bemühte Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Und er hat damit zumindest partiell recht, wie ein Einspielfilm Plasbergs zeigte. Der Protest deutscher Muslime gegen den IS-Terror wird medial nicht hinreichend abgespiegelt. Andernfalls würden sie sich nicht ständig dazu aufgefordert sehen, ihre radikalisierten Glaubensbrüder zu rechtfertigen.

Burkaverbot wieder auf der Agenda

Hut ab vor Lisa Fitz. Mit ihr saß eine Religionskritikerin in der Sendung, die nach allen Seiten austeilte. Mit Abscheu schilderte sie die blutige Geschichte des Christentums, von den Kreuzzügen bis zur Hexenverbrennung, und kommentierte: "Da muss der gemeine Terrorist viel aufholen." Andererseits konnte sie auch leidenschaftlich und hart gegen das Frauenbild im Koran agitieren. Fitz forderte ein Verschleierungsverbot - womit sich nicht einmal Huber anfreunden konnte und natürlich auch nicht Özlem Nas, Vorstandsmittglied im Rat der Islamischen Gemeinschaften in Hamburg. Diese hatte die "Wir-gegen-Ihr"-Rhetorik gründlich satt und hätte die Debatte gerne weniger kontrovers geführt, aber da war Birgit Kelle ja anderer Meinung, womit wir wieder beim Anfang wären.

Tatsächlich kauen die Medien diese Debatte genüsslich alle paar Monate wieder durch. Es war klar, dass es auch bei Plasberg darum gehen würde, ob sich die Muslime in Deutschland hinreichend vom salafistischen Terror abgrenzen. Ebenso absehbar, dass die Lage der Frauen in Saudi-Arabien als Beleg für die vermeintliche Rückständigkeit des Islam insgesamt würde herhalten müssen. Dass auch ein Verbot von Kopftüchern und Burkas debattiert werden würde, war klar. Also: nichts Neues bei "Hart aber fair"? Nein, nichts Neues. Aber die Vehemenz der Debatte zeigte, dass wir selbst mit den vielbeackerten Aspekten noch nicht durch sind.