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Serie mit Omar Sy "Lupin" auf Netflix: Er ist ein genialer Betrüger mit Anstand – bis seine Gefühle ins Spiel kommen

Lupin – Neue Netflix Serie im Trailer
Sehen Sie im Video: Diamantenraum und Rache – "Lupin" im actiongeladenen Trailer.
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An dieser kleinen Serie ist alles ungewöhnlich. Wohl gerade deshalb zieht die Geschichte um einen anständigen Betrüger auf der Suche nach Gerechtigkeit die Zuschauer so in ihren Bann.

Vielleicht ist ein heimlicher Bonus der französischen Netflix-Serie "Lupin" das große Fernweh, das nach Wochen des Lockdowns inzwischen viele Menschen überkommen hat. Denn auf dem Bildschirm kann man hier, ganz ohne Corona-Gefahr, Omar Sy durch die Straßen von Paris folgen und bekommt die französische Metropole von interessanten, neuen Seiten zu sehen.

Sy spielt einen Mann mit vielen Namen – sein echter lautet vermutlich Assane Diop. Assane kam als Halbwaise aus dem Senegal nach Frankreich, als er etwa 14 war. Sein Vater hatte einen Job als Chauffeur und Helfer-für-alles bei einer reichen Pariser Familie ergattert. Die jedoch schob dem grundehrlichen Mann wenig später den Diebstahl eines unbezahlbaren Colliers in die Schuhe. Im Gefängnis begeht Assanes Vater aus Verzweiflung Suizid. Der Junge steht plötzlich ganz allein da.

Rache oder Gerechtigkeit?

Das ist die Ausgangssituation der sehr charmanten und hochspannenden neuen Netflix-Serie "Lupin". Die bisher nur fünf Folgen umfassende Show traut sich angenehm viele Dinge: Sie erlaubt etwa Assane eine merkwürdige, etwas anachronistisch wirkende Besessenheit mit dem fiktionalen "Gentleman-Gangster" Arséne Lupin, den der Autor Maurice Leblanc 1905 erfand und von dem es rund 20 Romane gibt. Lupin taucht nicht nur im Titel der Serie auf, sondern dient auch als Grundlage für diverse falsche Namen, unter denen Assane auftritt – und für verschiedene spektakuläre Tricks, mit denen er seine Gegner übers Ohr haut.

Und worum geht's? Grob gesagt: Assane sucht Gerechtigkeit für das, was mit seinem Vater passiert ist. Dabei entdeckt er immer mehr Widersprüche, überraschende Fakten und Abgründe rund um die illustre Familie, bei der er damals arbeitete. Auf seinem Rachefeldzug nutzt er verschiedene Tricks und Identitäten, um an Beweise oder Informationen zu kommen. Seine cleveren Coups sind dabei stets befriedigend überraschend. Wie das Spiel läuft – das von Assane und das der Serienmacher – glaubt der Zuschauer bereits am Ende der ersten Folge verstanden zu haben. Doch mit dem Fortschreiten der Handlung kommen den genialen, bis ins kleinste Details durchdachten Plänen des Protagonisten zunehmend die Emotionen in die Quere. Und plötzlich weiß man nicht mehr, was jetzt ein grandioser Trick und was ein katastrophaler Fehler ist...

Die Hauptfigur bleibt rätselhaft

"Lupin" lässt dabei schamlos viele drängende Fragen offen. Wieso wählt Assane nach dem Abschluss einer elitären Schule ausgerechnet eine Karriere als Trickbetrüger? Wie vermögend ist er? Warum hinterlässt er nie irgendwo DNA oder Fingerabdrücke? Manche dieser Fragen werden (vielleicht? hoffentlich?) noch von den Drehbuchautoren beantwortet werden, manche bleiben offen und tragen so zum Mysterium um die Figur Assane bei, andere muss man vielleicht einfach mit einem entschlossenen Schulterzucken ignorieren und die Show einfach weitergenießen.

Genießen lässt sich dabei vor allem die Tatsache, wie raffiniert die Hauptfigur sich ihre Identität als schwarzer Mann mit Migrationshintergrund zunutze macht. Assane schlüpft in Rollen, in denen er so für den Durchschnittsfranzosen praktisch unsichtbar wird – ein weiterer afrikanischer Zuwanderer in einem schlecht bezahlten Hilfsjob. Sehen doch eh alle gleich aus, oder? Später unterstützt ihn dann eine Journalistin, die auf andere Art als Außenseiterin lebt: Alleinstehend, Ü50, nicht normschön, ehrgeizig und unbequem. Sie ist, abgesehen von seinem besten Freund, die erste Figur in der Serie, die sowohl Assanes wahre Identität als auch sein Dasein als Trickster mit vielen Gesichtern kennenlernen darf.

Fieser Cliffhanger zum Schluss

Die Show beginnt mit Assane auf dem Höhepunkt seiner Mission als "Gentleman-Gangster" und endet nach fünf Folgen mit einem fiesen Tiefpunkt, als plötzlich alles schiefzugehen scheint. Es ist extrem gnadenlos, die Zuschauer vor dem Beginn der hoffentlich sehr bald erscheinenden zweiten Staffel mit einem solchen Mehrfach-Cliffhanger zurückzulassen. Die gute Nachricht: Die nächsten fünf Folgen sind bereits gedreht. Das Warten auf die Fortsetzung dauert also hoffentlich nicht zu lange.

"Lupin" ist die erste Netflix-Serie aus Frankreich und dürfte eine Art Testballon sein. Der hat jedenfalls einen höchst erfolgreichen Jungfernflug hingelegt.

"Lupin" ist bei Netflix im Stream zu sehen.


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