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"Maybrit Illner": Der Schwarzwälder Patient

Deutschlands Talkshows brennen aus. Burnout ist schwer gefragt derzeit in den Plauderrunden, und Sven Hannawald ist dabei Stammgast. Bei Maybrit Illner präsentierte sich der Adler a.D. mal wieder "mental zwei Stufen höher".

Von Mark Stöhr

Sven Hannawald ist jetzt wieder "voll in meinem Film drinnen”" Er fährt jetzt Rennautos. Weil er nicht Zweiter sein kann, weil er den Kick braucht, weil er halt irgendwie ein geiler Typ ist. Heute noch geiler als früher auf dem Berg Isel, denn: "Ich bin mental zwei Stufen höher." Skispringer sind die Könige der Lüfte, am Boden jedoch schwerfällig wie Sattelrobben. In keiner anderen Sportart wird so ausgiebig und ausgesucht langweilig über Kopfangelegenheiten gesprochen. Das mag auch an dem brutal einschläfernden Schwarzwälder Singsang liegen, den einer wie Hannawald bis heute pflegt. Der Ex-Bundesadler hat schon zu seiner aktiven Zeit so manchen Gesprächspartner ins Wachkomma geredet. Das ist durch seinen Burnout nicht gerade besser geworden.

Seit dem Rücktritt von Ralf Rangnick kommt Hannawald kaum mehr zum Rennautofahren. Fast jede Zeitschrift, jede Talkshow, die das Erschöpfungssyndrom zum Thema hat – und das sind momentan viele –, bucht den 36-Jährigen. Er besetzt die Rolle des Patienten, der es geschafft hat. Auch bei Maybrit Illner durfte er eingangs seine Leidensgeschichte mit Happy End noch einmal erzählen. Die Geschichte ist gut, nur: Man hat sie halt schon tausendmal gehört.

Ähnlich wie die von Robert Enke. Für den vor zwei Jahren verstorbenen Torhüter war Jörg Neblung gekommen, sein langjähriger Berater. Neblung, auch ein gerne geladener Gast auf dem Gebiet, spricht inzwischen wie ein Diplom-Psychologe. Als er den Begriff der "präsuizidalen Einengung" aufbrachte, poppten ringsum die Fragezeichen auf. So, die Erklärung Neblungs, bezeichne man den Zustand eines Depressiven, in dem er nur noch an die Gleise und nicht mehr an den Lokführer denkt. Auweia. Schlagartig machte sich der Herbst im Studio breit, eine ganz und gar unbehagliche Stimmung aus krächzenden Krähen und feuchten Füßen. Als erfahrene Talkerin wusste Maybrit Illner, was jetzt kommen musste: eine steile These. Sie hatte da schon was vorbereitet.

Der Anwalt der Leistungsträger

"Kümmern wir uns zu viel um die kranken Banken und zu wenig um die kranken Menschen?", fragte sie angriffslustig in die Runde, der nach so viel Seelenpein mehr nach Friedenskette als nach Fehdehandschuh zumute war. Stefan M. Knoll, ein Unternehmer und Preußen-Fan, setzte ein Nun-lassen-wir-die-Kirche-mal-im-Dorf-Gesicht auf. Er war augenscheinlich als Anwalt der Leistungsträger eingeladen worden, der den Weicheiern von der Psychoknacks-Fraktion Feuer unterm Hintern machen sollte. Blöd nur, dass er in der Garderobe einen Heiligenschein gefunden hatte.

Knoll entwarf von sich das Bild des fürsorglichen Firmenpatriarchen, der das Verhältnis zwischen Aus- und Belastung ausgeglichen gestaltet und Bescheid weiß, wenn bei einem Angestellten am Arbeitsplatz oder im Privatleben etwas schief läuft. Seine durch und durch unternehmerische Begründung, die ein Bauer ebenso auf seine Milchkühe anwenden könnte: "Es sind meine Leute, die muss ich pfleglich behandeln." Von der bayerischen Arbeitsministerin Christine Haderthauer, die als Koalitionspartnerin gebucht war, bekam er dafür das Prädikat "fortschrittliche Personalführungskultur" verliehen. So schnell wird aus Alt also Neu, wer hätte das gedacht.

Stress? Kündigen

Weil er offenbar nicht gegen alle Spielregeln verstoßen wollte, sagte Knoll dann doch noch was Fieses: Wem sein Job zu stressig sei, könne ja kündigen. Eine gezielte Fopperei Richtung Sieghard Bender, dem Mann von der IG Metall Esslingen. Der raffte sich zu einer Pflicht-Erregung auf: "Rangnick kann so ohne weiteres kündigen, eine Krankenschwester aber nicht." Dabei beließ er es aber auch, ihn interessierte nicht das Klein-Klein des Tagesgeschäfts, sondern die große Analyse. Bei der körperlich belastenden Arbeit, referierte er, seien in den letzten Jahrzehnten in puncto Gesundheitsprophylaxe viele Erfolge erzielt worden, von der "Absauganlage bei Schweißarbeitsplätzen" bis zu "Erholungspausen bei Akkordarbeit". Man müsse sich nun mehr auf die Kopfarbeiter konzentrieren, deren Druck unaufhörlich wachse, denn: "Die Produktzyklen werden immer kürzer und die Krisen immer härter." Da flatterten wieder die Krähen durchs Studio und alle fassten sich ganz fest an den Händen.

Nur Sven Hannawald nicht, dem geht's jetzt so gut, dass ihm völlig egal ist, was die anderen über ihn denken. Der fährt jetzt bewusstseinsmäßig im dritten und berufsmäßig im sechsten Gang. Vielleicht aber guckt er manchmal aus seinem Film heraus und denkt sich: In der Luft war es halt schon geiler als am Boden.