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TV-Tipps 29.12.: "Secretary" und "Es geschah am hellichten Tag": Schläge, die guttun

Bevor Shades of Grey BDSM für feuchte Hausmütterchenträume salonfähig machte, gab es einen Film, der erfrischend ehrlich und klischeelos von einer Sadomaso-Beziehung erzählte: "Secretary".

Zunächst träumt Lee Holloway (Maggie Gyllenhaal) nur davon, als Femme Fatale ihren Chef zu verführen. Aber dann...

Zunächst träumt Lee Holloway (Maggie Gyllenhaal) nur davon, als Femme Fatale ihren Chef zu verführen. Aber dann...

"Secretary"
22.40 Uhr, Einsfestival
EROTIKFILM Wenn man mir wehtut, passiert in der Regel folgendes: Ich sage "Aua". Vielleicht schlage ich auch zurück, je nach Gefühlslage und Grad des Schmerzes. Die Idee, dass Schmerz oder gar Demütigung etwas Schönes, gar sexuell stimulierend sein könnte, war für mich, der sich schon bei der kleinsten Zahnbehandlung taubspritzen lässt, eher abwegig.

"Secretary" von Steven Shainberg hätte mich also verstört zurücklassen sollen, als ich den Film vor zehn Jahren zum ersten Mal auf DVD sah. Die damals noch unbekannte Maggie Gyllenhaal spielt Lee Holloway, eine junge Frau, die sich seit der siebten Klasse selbst verletzt. Nach einem Krankenhausaufenthalt beginnt Holloway als Sekretärin für den Rechtsanwalt E. Edward Grey (James Spader) zu arbeiten, der sich von ihrer unterwürfigen Art angezogen führt. Doch was sich für Holloway zu einem befreienden, sexuellen Erweckungserlebnis entwickelt, lässt den Anwalt in einem Strudel aus Selbstscham und Unsicherheit versinken.

Seitdem "Shades Of Grey" die Bestsellerlisten stürmte, sind sadomasochistische Sexpraktiken in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gut, zumindest wird nicht mehr ganz so laut gekichert, wenn von Fesselspielen die Rede ist. Im Gegensatz zu dem klischeehaft geschriebenen Buch ist sein filmischer Vorgänger allerdings schlauer, intimer, erotischer - und viel amüsanter. Zu verdanken ist dies auch der herausragenden Leistung von Gyllenhaal und Spader, eine unglaublich gute Leinwandchemie miteinander teilen und denen es gelingt, dass die erotische Spannung niemals ins Lächerliche kippt. So wird "Secretary" zu einem Film, der auch Menschen die Erotik von SM nachfühlen lässt, die eigentlich nicht darauf stehen.

PS: Jeremy Davies, der hier Holloways Highschool-Freund Peter spielt, ist "Lost"-Fans natürlich als genialer Physiker und Zeitreisender Daniel Faraday ein Begriff.

Hans Matthäi (Heinz Rühmann) engagiert die ledige Fabrikarbeiterin Heller (Maria Rosa Salgado) als Hauswirtin. Die arglose Mutter ahnt nicht, dass der Kommissar ihre kleine Tochter als Lockvogel für einen Kindermörder benutzt.

Hans Matthäi (Heinz Rühmann) engagiert die ledige Fabrikarbeiterin Heller (Maria Rosa Salgado) als Hauswirtin. Die arglose Mutter ahnt nicht, dass der Kommissar ihre kleine Tochter als Lockvogel für einen Kindermörder benutzt.

"Es geschah am hellichten Tag"
21:50 Uhr, 3Sat
DRAMA Selten sind sie, die ernsthaften Rollen des Heinz Rühmann. Wenn dieses alterslose, lausbubenhaftige Gesicht auf meinem TV-Schirm auftaucht, muss ich automatisch schmunzeln. Weil ich an "Die Drei von der Tankstelle" denke, an Pfeiffer mit drei "f" und natürlich an Pater Brown. Doch diesmal gibt es nichts zu lachen. Und Rühmann ist alles andere als "ein Freund, ein guter Freund", sondern eher ein Besessener.

Ein kleines Mädchen wurde ermordet. Der Täter scheint schnell gefasst, ein Hausierer soll die schreckliche Tat begangen haben. Als sich der Verdächtige in der Zelle erhängt, legen die zuständigen Behörden den Fall zu den Akten. Doch Oberleutnant Hans Matthäi (Rühmann) ist von der Unschuld des Mannes überzeugt - und glaubt, dass der wahre Kindsmörder wieder töten wird. Doch sein Versprechen ("bei meiner Seligkeit") an die Mutter des toten Mädchens, den Mörder zu finden, lässt ihn alle Vorsicht vergessen: Um das Verbrechen aufzuklären, benutzt er die kleine Tochter seiner Haushälterin als Lockvogel.

Die Geschichte, wie Rühmann zu einem der ersten Profiler der deutschen Filmgeschichte wurde, gehört heute zu den Klassikern des deutschen Kinos. Mit Rühmann wurde die Rolle des Matthäi allerdings extrem gegen den Strich besetzt - was dem Film von 1958 nicht immer gut tut. So ganz will der Schelm einfach nicht von diesem Gesicht verschwinden - was auch an unseren Sehgewohnheiten von heute liegen mag. Matthäis zunehmender Wahn, das Verbrechen ohne Rücksicht auf Verluste aufklären zu wollen, bleibt für den Zuschauer des 21. Jahrhunderts jedenfalls seltsam oberflächlich.

So sah es wohl auch Friedrich Dürrenmatt, der Schweizer Schriftsteller, der die Vorlage zum Drehbuch lieferte. Zu zahm, zu bürgerlich sei der Film ausgefallen. So setzte er sich noch vor der Premiere an den Schreibtisch, um das Skript zu einem Roman umzuarbeiten, der einen deutlich düstereren Ton anschlug ("Das Versprechen"). Ein spannender Krimi bleibt "Es geschah am hellichten Tag" trotzdem - und wer nach dem Anschauen tiefer in die Psyche Matthäis eintauchen will, greift einfach zum Buch.

Zwei TV-Tipps von Jens Wiesner, freier Autor beim stern. Wer mag, kann ihm auf Facebook oder Twitter folgen