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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich bin seit Jahren in der SM-Szene - und mein Mann hat keine Ahnung

Sich zu lieben bedeutet nicht unbedingt, auch im Bett zusammen zu passen. So extrem wie bei Karina ist es aber selten: Sie lebt sich in der SM-Szene mit Fesseln, Schlägen und Gruppensex aus - und ihr Mann ahnt davon gar nichts.

Karinas Mann ahnt nicht, was sie außerhalb des Ehebettes so treibt (Symbolbild)

Karinas Mann ahnt nicht, was sie außerhalb des Ehebettes so treibt (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Dr. Peirano,

Wenn ich Ihnen meine Geschichte schreiben, kann ich selbst kaum glauben, dass das ich bin.

Vor einigen wenigen Jahren hätte ich mir nie vorstellen können, ein Doppelleben zu führen. Ich bin 47, Lehrerin, Mutter von drei Kindern (17, 15, 13) und mit einem sehr netten, erfolgreichen und (zu) anständigen Mann verheiratet. Er ist oft auf Geschäftsreisen, doch dank einer Haushälterin habe ich große Freiheiten - jetzt.

Vor einigen Jahren sah es noch anders aus, da war ich eine brave Lehrerin, Hausfrau und Mutter, die mit viel Mühe Beruf und Familie unter einen Hut bekommen hat und die Erwartungen anderer über meine eigenen gestellt habe. Der Sex mit meinem Mann hat mir nie gefallen, aber er hatte auch keine Priorität, denn ich war beschäftigt. Heute weiß ich, dass es sexuell mit ihm überhaupt nicht klappen konnte, denn wir sind auf verschiedenen Planenten unterwegs. Für ihn reicht braver, monotoner Sex, am besten nach Zeitplan, und er ist recht prüde und mag zum Beispiel keine Reizwäsche an mir. Er fragt mich immer, ob er mir weh tut - wenn er wüsste… Und er nennt mich "Liebling" - das turnt mich völlig ab.

Ich habe vor gut zwei Jahren einen Mann (Robert) kennen gelernt, der von Anfang an eine ganz andere Seite in mir gesehen hat. Und da wurde mir plötzlich klar, warum es mir sexuell mit "normalen" Männern nie gefallen hat. Ich bin devot und masochistisch. Und extrem freizügig. Robert hat mich gleich beim ersten Mal fest gehalten und sehr hart genommen, und ich habe zum ersten Mal Lust erlebt. Er fesselt mich, oft stundenlang, schlägt mich gekonnt, fügt mir Schmerzen zu und erteilt mir Befehle. Und ich gehorche ihm und kann mir nichts erregenderes vorstellen.

Mir fiel ein, dass meine sexuellen Phantasien sich früher oft um Vergewaltigungen drehten, gerne von mehreren Männern gleichzeitig (ein Trupp Bauarbeiter, Soldaten). Ich habe das nie ernst genommen, aber jetzt ist mir klar, warum. Manchmal traut man sich einfach nicht, die Regeln des Anstands zu sprengen.

Robert und ich haben die Grenzen immer mehr erweitert. Wir sind in der SM-Szene aktiv und in entsprechenden Clubs und privaten Feiern, wo normale Menschen sich überhaupt nicht vorstellen können, was passiert. Mal im Dunklen, mal vor aller Augen. Robert hat mich dann mehreren anderen Männern angeboten und sagt ihnen genau, wie sie mich nehmen sollen. Er bestellt sie dorthin, auf einen verlassenen Parkplatz oder einem Hinterhof, in leeren Wohnungen, und die Männer fallen über mich her. Robert schaut zu und übernimmt mich am Ende selbst. Und ich bin so erregt, dass ich um mehr bettle. Wir treffen uns mit anderen Paaren, mit speziellen Prostituierten. Meine Bedürfnisse werden immer grenzenloser, und Robert inszeniert immer neue Szenen, von denen er weiß, dass sie mir unvorstellbare Lust bereiten. Weil ich die Schlampe in mir entdeckt habe, sogar eine unersättliche Schlampe, und das macht mich süchtig und glücklich.

All das klingt sicher befremdlich, aber es bereitet mir überhaupt keine Probleme. Ich weiß, dass meine Sexualität nicht konventionell ist, aber ich will es nicht anders und bin froh, dass es Orte gibt, an denen ich sie ausleben kann. Und ich bin dankbar, dass ich Robert als Partner und Gefährten habe.

Mein Problem ist, dass ich mich natürlich von meinem Mann sehr entfernt habe und immer weiter entferne. Als ich Robert kennen lernte, habe ich meinem Mann gesagt, dass ich nicht mehr mit ihm schlafen möchte, und er war sehr verletzt davon, hat es aber auf Stress bei der Arbeit geschoben. Er hat aber auch mehrmals gesagt, dass er mich verlassen würde, wenn ich eine Affäre hätte. Wie unschuldig das klingt, eine Affäre. Das, was ich mache, ist viel extremer.

Aber immer wieder bringt er das Thema Sex auf und will jetzt sogar eine Sexualtherapie mit mir beginnen, bei der wir unsere Sexualität verbessern oder wiederbeleben wollen. Ich will aber keinen Sex mit meinem Mann! Es wäre in ungefähr so aussichtslos als wenn ein Homosexueller, der mit einer Frau verheiratet ist, aber auf Männer steht, versucht, mit ihr eine erfüllende Sexualität zu haben.

Ich liebe meine Mann, aber als Freund, als Vertrauten, als Vater der Kinder. Ich möchte mit ihm in einer Familie leben. Mit Robert im Alltag eine Partnerschaft zu haben, ist für mich absurd. Mein Mann und ich haben einen schönen Alltag, wir unternehmen Dinge zusammen, und in unserer Stadt sind wir beide zusammen recht angesehen und anerkannt.

Und dann habe ich Albträume davon, was passieren würden, wenn meine Neigungen ans Licht kommen. Ich kann mir das Entsetzen meines Mannes und der Kinder gut vorstellen. Er weiß nur aus Büchern (die ihn aber nicht interessieren oder erregen), dass es so etwas wie SM gibt. Niemand aus meiner Welt weiß von meinem Doppelleben. Meine Freundinnen nicht, meine Kollegen natürlich nicht. Ich könnte alles verlieren, nur weil ich so bin, wie ich bin. Und natürlich strengt es mich sehr an, zu lügen und alles zu verbergen. Ich sehe aber keinen wirkliche Ausweg aus der Situation.

Was raten Sie mir?

Viele Grüße,

Karina Z.

Liebe Karina Z.,

Kein Wunder, dass Sie zutiefst innerlich zerrissen sind. Wie sollte es bei der Unvereinbarkeit von zwei Welten, die Ihnen sehr wichtig sind, anders gehen?

Auf der einen Seite erleben Sie abseits bürgerlicher Moral zum ersten Mal in Ihrem Leben die Erfüllung Ihrer Leidenschaften und scheinen das auf keinen Fall missen zu wollen.

Auf der anderen Seite fühlen Sie sich Ihrem Mann verbunden, der Ihnen allerdings die Art von Sex, die Sie mögen, nicht bieten kann. Es verursacht Ihnen Schuldgefühle, Ihren Mann zu betrügen und zu hintergehen. Er hat keine Ahnung von dem geheimen Leben, das Sie führen, und wenn er es wüsste, würde er aus allen Wolken fallen. Sie scheinen eine Meisterin der Verstellung zu sein - oder hat Ihr Mann sich dafür entschieden, die Augen vor dem zu verschließen, was in Ihnen vorgeht? Fragt er nie, was Sie während seiner Abwesenheit erlebt haben, bemerkt er keine Veränderungen an Ihnen? Das ist ja ein klares Zeichen, dass Sie seelisch nicht stark mit ihm verbunden sind. Oder dass er solche Angst hat, eine andere Wahrheit zu erfahren als die, die er für akzeptabel hält.

Als Sie mich gefragt habe, welchen Ausweg es aus dieser Situation gibt, habe ich spontan gedacht: Keinen einfachen! Alle werden extrem schmerzhaft sein.

  • Möglichkeit 1 wäre: Die Affäre beenden und Ihre sexuellen Neigungen unterdrücken. Eine freundschaftliche Ehe ohne Sex führen, sich gemeinsam um die Kinder kümmern, alles verbergen, was in Ihnen lodert. Ich glaube, Ihnen wird schon beim Lesen dieser Variante klar, dass Sie nicht in Frage kommt. Ihnen ist Sexualität viel zu wichtig, und die besonderen Neigungen, die Sie haben, befriedigen Sie anscheinend zutiefst. Sexuelle Neigungen lassen sich auch nicht einfach verändern oder unterdrücken. Denken Sie an das ganze Leid, das in jüngster Geschichte den Homosexuellen zugefügt wurde, denen man Ihre Homosexualität "austreiben" wollte.
  • Möglichkeit 2 wäre: Sie machen so weiter wie bisher. Allerdings spüren Sie jetzt schon die psychischen Folgen, die dieser Spagat und das Verleugnen Ihnen abfordern. Ich befürchte, dass Sie irgendwann krank werden. Chronische Blasenentzündungen, Rückenschmerzen oder Depressionen wären unter vielen anderen Beschwerden wahrscheinlich. Keine gute Lösung!
  • Möglichkeit 3: Sie stehen zu sich selbst und zu Ihren Neigungen. Das würde heißen: Sie sprechen mit Ihrem Mann offen darüber, dass Sie sexuell auf einer völlig anderen Wellenlänge sind und sich deshalb auch in Zukunft nicht vorstellen können, wieder mit ihm zu schlafen. Sie können ihm auch sagen, dass es nicht an ihm liegt. Aber natürlich, und das wissen Sie selbst am Besten, riskieren Sie mit offenen Worten Ihre Beziehung.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Ihr Mann die Beziehung mit Ihnen beendet, wenn Sie ihm offen sagen, dass Sie eine Affäre und SM-Sex haben. Aber wenn Ihr Mann nur mit Ihnen zusammen ist, weil er die Wahrheit nicht kennt - wie viel Substanz hat dann Ihre Beziehung? Es bedeutet ja, dass Sie einen wichtigen Teil Ihrer selbst verleugnen müssen, auf Jahre hinaus. Sie sind 47 - wie wollen Sie das weitere Jahre oder Jahrzehnte schaffen? Und wenn die Wahrheit später ans Licht kommt, wird Ihr Mann sich noch schlechter fühlen, weil er weiß, dass Sie ihn jahrelang betrogen haben. Das würde garantiert zu einem harten Bruch führen, auch mit den Kindern. Deshalb würde ich Ihnen empfehlen, schonend vorzugehen und das Thema in kleinen Schritten bei einer Paartherapeutin erarbeiten, damit er es besser verdauen kann.

Sie könnten ihm sagen, dass Sie weiter mit ihm zusammen leben möchten - das wirkt bestimmt glaubhafter, wenn Sie ihm offen sagen, was Sie an ihm mögen und was Sie beide aus Ihrer Sicht als Paar verbindet. Es gibt unzählige Paare, die nicht mehr miteinander schlafen.

Insofern wäre es der ehrlichste Weg, zu benennen, dass das Thema Sexualität zwischen Ihnen beiden für Sie erledigt ist und Sie offen dafür wären, dass jeder auf diesem Gebiet seine eigenen Wege geht. Sie schreiben, dass Sie unter der Unehrlichkeit und dem Versteckspiel leiden und sich danach sehnen, mit offeneren Karten zu spielen. Das geht nur, wenn Sie mit Ihrem Mann sprechen, und zwar über Ihre Beziehung und die sexuelle Unvereinbarkeit. Ihre Neigungen sollten Sie aus meiner Sicht besser nicht erwähnen, die tun nichts zur Sache!!!  Besser wäre es, eine offene Beziehung nach dem Motto - Frag mich nicht, und ich erzähle dir auch nichts - vereinbaren.

Empfehlenswert sind auch Bücher zum Thema, zum Beispiel:

  • Treue ist auch keine Lösung: Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe von Holger Lendt und Lisa Fischbach  

oder

  • Wenn Liebe fremdgeht. Vom richtigen Umgang mit Affären von Ulrich Clement

Ich wünsche Ihnen viel Mut und Klarheit!

Herzliche Grüße,

Julia Peirano


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